Ältester Tempel der Menschheit

Der Jahrhundertfund des Göbekli Tepe

Es war die größte archäologische Sensation der letzten Jahrzehnte: Auf dem Göbekli Tepe, dem "Nabelberg", wurden Reste eines monumentalen Tempels aus der Jungsteinzeit ausgegraben. Seine Erbauer, das belegen die Funde, lebten vor mehr als 11.000 Jahren. Forscher glauben, dass der Tempelbau am Anfang einer Revolution stand: Hier, im Fruchtbaren Halbmond, erfand der Mensch die Landwirtschaft und wurde sesshaft.

Göbekli Tepe - Pfeiler im Halbkreis
Göbekli Tepe - Pfeiler im Halbkreis Quelle: ZDF

1994 wurde ein deutscher Forscher in Südostanatolien auf einen seltsamen Hügel aufmerksam, den die Natur in dieser Gegend niemals so geformt hätte. Was er bei seinen Grabungen entdeckte, stellt die Menschheitsgeschichte auf den Kopf.

Kunstvolle Tierreliefs

Schichtweise kommen auf dem Nabelberg bis heute frühgeschichtliche Schätze zum Vorschein: bis zu fünf Meter hohe, T-förmige monolithische Steinpfeiler, geschmückt mit Reliefs und plastischen Darstellungen verschiedener Tiere. Die kunstvoll in Stein gehauene Menagerie umfasst unter anderem Skorpion und Schlange, Wildschwein und Fuchs, Ente und verschiedene Vögel.

Göbekli Tepe, Pfeiler mit Fuchsrelief
Göbekli Tepe, Pfeiler mit Fuchs Quelle: ZDF

Auf einem Gelände von 5000 Quadratmetern legten die Archäologen bisher 48 Großpfeiler frei, die die runden Grundrisse von vier Räumen markieren. Zahlreiche weitere Räume mit Pfeilern, insgesamt wohl 95 Prozent des Baus, werden noch unter der Erde vermutet.

Archäologische Sensation

Die Datierung der Monumente sorgte für Aufsehen: Um 9.600 v. Chr, in der Jungsteinzeit, soll mit dem Bau der Anlage begonnen worden sein. Der Göbekli Tepe ist also rund 11.600 Jahre alt, über 6000 Jahre älter als Stonehenge. Rund um den Göbekli-Hügel fanden die Forscher nur Knochen von Wildtieren. Auch das belegt, dass die Baumeister noch Jäger und Sammler waren, die nomadisch lebten. sie konnten noch keine Keramiken brennen.

Pfeiler mit Fuchsrelief
Göbekli Tepe - Relief Fuchs Quelle: ZDF

Mit diesem Wissen muss das Bild des Menschen in der Frühzeit revidiert werden. Bisher hätte man einfachen Jägern niemals die Kunstfertigkeit zugetraut, wie sie in den Monolithen vom Göbekli Tepe zutage tritt. Aber was bedeuten die Tierdarstellungen? Warum wählten die Steinmetze ausgerechnet diesen Ort für ihre Anlage aus? Fragen, auf die die Forscher erst allmählich Antworten finden.

Frühe Kultstätte

Eine besondere Rolle scheint ein Greifvogel zu spielen: der Geier. Seine Darstellung auf den Pfeilern erinnert die Archäologen an eine Herrscherfigur. Vieles deutet darauf hin, dass Göbekli Tepe kein Ort des alltäglichen Lebens war, sondern eine Kultstätte, an der rituelle Handlungen stattfanden. Muldensteine mit Rinnen könnten als Opferschalen gedient haben. Nach einer Theorie der Forscher wurden die Toten in einer archaischen Bestattungszeremonie hier abgelegt. Geier hatten die Aufgabe, die Seelen der Toten von ihren Körpern zu befreien.

Relief mit Geier am Göbekli Tepe
Relief mit Geier Quelle: ZDF

Bisher galt die Überzeugung: Nur sesshafte Kulturen bauen Tempel. Dieser Fund vermittelt ein völlig anderes Bild. Auch eine Jäger- und Sammlerkultur kann Heiligtümer errichten. Zu einer Zeit, in der die Menschen noch als Nomaden lebten, gab es hier bereits ein Großbauprojekt, das Arbeitsteilung erforderte.

Erfindung der Landwirtschaft

Womöglich war dies der entscheidende Anstoß zur Erfindung einer revolutionären Technik: der Landwirtschaft. Schließlich musste man die vielen am Bau Beschäftigten versorgen. DNA-Analysen beweisen, dass die Ur-Heimat des Weizens in der Nähe des Nabelbergs in Anatolien liegt. Hier entstand aus wilden Gräsern unser Getreide.

Fruchtbarer Halbmond auf der Weltkarte (Animation)
Fruchtbarer Halbmond Quelle: ZDF

Den Übergang der Menschheit in der Jungsteinzeit - wissenschaftlich Neolithikum - von der Jäger-Sammler-Gesellschaft zu sesshaften Ackerbauern und Viehzüchtern bezeichnet man als "neolithische Revolution". Und sie spielte sich hier ab, in Südostanatolien, einem zentralen Teil des sogenannten Fruchtbaren Halbmondes. Diese damals üppig grüne Region zog sich vom Golf von Suez über Israel, Libanon und Syrien bis in die Südosttürkei und hinunter ins Zweistromland, den heutigen Irak. Sie wird als Wiege der europäischen Zivilisation angesehen.

Kühe mit Migrationshintergrund

Im Gebiet der heutigen Türkei begannen unsere Vorfahren auch Wildtiere zu Nutztieren zu zähmen, um sich damit unabhängig von der Jagd zu machen. Die Hausrinder, die wir heute halten, kommen von jenseits des Bosporus. Anders als die Viehzucht zwingt der Ackerbau mit seinem Rhythmus von Aussaat und Ernte die Menschen zum Verharren. Gleichzeitig sichert die Landwirtschaft erstmals die Ernährung vieler Menschen. Die Bevölkerungszahlen steigen, die Siedlungen florieren und befeuern den kulturellen Austausch. Ein fundamentaler Epochenwechsel in der Menschheitsgeschichte.

Völkerwanderungsströme aus der Türkei nach Europa (Animation)
Karte Völkerwanderung Türkei nach Europa Quelle: ZDF

Vor 7000 Jahren verschlechtern sich die Lebensbedingungen in der heutigen Türkei, Völkerwanderungen setzen ein. Abrupt endet der Tempelbau am Nabelberg, und die Klimaflüchtlinge der folgenden Jahrhunderte hinterlassen ihre Spuren in ganz Europa. Jenseits des Bosporus treffen die Menschen auf Jäger- und Sammlerkulturen. Ihr mitgebrachtes Wissen breitet sich rasch aus: Landwirtschaftliche Techniken tauchen fast zeitgleich in Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen auf. So verhelfen die Einwanderer aus der Türkei den frühen Europäern zu Kultur und Wohlstand.

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