100 Jahre Sammeltätigkeit

Die Prussia-Sammlung von ihren Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg

Mit einer viertel Million Exponaten bildete die Königsberger Prussia-Sammlung vor dem Zweiten Weltkrieg eine der bedeutendsten archäologischen Kollektionen Europas, die eindrucksvoll den Fundreichtum des heutigen Kaliningrader Gebietes und des nordöstlichen Polen dokumentierte.

Bilder Fundstücke Wiskiauten Quelle: ZDF

In zahlreichen Ausgrabungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zusammengetragen, diente sie solch berühmten ostpreußischen Vorgeschichtsforschern wie Otto Tischler, Adalbert Bezzenberger oder Carl Engel als Ausgangspunkt für ihre chronologischen Gliederungen des ersten nachchristlichen Jahrtausends. Sie wurden weit über das damalige Ostpreußen hinaus wahrgenommen und sind auch heute noch im Kern gültig. Nach einer gut 100-jährigen Sammeltätigkeit wurde die einzigartige Kollektion am Ende des Zweiten Weltkrieges auseinandergerissen und galt bis in die jüngste Vergangenheit größtenteils als verschollen. Seither ist sie selbst zum Gegenstand archäologischer Ausgrabungen und Forschungen geworden.

Erforschung und Erhaltung

Ihren Anfang nahm die Prussia-Sammlung, als 1844 in Königsberg die Altertumsgesellschaft "Prussia" mit dem Vorsitzenden Ernst August Hagen gegründet wurde. Ihre Mitglieder verpflichteten sich der Aufsuchung, Erforschung und Erhaltung von archäologischen Hinterlassenschaften des Landes. Die dabei zutage geförderten Funde wurden in einer eigenen Kollektion vereinigt, die zunächst zusammen mit der Verwaltung der Prussia-Gesellschaft im Gebäude des Königlichen Palastes, Königsstraße 65/67 (heute Uliza Frunze), untergebracht war. Ein Jahr nach Beginn der Sammeltätigkeit wurde der Gesellschaft mit der Sammlung der schon im Jahr 1790 in Mohrungen gegründeten, seit 1798 in Königsberg ansässigen Physikalisch-Ökonomischen-Gesellschaft eine große Anzahl an Steinbeilen und anderen Funden übergeben.

Mit der Herausgabe der "Sitzungsberichte der Altertumsgesellschaft Prussia" stand ab 1878 ein eigenes Medium zur Veröffentlichung der Ergebnisse der vielfältigen Ausgrabungen zur Verfügung. Bereits ein Jahr später erschien der erste, allerdings noch unbebilderte Ausstellungskatalog, der aus Anlass eines Umzuges in den Nordflügel des Königsberger Schlosses erstellt wurde. Von einem Besuch der Ausstellung begeistert, übergab Kronprinz Friedrich der Prussia-Gesellschaft zwei Jahre später die schon seit 1811 bestehende Königliche Altertümersammlung zur treuhänderischen Verwaltung.

Erster Museumskatalog

Weiteren Zuwachs erhielt die Prussia-Gesellschaft 1905 durch die Übernahme der vorgeschichtlichen Sammlung des Ostpreußischen Provinzialmuseums, das die seit 1865 wieder um eine eigene Kollektion bemühte Physikalisch-Ökonomische-Gesellschaft 1874 gegründet hatte. Ankäufe und Schenkungen von Privatsammlern und kleineren Museen vervollständigten den Bestand. Der erste mit zahlreichen Abbildungen versehene Museumskatalog erschien im Jahre 1906.

