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"50 bis 60 Vulkane sind ständig aktiv"

Hans-Ulrich Schmincke über die Gefahr, die von Vulkanen ausgeht

Hans-Ulrich Schmincke zählt zu den renommiertesten Vulkanologen weltweit. Seit vielen Jahren untersucht er verschiedene Vulkane auf der ganzen Welt. Im Interview erklärt der Geologe, welche Arten von Vulkanen es gibt, wie gefährlich sie für den Menschen sind und wie viel Einfluss sie auf das Klima unserer Erde haben.

Vulkanologe Hans-Ulrich Schmincke
Vulkanologe Hans-Ulrich Schmincke Quelle: ZDF


ZDF: Wie entstehen Vulkane?


Hans-Ulrich Schmincke: Heutzutage gibt es noch häufig die Vorstellung, dass wir auf einer starren Kruste leben und dass darunter das Magma brodelt, was ab und zu angezapft wird. Diese Vorstellung war aber noch nie richtig. In den letzten 60 Jahren hat die Erdwissenschaft nachgewiesen, dass die Erde im Prinzip aus großen Platten besteht - das sind die Erdkruste und ein Teil des Erdmantels, die zusammengeschweißt sind. Diese Platten bewegen sich, einige tauchen an manchen Stellen unter und an anderen Stellen, wie zum Beispiel am Mittelozeanischen Rücken, reißen die Erdplatten auf. Bildlich gesprochen werden die Risse dadurch verheilt, dass ständig neues Magma aufsteigt und Vulkane am Meeresboden bildet, so dass da nie ein Spalt entstehen könnte.


ZDF: Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Vulkanen?


Schmincke: Man kann anhand der Art, wie ein Vulkan ausbricht, drei Haupttypen von Vulkanen voneinander unterscheiden: Die meisten Vulkane gibt es an den Mittelozeanischen Rücken - das sind Millionen. Sie entstehen in ein paar Kilometern Tiefe, haben sehr trockene Magmen mit wenig Kohlendioxid und Wasser, und sind deshalb nicht explosiv. Manchmal tauchen diese Platten am Meeresboden oder an der Meeresoberfläche auf. Island liegt zum Beispiel am Mittelozeanischen Rücken.

Die zweite Gruppe sind die Subduktionszonen wie der Feuerring, der den Pazifischen Ozean umgibt. Dort werden sehr viel weniger Magmen produziert. Aber sie sind hochexplosiv wegen des Wassers, das sie aus den Ozeansedimenten bekommen. Die dritte Gruppe sind die Intraplattenvulkane. Sie können ozeanischer Natur sein wie zum Beispiel Hawaii oder die Kanarischen Inseln. Oder sie sind kontinentaler Natur wie die Vulkane in der Eifel.


ZDF: Haben sich Vulkane in den letzten Tausenden von Jahren verändert, so dass sie heute eine größere Gefahr für die Menschen darstellen?


Schmincke: Die Zahl der aktiven Vulkane ist praktisch konstant. Alle paar Jahre kommt ein neuer dazu, aber andere werden dann auch weniger aktiv. Die Art der Ausbrüche ist seit Beginn der Erde im Prinzip die gleiche geblieben. Deshalb kann man sagen: Vulkanausbrüche sind ein Naturereignis, was sich in absehbarer Zeit auch nicht verändern wird. Vulkangefahren entstehen nur dann, wenn Menschen zu nah an Vulkanen leben.

Rauchsäule über dem Vesuv
Rauchsäule über dem Vesuv Quelle: ZDF


ZDF: Worin liegen die Unterschiede zwischen erloschenen und aktiven Vulkanen?


Schmincke: Das ist eine Frage, die man nicht präzise beantworten kann. In der Wissenschaft hat man sich geeinigt, dass alle Vulkane, die nach dem Ende der letzten Eiszeit - also vor etwa 10.000 Jahren - ausgebrochen sind, als aktiv bezeichnet werden. Als ich 1970 anfing in der Eifel zu arbeiten, hieß es: Vulkanismus in der Eifel ist erloschen. Anhand der nur sparsam vorhandenen Altersdaten war aber schon damals klar, dass er nicht erloschen ist, sondern einfach nur schläft. Vulkanausbrüche kommen meistens in Wellen - mal ist ein paar Jahre Ruhe und dann gibt es wieder viele Ausbrüche.


ZDF: Warum gibt es immer wieder Menschen, die sich am Rand von Vulkanen niederlassen?


Schmincke: Vesuv ist das klassische Beispiel in Mitteleuropa. Aber auch in Japan leben die Menschen in unmittelbarer Nähe zum Fujiyama, der als der heilige Berg gesehen wird. Tokio als eine der größten Städte der Erde liegt direkt am Fuß dieses Vulkans. Mexico-City liegt in Nähe des Popocatépetl, eines über 5000 Meter hohen Vulkans, der gerade in der letzten Zeit wieder viel ausgebrochen ist.

Gefährliche Heiligtümer

fruchtbares Land am Fuß des Vesuv
fruchtbares Land am Fuß des Vesuv Quelle: ZDF


Diese großen, majestätischen Vulkane haben die Menschen schon immer aus sehr vielfältigen Gründen angezogen. Sie sind erhaben, haben oft religiöse Bedeutung wie in Japan der Fujiyama. Außerdem sind die Böden dort sehr fruchtbar, und auch der Vulkantourismus stellt in manchen Ländern wie Costa Rica oder Nicaragua eine enorm wichtige Einnahmequelle dar und führt deshalb immer wieder dazu, dass Menschen sich in der Nähe von Vulkanen ansiedeln und sich somit in Gefahr begeben.


