"Able"-Day

Der Airforce-Test am 1. Juli 1946

Für die Demonstration ihrer atomaren Stärke und für die Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnisse scheute die amerikanische Regierung weder Kosten noch Aufwand. Doch die Gründe für das Mammutprojekt waren weitaus subtiler. Tatsächlich war die Operation einem Machtkampf innerhalb der amerikanischen Militärstruktur geschuldet. Am 1. Juli startet der erste Versuch unter dem Namen "Able".

Flotte bereit zum Versenken
Flotte bereit zum Versenken Quelle: ZDF

In den Nachwehen der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis 1945 erlangte die Atombombe nicht nur die Aufmerksamkeit der Weltzivilbevölkerung, sondern stellte auch das Denken der verantwortlichen Militärs auf den Kopf. Schon seit einiger Zeit war eine Diskussion zwischen den Luft- und Seestreitkräften entbrannt, wer von beiden für die Verteidigung der USA effizienter sei und die militärische Stärke der Nation stellte. Für Unterstützer der Army Air Force war klar, dass der Zweite Weltkrieg hauptsächlich durch die Flächenbombardements der Luftwaffe gewonnen wurde und der nächste Krieg ganz ohne Seegefechte und Invasionen auskäme. Mit der neuen Waffe war die Navy - ihrer Ansicht nach - überflüssig geworden.

Verteilungskämpfe

Militärhistoriker Steve Wiper erklärt die Hintergründe: "Die U.S. Army wollte beweisen, dass sie mit der Anwendung von Atomwaffen jede bestehende Kriegsflotte zerstören konnte. Es war ihr Ziel, die U.S. Navy für nichtig zu erklären, damit die finanziellen Mittel stattdessen an die Army fließen konnten. So funktioniert das amerikanische System. Es gibt ständig Kämpfe um die Verteilung der Gelder. Natürlich wollte die Navy dies verhindern und im Gegenteil beweisen, dass ihre Flotte durchaus einem Angriff mit Nuklearwaffen standhalten konnte. So kam es zu diesem Wettstreit."

Tatsächlich hatte die Navy schon selbst mit der Idee gespielt, die Atomwaffe in die eigene Kriegsführungstaktik zu integrieren - mit dem Argument, dass sich die Flugzeuge der Navy auf Flugzeugträgern genauso gut für die Zubringung und den Abwurf von Atombomben eignen würden wie die Bombenflugzeuge der Army Air Force. Längst hatte die Navy selbst Atomwaffentests in Planung und begrüßte daher den Vorstoß der Air Force, einen gemeinsamen Test durchzuführen. Rasch wurde eine Zielflotte von ausrangierten Kriegsschiffen zusammengestellt, an der die tödliche Waffe getestet werden sollte.

Fünftgrößte Flotte als Zielobjekt

US Flugzeugträger Saratoga
US Flugzeugträger Saratoga Quelle: ZDF

Steve Wiper: "Die Flotte, die man bei der 'Operation Crossroads' einsetzte, war beispielhaft für die meisten verschiedenen Schiffstypen der U.S. Navy der damaligen Zeit. Außerdem gab es einige Schiffe aus Ländern, die die USA während des Zweiten Weltkriegs besiegt hatten. Schlachtschiffe, Kreuzer, Flugzeugträger, Zerstörer, U-Boote, Versorgungsschiffe und Landungsboote sollten dabei sein. Die Flotte, die schließlich zusammengestellt wurde, war die fünftgrößte Flotte der Welt zu der Zeit. Einige der Schiffe sind sehr berühmt: der Flugzeugträger 'Saratoga', die Schlachtschiffe 'Nevada', 'Pennsylvania' und 'Arkansas', das japanische Kampfschiff 'Nagato', der deutsche schwere Kreuzer 'Prinz Eugen' und verschiedene Zerstörer, die sich im Zweiten Weltkrieg verdient gemacht hatten."

Am 1. Juli 1946 war es soweit. 42.000 Militärs, Zivilisten, Wissenschaftler und internationale Regierungsvertreter standen in Position, um die Testreihe auf dem Bikini-Atoll durchzuführen und zu verfolgen. Der erste Test, "Able", sollte von der Air Force als Luftabwurf durchgeführt werden. Ein Verband von 75 Schiffen wurde in der Lagune von Bikini eng nebeneinander aufgestellt, um den größtmöglichen Effekt zu erreichen. Die Navy protestierte.

Unrealistische Simulation

Atombombenexplosion am "Able-Day"
Atombombenexplosion am "Able-Day"

Steve Wiper: "Die Navy erklärte, dass die Aufstellung der Schiffe während der 'Operation Crossroads' nicht korrekt war. Bei einer richtigen Flotte wären die Schiffe viel weiter von einander entfernt, daher würden bei Abwurf einer Atombombe auf einen realen Flottenverband höchstens ein oder zwei Schiffe versenkt werden."

Doch die Regierung entschied, dass es wichtiger war, so viele wissenschaftliche Erkenntnisse wie möglich über die verschiedenen Schiffsbauarten und die Strahlenmessinstrumente, die auf den Schiffen positioniert waren, zu erlangen. Deshalb verzichteten die Verantwortlichen auf eine realistische Simulation. Um 5.55 Uhr Ortszeit hob Pilot Woodrow P. Swancut mit seinem Flugzeug 'Dave's Dream' und einer Atombombe mit einer Sprengkraft von 21 Kilotonnen an Bord von einem Luftwaffenstützpunkt auf dem Nachbaratoll Kwajalein ab. Drei Stunden später erreichte er die Testflotte. Bombenschütze Harold H. Wood warf die Bombe ab und zündete sie.

Ziel verfehlt, Enttäuschung groß

Steve Wiper: "Die Bombe explodierte ungefähr 160 Meter über der Wasseroberfläche. Das Schlachtschiff 'Nevada' sollte als Ziel dienen und war extra leuchtend orange angestrichen worden, damit der Bombenschütze es besser erkennen konnte. Doch dann lief etwas schief, die Bombe verfehlte ihr Ziel um fast 700 Meter. Sie explodierte also nicht wie geplant im Mittelpunkt der Flotte. Und obwohl die Explosion grandios war, wurden nur sehr wenige Schiffe versenkt. Durch den ganzen Presserummel und die Propaganda, die es vorher gegeben hatte, hatten alle erwartet, dass die gesamte Flotte von dieser einen Bombe geradezu ausgelöscht werden würde. Doch als sich der Rauch verzog, waren die meisten Schiffe noch über Wasser. Viele Leute empfanden den Test daher als Reinfall und wenig überzeugend."

Ein riesiges Propagandadebakel für die Air Force und die amerikanische Regierung. Ein Drittel der angereisten Reporter verließ Bikini enttäuscht noch vor dem zweiten Test.

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