"All meine Versuche, ins All zu fahren, sind an meiner Brille gescheitert"

Professor Harald Lesch

Möchten Sie gerne noch ein bisschen mehr erfahren über Harald Lesch? Bei einem Interview im Rahmen der Aufzeichnungen zu dem Zweiteiler "Faszination Universum" fand der ZDF-Wissenschaftsmoderator Zeit, uns ein paar Fragen zu beantworten.

Professor Harald Lesch
Professor Harald Lesch Quelle: ZDF

ZDF: Die beiden neuen Folgen von "Faszination Universum" beschäftigen sich mit Raum und Zeit. Welche Bedeutung haben diese beiden Begriffe für Sie?

Professor Harald Lesch: Für den Physiker sind sie Voraussetzung für jegliches Dasein. Etwas Raumloses kann ich mir gar nicht vorstellen, aber dass die Zeit vergeht, merken wir alle, wenn wir morgens in den Spiegel schauen: Jeder Tag mehr ist ein Tag weniger. Raum bereitet uns keine großen Probleme. Da denken wir höchstens an eine zu geringe Wohnfläche im Haus. Aber bei der Zeit sieht es ganz anders aus. Die beschäftigt uns schon, beispielsweise an runden Geburtstagen, die uns zu schaffen machen.

ZDF: Sie sind Physiker, aber auch Philosoph - für manche ist das ein Widerspruch!

Lesch: Mag sein, aber ich baue gerne Brücken. Physik und Philosophie sind so eng beieinander wie kaum zwei andere Fächer. Physik war lange Zeit experimentelle Philosophie und stellte Grundfragen wie wir sie jetzt bei "Faszination Universum" stellen: Was ist die Welt? Die Frage nach den ewigen unveränderlichen Elementen hatten schon die alten griechischen Naturphilosophen gestellt. Bei ihnen war das Periodensystem ja relativ klein. Es gab nur vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Im Grunde ist die Suche nach den ewigen Dingen genau das, wonach wir auch heute in den großen Beschleunigern suchen: nach Mixteilchen oder irgendwelchen anderen Teilchen. Das ist die Fortführung griechischer Naturphilosophie mit anderen Mitteln und viel mehr Geld. Wir begnügen uns auch in der Sendung nicht nur mit den Forschungsergebnissen, sondern auch mit ihren Folgen: Was bedeutet es für uns, wenn die Welt aus Atomen besteht? Bin ich als Mensch auch nur eine Ansammlung von Atomen? Wir können uns selber ja nicht nur als Biomasse bezeichnen. In der reinen Wissenschaft ist Würde nicht vorgesehen. Dort gibt es auch keinen Gottes- oder Sinnesterm. Und genau da ist dann die Philosophie am Zuge: Wie nutze ich die Ergebnisse der Wissenschaft? Diesen Spagat zwischen beiden Fächern leistet "Faszination Universum". Wir berichten nicht nur von den neuesten wissenschaftlichen Forschungsergebnissen so, dass der Zuschauer sie versteht. Das ZDF gönnt sich darüber hinaus den Luxus, sich einen Moderator zu leisten, der das Ganze auch noch kommentiert.

ZDF: "Faszination Universum" hatte 2009 viele Millionen Zuschauer, erzielte hohe Marktanteile, darunter ein hoher Prozentsatz an jungen Zuschauern. Worin liegt das Erfolgsrezept dieser Reihe?

Lesch: Hervorragendes Filmmaterial, prima Bilder, tolle Geschichten und ein vergleichsweise nicht störender Moderator.

ZDF: Ein Moderator, der es jedenfalls versteht, komplexe Zusammenhänge einfach, spannend und unterhaltsam zu erklären - sagen viele.

Lesch: Am Sonntagabend ist es wichtig, ganz große Geschichten zu erzählen: eine Art epochales Fernsehen. Man hat genügend Zeit, Dinge auch wirken zu lassen. Wenn ich in Potsdam fasziniert vor dem riesigen Refraktor, dem größten Teleskop seiner Zeit, stehe, wird dem Zuschauer klar, da ist einer, dem es offenbar großes Vergnügen macht, in den Sternen zu forschen, und der voller Begeisterung bei der Sache ist. Schließlich versuchen wir bei "Faszination Universum", die Zuschauer zu faszinieren. Das heißt nicht mit trockenen Worten zu motivieren, sondern Menschen zum Staunen zu bringen.