ZDF: Inwiefern hängen Vulkanausbrüche mit dem Klima zusammen?


Schmincke: Früher hat man geglaubt, dass Vulkanausbrüche vom Erdinneren gesteuert werden. Doch heute sehen wir immer mehr, dass sie auch von außen gesteuert werden. Vulkane beeinflussen also nicht nur das Klima - das Klima kann auch Vulkanausbrüche beeinflussen. Zum Beispiel durch die Erdgezeiten oder durch starke Regenfälle, die durch Passatwinde immer in die gleiche Richtung gelenkt werden. Auch große Erdbeben können das labile System von Vulkanen in tausenden von Kilometern Entfernung beeinflussen. Vulkane sind wie Schwämme voller Wasser, und die meisten bestehen zu 90 Prozent aus Partikeln - kleinen Aschen, größeren Lapilien. Die sind voll Wasser, und wenn durch ein Erdbeben ein Schock kommt, dann wird das aus dem Gleichgewicht gebracht.


ZDF: Sie sind am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel beschäftigt. Wie passen Meeresforschung und Vulkanologie zusammen?


Schmincke: Die Meeresböden umfassen zwei Drittel der Erdoberfläche. Sie bestehen im Prinzip aus vielen Millionen mehrerer verschachtelter Vulkane. Das heißt, die Basis der Ozeane ist vulkanisch. Insofern gibt es im Bereich der Meeresgeologie immer auch Gruppen, die vulkanische Vorgänge und Gesteine untersuchen.

Auch die allererste Erdkruste unseres Planeten war mit Sicherheit vulkanisch. Man kann sich das so vorstellen, dass die erste Kruste sozusagen das Ausgeschwitzte aus dem Erdinneren war. Als es dann eine Lufthülle und Wasser gab, entstanden durch Erosion die Sedimente. Später kamen durch die Bildung von Gebirgen die Metamorphengesteine hinzu. Die ersten Gesteinsarten waren somit die vulkanischen, die sedimentären und die Metamorphen.

Vesuv bei Nacht
Vesuv bei Nacht Quelle: ZDF


ZDF: Inwieweit ist Europa von Vulkanausbrüchen bedroht?


Schmincke: Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Menschen seit jeher immer mehr von den Vulkanen profitiert als unter ihnen gelitten haben. Die Gefahr ist erst in den letzten Jahren so ins Bewusstsein gerückt, weil die Verdichtung der menschlichen Besiedelung und die Vernetzung und Abhängigkeit zu groß geworden sind.

Vesuv-Ausbruch wahrscheinlich

Ob der Vesuv noch einmal ausbrechen wird, ist unklar. Vielleicht bricht er nie wieder aus. Aber ich würde von meiner vulkanischen Lebenserfahrung her denken, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Vesuv wieder ausbricht, sehr hoch ist. Wenn der Vulkan wieder ausbricht, dann ist das ganz schlimm und dann kann man das Wort Katastrophe schon benutzen. Ich selbst benutze das Wort sehr ungern, das Wort Naturkatastrophe sowieso nicht, weil es eigentlich immer gesellschaftliche Katastrophen sind. Wenn die Menschen sich vor einer Gefahr nicht schützen können, weil sie von ökonomischen Interessen geleitet sind, dann begeben sie sich mutwillig in Gefahr. Aber man muss Gefahr immer mit der Dichte der Besiedelung verknüpfen. Die Natur an sich ist nicht gefährlich. Sie wird es erst durch die Gesellschaft.


ZDF: Wie realistisch schätzen Sie die Möglichkeit ein, dass ein Supervulkan ausbricht, der globale Auswirkungen haben wird?


Schmincke: Es hat solche Ausbrüche in der Erdgeschichte gegeben. Die erste große Eruption war vor 600.000 Jahren. Das ist eine sehr, sehr lange Zeit, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich das wiederholt, ist nicht sehr groß. Man kann sagen: Je größer eine Vulkaneruption mit ihren Auswirkungen auf ihre Umgebung und die Atmosphäre ist, desto länger ist der Zeitraum, bis es zum erneuten Ausbruch kommt. Also das passiert nicht alle paar tausend Jahre.

Eruptionen vom Typ des Vesuv 79 nach Christus gibt es ein bis zwei Mal pro hundert Jahre auf der Erde. Größere Vulkanausbrüche wie Tambora oder Santorini passieren vielleicht alle fünfhundert Jahre.

Jedes Jahr gibt es Hunderte von Vulkanausbrüchen. 50 bis 60 Vulkane sind pro Jahr aktiv, das kann man heute alles im Internet (wie zum Beispiel auf der Homepage des International Volcano Research Centre in Arizona) verfolgen. Kamtschatka, Indonesien und die Philippinen sind die Gebiete mit der größten Dichte von Vulkaneruptionen. In jedem Augenblick sind Vulkane in dem Sinne aktiv, dass sie Aschenwolken, Lavaströme und kleine Glutlawinen produzieren. Das heißt, je kleiner die Ausbrüche sind, desto häufiger treten sie auf - das bedeutet aber nicht, dass sie deshalb nicht so gefährlich sind.

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