Nach finanziellen Schwierigkeiten in den Inflationsjahren und der zwischenzeitlichen Auslagerung in die Gebäude des Königspalastes war die Ausstellung 1924 wieder im Schloss aufgebaut. Im Jahr 1925 musste die mittlerweile aus heimatkundlicher, völkerkundlicher und vorgeschichtlicher Abteilung sowie der Waffensammlung bestehende Kollektion aufgrund finanzieller Schwierigkeiten an die Provinz Ostpreußen übergeben werden, wodurch der neue offizielle Name "Ostpreußisches Provinzialmuseum" zustandekam. Weiterhin blieb die Sammlung aber unter dem Namen "Prussia-Sammlung" weit über die Grenzen Ostpreußens hinaus bekannt.

Aufteilung der Sammlung

Im Sommer 1936 kam es aufgrund von Platzmangel im Schloss zu einer Aufteilung der Sammlung. Während der weitaus größere Teil der Funde aus der so genannten Studiensammlung in die Gebäude des seit 1938 selbstverwalteten "Landesamtes für Vorgeschichte", geleitet von W. La Baume, in die Drei-Kronen-Loge, Hintertragheim 31 (heute Uliza Sergeeva), umgelagert wurde, verblieb der ausgestellte Teil in der so genannten Schausammlung im Königsberger Schloss.

Die damalige archäologische Ausstellung umfasste sechs thematisch von der Steinzeit bis zur Wikinger- und Ordenszeit gegliederte Säle, die im Erdgeschoß des Südflügels untergebracht waren. In Raum 1 befanden sich Funde der Steinzeit, die Bronzezeit und frühe Eisenzeit waren in Raum 2 untergebracht. Raum 3 beherbergte Ausstellungsstücke zur Spätlatène-Zeit und der älteren Römischen Kaiserzeit, während in Raum 4 Gegenstände der jüngeren Römischen Kaiserzeit ausgestellt waren. In Raum 5 sind neben Funden aus der Völkerwanderungszeit und der so genannten spätheidnischen Zeit auch Gegenstände aus dem berühmten wikingerzeitlichen Gräberfeld von Kaup bei ehemals Wiskiauten, Kreis Samland (heute Mochovoe/raj. Selenogradsk), zu besichtigen gewesen. Den Abschluss der Ausstellung bildete Raum 6, der sich thematisch hauptsächlich mit der Zeit des Deutschen Ordens beschäftigte.

Weitere Einrichtungen

Neben diesen Ausstellungsräumen befanden sich weitere Einrichtungen des Museums in den Räumlichkeiten des Königsberger Schlosses. So lag in der 1. Etage des Südflügels die Restaurierungswerkstatt, im Rundturm zwischen Süd- und Westflügel befand sich das Büro des Museumsdirektors Dr. W. Gaerte, neben dem die umfangreiche Museumsbibliothek mit handschriftlichen Archivalien zu den Sammlungen eingerichtet war. Der Westflügel beherbergte im Erdgeschoss die ethnographische Abteilung, im ersten Stock waren verschiedene Arbeitsräume untergebracht. In der dritten Etage lag der große Moskowitersaal, in dem Materialien zur preußischen Militärgeschichte ausgestellt waren.

Drei Stockwerke über dem berühmten "Blutgericht", der Museumsgaststätte, waren auf dem Dachboden im Nordflügel in zahlreichen Schränken Keramikgefäße und Urnen von der Steinzeit bis zur Völkerwanderungszeit magaziniert. Der Eingang des Museums war über den Schlosshof zu erreichen und wurde zu beiden Seiten von Steinskulpturen geschmückt, darunter auch einem frühmittelalterlichen, jatwingischen Standbild, dem so genannten "Mannkesteen" aus ehemals Jelittken, Kr. Treuburg (heute Jelitki, woj. Bialystok, Polen).

Unterschiedliche Schicksalswege

Die im Laufe von fast 100 Jahren auf etwa 250.000 Exponate angewachsene Prussia-Sammlung wurde durch die Kriegsgeschehnisse wieder auseinandergerissen. Dabei können für beide Sammlungsteile, also die Studiensammlung und die Schausammlung, zwei unterschiedliche Schicksalswege nachgezeichnet werden.

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