Abenteuer im Irrgarten

Spaß statt Erlösung

Mit Beginn der Renaissance verbannt die Kirche die Labyrinthe aus den Gotteshäusern. Sie gelten als Synonym für Zeitverlust und Sünde. Einzig in Gärten wird noch herumgeirrt: zum Spaß, nicht zur Erlösung.

Immer seltener haben Gärtner das Motiv vom Minotaurus vor Augen. Die Mitte verliert an Bedeutung als Sündenpfuhl oder Erlösungsort. Die Labyrinthe wandeln sich zu Irrgärten. Ihre Wege der Erkenntnis zu unterhaltsamen Promenaden. Das Finden der Mitte zum amüsanten Rätselspiel.

Überblick von Aussichtstürmen

Die ersten Irrgärten, die in Europa schon bald zu Hunderten empor wuchsen, schmückte ein Lebensbaum im Zentrum: Ein Relikt aus heidnischen Zeiten, Symbol für die Erneuerung der Natur und der Liebe im Frühling. Aussichtstürme kommen in Mode und helfen den Mächtigen, den Überblick zu behalten. Papst Clemens X. soll sich mit seinen Dienstboten einen besonderen Spaß erlaubt haben. Er schickte sie in das Gängegewirr. Hatten sie die Orientierung verloren, ließ er sie eiligst rufen.

Bis heute spiegeln die Gärten wider, was ihre Erbauer und Benutzer einst darin zu finden hofften: das Abenteuer der Wildnis - die Gefahr sich zu verirren - Spurensuche - Verfolgung - und die Aufregung, die das Verstecken und Entdecktwerden mit sich bringen. Einige verloren im Gewirr der Gänge ihre Gespielen. Während andere, zu allerlei Tändelei aufgelegt, vom kürzesten Weg eigentlich gar nichts wissen wollten. Und manch einer kam vom richtigen Pfad ab wie Heinrich II., der sich heimlich mit seiner Mätresse im Irrgarten zu vergnügen pflegte. Die Königin, die eines Tages davon erfuhr, wollte ihren Gatten unbedingt in flagranti ertappen.

Verführerisches Spiel

Eifersüchtig und voller Zorn machte sich die Königin mit ihren Kammerzofen auf, ihren untreuen Ehemann und seine Geliebte zu stellen. Sie kam ihnen näher und näher und konnte schon ihr Lachen hören. Der König ahnte nichts von der aufziehenden Gefahr, zu sehr nahm ihn das verführerische Spiel seiner Geliebten gefangen. Immer wieder liefen Verfolger und Verfolgte dicht aneinander vorbei. Doch ebenso schnell verloren sie sich wieder.

Die kleine Anekdote belegt, wie einfallsreich und kompliziert das Wegemuster oft geplant war. In manchen Gärten - so die Chronisten - irrten die Besucher stundenlang umher. Doch schließlich schnappte die Falle zu. Die Königin überraschte das verliebte Paar in einer Sackgasse. Empört stellte sie die Mätresse vor die Wahl: Dolch oder Gift. Der Regent soll nie mehr gelacht haben.

Wettbewerb der Phantasie

Irrgärten blieben populär - bis weit ins 18. Jahrhundert. In jenen Tagen lag Europa im Labyrinth-Fieber. In allen Ländern wurde entworfen und gepflanzt. Ein Wettbewerb der Phantasie brach aus. Kaum zu überschauen die Flut der Ideen, der immer neuen Formen. Zahlreiche Pläne wurden realisiert. Doch von den wirklich großen Entwürfen sind heute nur noch wenige erhalten.

Damals erfreuten sich die Anlagen so großer Beliebtheit, dass es sogar Mode wurde, den verschlungenen Weg zur Mitte musikalisch auszudrücken. Auch Johann Sebastian Bach komponierte ein "Kleines harmonisches Labyrinth". Selbst geschrieben wurde labyrinthisch, meist in Reimen über die sündige Welt. In den gewundenen Linien fand der moralische Inhalt seine adäquate Form, denn im beschwerlichen Richtungswechsel konnte der Leser die ganze Mühsal ermessen, der die Menschheit seit dem Sündenfall unterworfen ist.

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