Abenteuer im Kopf

Vom Hochstapler zum Popstar der Literatur

Karl May schuf mit seinen Büchern eine globale Parallelwelt, die den Leser entführt in die arabische Wüste oder in den Süd-Sudan, nach China oder mitten in den Wilden Westen. Mays Bücher erschienen in 40 Ländern. Der gebürtige Sachse ist der bis heute auflagenstärkste deutschsprachige Schriftsteller. Inzwischen gibt es eine historisch-kritische Ausgabe ebenso wie Hörbücher. Doch nicht nur die Rezeption, eigentlich alles rund um Karl May ist abenteuerlich.

Denn auch das Leben des Autors ist eine einzige Abenteuer-Geschichte. May war ein Mann, der ganz unten war, bevor er oben ankam. Geboren wurde er am 25. Februar 1842 in einem Weberhaus im sächsischen Hohenstein-Ernstthal. Der kleine Karl musste ein heller Kopf gewesen sein, die Eltern sorgten dafür, dass er nach der Rektoratsschule 1856 ein Lehrerseminar in Waldenburg besuchen konnte. Doch dort entwendete er Kerzen, musste gehen, und fiel im nächsten Lehrerseminar in Plauen erneut negativ auf, weil er eine Taschenuhr und andere Kleinigkeiten "mitgehen" ließ.

Er wurde daraufhin wegen "Uhrendiebstahls" zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, die er in Chemnitz absaß. Danach geriet er auf die schiefe Bahn, große Betrügereien folgten kleinen, und alles in allem saß er über sieben Jahre ein. In der Gefängniszeit schrieb er die ersten Gedichte und ein so genanntes "Repertorium". In regelmäßiger Sütterlinschrift listet May darin all die Themen auf, über die er schreiben wird. Es ist sein "Masterplan", eine Art Marktanalyse der erfolgreichsten Stoffe. May hatte Glück, unmittelbar nach seiner Entlassung wurde er Redakteur und schrieb Kolportage-Geschichten, die reißenden Absatz fanden.

Es war die Zeit, bevor die Bilder laufen lernten. Aus den Kolonien kamen exotische Waren, und die letzten weißen Flecken auf den Landkarten schrumpften mehr und mehr. Millionen Deutsche wanderten aus in die Neue Welt, und die, die blieben, wollten wissen, wie wild er wirklich ist, der "Wilde Westen". Karl May war der Mann der Stunde, er erfüllte den Lesern ihre Träume. "Ich selbst bin Old Shatterhand", schrieb er später immer wieder, die Abenteuer im Wilden Westen habe er ebenso erlebt wie die Reisen durchs wilde Kurdistan oder durch die Wüsten der arabischen Halbinsel. Vieles hervorragend recherchiert, allerdings aus Büchern, die seinerzeit 20 bis 30 Jahre alt waren.

Band mit Karl May-Fanfotos
Band mit Karl May-Fanfotos

So ließ er seinen Helden mit dem Pferd durch Istanbul reiten zu einer Zeit, in der am Bosporus schon längst eine U-Bahn verkehrte, erzählt der Vorsitzende der Karl-May-Gesellschaft, Johannes Zeilinger. May liebte die Posen und ließ sich als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi fotografieren. Seine Leser haben ihn geliebt, die Fans schickten ihm Fotos. Es sind rührende Aufnahmen, die ein Hausmädchen im Indianerkostüm zeigen oder Schüler im Matrosenanzug, die vor Landkarten stehen, auf denen die Reiserouten verzeichnet sind, auf welchen Karl May unterwegs gewesen sein will.

Presseartikel über Karl May
Presseartikel über Karl May

Im Alter holte ihn seine Vergangenheit ein. Man erpresste ihn, warf ihm seine Haftstrafen und seinen falschen Doktor-Titel vor. Der Autor geriet mehr und mehr in die Kritik und führte bis zu seinem Tode unzählige Gerichtsprozesse. Auf den Altersfotos kann man sehen, wie sehr ihm das zugesetzt haben muss. Am 30. März 1912 starb Karl May im Alter von 70 Jahren in Radebeul bei Dresden.

Dass er sich vor dem Ersten Weltkrieg stark machte für eine pazifistische Welt und ein symbolistisches Alterswerk verfasste, wissen heute nur wenige. Dass Indianer allerdings heute in ihren Reservaten erfolgreiche Spielcasinos betreiben und den Weißen ihre Dollars aus den Taschen ziehen, hätte sich der schreibende Sachse vermutlich nicht träumen lassen.

Heute gilt er als ein "Superstar" der deutschen Literatur: Übersetzungen liegen in über 30 Sprachen vor und allein die deutschsprachige Karl-May-Gesamtauflage dürfte inzwischen bei rund 100 Millionen liegen. Seine bibliophilen Ausgaben kosten Tausende von Euro und die Szene hat sogar mehrere Zeitschriften. Mittlerweile gehen die Auflagen zwar zurück, populär aber sind die Helden von Old Shatterhand bis Kara Ben Nemsi immer noch. Über 600.000 Menschen besuchten bis heute Karl-May-Festspiele, die nicht nur in Bad Segeberg, sondern auch im sächsischen Kurort Rathen und an anderen Orten im ganzen Land stattfinden. Mitglieder der Karl-May-Gesellschaft stehen untereinander in Kontakt und treffen sich drei, vier Mal im Jahr zu regionalen Stammtischen.

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