ZDF: Welche Sendungen schauen Sie denn im Fernsehen an? Ihre eigenen?

Lesch: Auch die, ja. Auch im Nachhinein bin ich dann gar nicht so unzufrieden mit dem, was wir da fabriziert haben. Ansonsten liebe ich Krimis, besonders "Inspektor Barnaby" und "Unter Verdacht". Ich bin ein großer Verehrer von Senta Berger. Bei der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin neulich habe ich sie das erste Mal getroffen. Das war ein unvergessliches Erlebnis.

ZDF: Ein Physiker und Astronom wie Sie schaut keine Science Fiction-Filme?

Lesch: Schon, auch leidenschaftlich, aber meistens alleine. Meine Familie weigert sich, mit mir Science Fiction zu schauen: "Du machst mir ja die ganze Illusion kaputt." Ich neige halt zwischendurch zu Bemerkungen, dass die aktuelle Szene oder Handlung technisch bzw. physikalisch gar nicht möglich ist. Ein Beispiel: Bei "Titanic" stellte ich fest, dass das Schiff sinkt und sinkt, aber das Orchester fiedelt immer noch in der Waagrechten.

ZDF: Sie erhalten viel Zuschauerpost. Die meistgestellte Frage: Glauben Sie an außerirdisches Leben?

Lesch: Ja, garantiert gibt es Leben auf einem anderen Stern, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Es ist nur noch eine statistische Frage, wann wir diesen Planeten entdecken, auf dem ähnliche Lebensbedingungen wie auf der Erde möglich sind, sprich: wie weit er von uns entfernt ist. Wir haben jetzt mehr als 400 Planetensysteme entdeckt und vermuten bis zu 10.000 Planeten davon in der Milchstraße. Vielleicht haben Außerirdische uns sogar schon entdeckt und kommen nur deshalb nicht, weil sie unsere bescheidenen Funksprüche entziffert oder mit Schrecken unser Kinoprogramm entschlüsselt haben und meinen: "Mit denen Irren wollen wir nichts zu tun haben." (Schmunzelnd: ) Deshalb halten wir mit "Faszination Universum" ja mit einem Kontrastprogramm dagegen, um den Aliens, die uns empfangen können, zu zeigen: "Seht her! Auf der Erde gibt es auch Intelligenz." Ganz im Ernst: Es gibt kaum einen Wissenschaftler, der nicht davon ausgeht, dass es zumindest primitive Lebensformen im All gibt, und wenn es zum Beispiel nur ein grüner Schleim ist, der sich entwickeln und fortpflanzen kann.

ZDF: Was glauben Sie persönlich?

Lesch: Ich bin ziemlich sicher, dass es Planeten mit relativ einfachen Lebensformen gibt. Aber bei intelligenten Wesen bin ich sehr zurückhaltend.

ZDF: Welche Berufswünsche hatten Sie als Kind?

Lesch: Von klein auf interessierte mich die Weltraumfahrt: Was machen die denn da oben? Wie schaffen sie es, in der kleinen Kapsel so lange zu überleben? Ja, ich wollte Astronaut werden, bin aber leider seit meinem dritten Lebensjahr mit einer ziemlich starken Weitsichtigkeit ausgerüstet. Ich habe geschielt. All meine Versuche, ins All zu fahren, sind an meiner Brille gescheitert.

ZDF: Woher wissen Sie das?

Lesch: Mein Großvater hat in Gießen bei den Amerikanern im "Depot" gearbeitet und sich dort in meinem Auftrag nach der richtigen Adresse der "NASA" erkundigt. Dann habe ich einen Brief nach Alabama geschrieben mit meinem Passfoto oben - mit Brille natürlich - und auch bald Antwort bekommen: Sie nehmen nur Testflieger des Militärs, US-amerikanische Staatsbürger und keine Brillenträger. Aber ich könne ja Astronom werden. Dem Science-Fiction-Heft-Helden Perry Rhodan sei Dank, dass mich diese Wissenschaft so begeistert hat.

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