Äthiopien – Zauber des Anfangs

Es war einmal in Ostafrika

Viele Entwicklungen, die die Welt veränderten, nahmen in Äthiopien ihren Anfang. In seinem Hochland entspringt der Blaue Nil. Schon vor Tausenden von Jahren versorgte er die alten Ägypter mit Wasser und fruchtbarem Schlamm. Die äthiopische Kultur selbst hat uralte Wurzeln. Die Bibel erzählt von einer legendären Begegnung zwischen König Salomon und der äthiopischen Königin von Saba. Aber die Geschichte reicht noch weiter zurück. Hier, in der Region, in der das Feuer der Erde einst das Land erschuf, erlernte der Mensch den aufrechten Gang.

Vor etwa 30 Millionen Jahren erwachte unter der Erdkruste Äthiopiens ein brodelndes Inferno. Eine gewaltige Magmablase bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche. Der Druck dehnte die Erdkruste und riss sie in einer Länge von über 6000 Kilometer auseinander. Von Äthiopien bis nach Mosambik entstand allmählich ein gewaltiger Riss: der Ostafrikanische Grabenbruch. Riftzonen nennen Geologen diese tektonisch aktiven Gebiete.

Kräfte aus der Tiefe zerren am Land

An einigen Stellen türmte sich die Lava auf und ließ die höchsten Gebirgszüge des Kontinents emporwachsen. Auf der windabgewandten Seite dieser Berge senkte sich das Land mehr als 100 Meter unter den Meeresspiegel. In dieser Senke im Nordosten Äthiopiens liegt die Danakilwüste, einer der heißesten und trockensten Orte der Erde mit Temperaturen von bis zu 60 Grad. Heiße Winde aus Südarabien trocknen das Land aus. Wie in einem Kessel staut sich hier die Hitze.

Riss im Boden nach Erdbeben
Risse im Erdboden wie dieser können über Nacht entstehen.

Aus dem Erdinneren wird die Region durch Vulkane noch weiter aufgeheizt. Der Erta Ale, ein aktiver Feuerspeier, birgt in seinem Krater einen großen, ständig brodelnden Lavasee. Die unterirdische Magmablase zerrt stetig weiter an Äthiopien. In der Riftzone ist die Erdkruste extrem dünn. Magma drängt sich hier nach oben und kann quasi über Nacht Risse entstehen lassen. Zuletzt geschah dies 2005, als sich ein gewaltiger, 50 Kilometer langer und mehr als sechs Meter breiter Riss im Untergrund öffnete. Krater, Risse und Erdspalten sind Vorboten eines Schicksals, das die Region in ferner Zukunft erwartet: Die Erdplatten bewegen sich entlang der Bruchlinie durchschnittlich zwei Zentimeter pro Jahr auseinander. In rund zehn Millionen Jahren könnte sich das Horn von Afrika vom übrigen Kontinent gelöst und die entstehende Spalte einem neuen Ozean Raum gegeben haben.

Als der Vierbeiner zum Zweibeiner wurde

Das äthiopische Hochland als Wetterscheide (Animation)
Die neu emporgehobenen Gebirgsketten bildeten eine Wetterscheide.

Die tektonischen Prozesse formen das Antlitz Ostafrikas ständig um. Und sie haben einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung des Affen zum Menschen. Vor Millionen Jahren war Ostafrika von ausgedehnten Regenwäldern bedeckt, als die neu emporgehobenen Gebirgsketten das lokale Klima zu beeinflussen begannen: Sie bildeten eine Wetterscheide. Die feuchte Luft der Regenwälder konnte sich nicht mehr bis zur Küste ausdehnen. In der Folge trocknete östlich des Grabenbruchs die Landschaft nach und nach aus. Die Regenwälder wichen ausgedehnten Savannen. Das Leben in der Savanne verlangte neue Fähigkeiten. Die Affen aus den Wäldern mussten sich an die trockeneren Bedingungen anpassen. Aber warum begannen sie auf zwei Beinen zu gehen? Die Wissenschaft hat viele Theorien dazu entwickelt. Die bisher gängigste besagt, dass unsere Vorfahren in aufrechter Haltung besser über das hohe Gras schauen konnten, das ansonsten immer den Blick auf Freund und Feind verstellte – ein Sicherheitsgewinn.

Für plausibler halten Forscher heute eine andere Theorie: Schimpansen, unsere nächsten Verwandten, nutzen alle vier Gliedmaßen zur Fortbewegung. Zu besonderen Anlässen können Affen zwar auch auf zwei Beinen gehen, aber im Dschungel ist es besser, auf allen Vieren durchs Dickicht zu klettern. Auf langen Strecken hingegen spielt der zweibeinige Gang seine Stärken aus. Forscher haben herausgefunden, dass er viel weniger Energie verbraucht als der vierbeinige Gang der Schimpansen. Als die Waldgebiete immer spärlicher wurden, konnten unsere Vorfahren die immer größer werdenden Distanzen besser auf zwei Beinen überwinden. Und die Evolution belohnte die neue Gangart.

Der Blaue Nil und die Blüte Ägyptens

Seit die ersten Menschen in Afrika Fuß fassten, ist der Osten des afrikanischen Kontinents besiedelt. Später bot das fruchtbare Hochland ideale Bedingungen für die Landwirtschaft. Die vulkanischen Böden und die regelmäßig wiederkehrenden Regenfälle sorgten für reiche Ernten. Hier entspringt der Blaue Nil, einer der beiden Quellflüsse des Nil, der eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung der ägyptischen Hochkultur spielte. Denn die Fluten, die zur Regenzeit mineralhaltigen Schlamm von den steilen Berghängen waschen, sorgten in Ägypten für die alljährliche Nilschwemme.

Nilfälle von Tis Issat
Die Nilfälle Tis Issat - in der Regenzeit Afrikas zweitgrößte Wasserfälle

Der mit dem Wasser transportierte Schlamm war Grundlage des Wohlstands eines ganzen Volkes. Nur dank der Mineralien aus den vulkanischen Hochlandböden brachten die Felder üppige Erträge, was die Basis für einen einzigartigen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung legte. Die These erscheint nicht zu gewagt, dass es Pharaonenkult, Pyramiden und Hieroglyphen ohne den Blauen Nil und seine kostbare Fracht niemals gegeben hätte. Heute muss Äthiopien, das Ursprungsland der Fruchtbarkeit, diesen Reichtum teilen. Verträge verleihen Ägypten Vetorechte, falls Äthiopien Bewässerungs- oder Staudammprojekte am Nil planen sollte.

Uralte Hochkultur

Christliche Wandmalerei
In Äthiopien sind noch viele Überlieferungen der Urchristen lebendig.

Äthiopien selbst ist die Heimat historischer Hochkulturen. Schon vor 1700 Jahren wurde das Christentum Staatsreligion. Wie kaum in einem anderen Land der Welt sind hier die Überlieferungen der Urchristen noch lebendig. Sogar Hinweise auf die Geburt der äthiopischen Nation sollen sich in der Bibel finden: Die sagenhafte Königin von Saba, die aus Äthiopien stammen soll, habe in Jerusalem König Salomon, den Herrscher Israels, besucht. Salomon sei es gelungen, die Königin zu erobern. Der aus der Begegnung hervorgegangene Sohn, Menelik, sollte der Überlieferung nach zum Urvater der Herrscherdynastie Äthiopiens werden.

Die Legende erzählt, dass durch ihn ein Schatz unermesslichen Wertes nach Äthiopien gelangte: die Bundeslade mit den Zehn Geboten, die Moses von Gott empfing. Historiker halten das für pure Fantasie. Für die Äthiopier aber steht die Begegnung am Anfang ihrer eigenen Geschichte. Sie belegt die enge Verbundenheit Äthiopiens mit dem Heiligen Land und den Geschichten aus der Bibel.

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