Als die Steine sprechen lernten

Die Entschlüsselung der Hieroglyphen

Eines der ältesten Schriftsysteme der Welt entstand im vierten Jahrtausend vor Christus: Hieroglyphen oder Gottesworte, wie die Ägypter selbst ihre Schrift nannten. Lange Zeit waren diese Zeichen vergessen, keiner konnte sie entschlüsseln - bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Interesse europäischer Gelehrter an der ägyptischen Kultur neu erwachte.

Steinrelief mit Hieroglyphen Quelle: Wall to Wall

Schriftkundige Ägypter meißelten die Hieroglyphen in die Steine von Tempeln. Man schrieb auch auf Kalkstein- und Keramikscherben. Um Nachrichten leichter verbreiten zu können, mussten sie jedoch ein neues Medium erfinden: Papyrus. Dieses beschreibbare Material gewann man aus dem stärkehaltigen Mark der Papyruspflanze, das in Streifen geschnitten und eingeweicht wurde. Die Streifen wurden überlappend aneinandergelegt, zu festen Blättern gepresst und getrocknet. Schreibpinsel fertigte man aus den Stengeln von Binsen.

Griechische Übersetzung als Schlüssel

Die letzten Hieroglyphen wurden um 400 nach Christus in eine Tempelwand gemeißelt. Danach gerieten sie in Vergessenheit - und mit ihnen das Wissen der Hochkultur. Als Napoleon Bonaparte 1798 in Ägypten einmarschierte, wollte er nicht nur das Land erobern, sondern auch eine verlorene Zivilisation wiederentdecken. Seine Männer machten bei Rosetta im Nildelta einen sonderbaren Fund: eine steinerne Stele, in die dreierlei Texte gemeißelt waren. Im oberen Abschnitt standen Hieroglyphen, in der Mitte Demotisch, eine altägyptische Schreibschrift, und darunter Griechisch.

Napoleonische Truppen in Ägypten Quelle: ZDF

Den griechischen Text konnten Napoleons Forscher übersetzen. Er besagte, dass alle drei Texte den gleichen Inhalt besitzen. Das sollte den Schlüssel liefern, um den Code der Hieroglyphen knacken zu können. Doch die Hoffnung wurde jäh zerschlagen. 1801 landeten englische Truppen am Strand von Abukir und stießen ins nahe gelegene Alexandria vor. Dort besiegten sie die Franzosen endgültig. Nur drei Jahre nach dem Einmarsch in Ägypten war Napoleons Armee zum Rückzug gezwungen.

Wettstreit der Gelehrten

Die Engländer erhoben Anspruch auf alle archäologischen Funde - auch auf den Stein von Rosetta. Die vielversprechende Stele sollte zusammen mit anderen wertvollen Fundstücken nach London gebracht werden. Den französischen Gelehrten gelang es jedoch, mittels verschiedener Abdruckverfahren Kopien der Inschriften anzufertigen und nach Frankreich zu schicken. Dort machte sich der Sprachgelehrte Jean-François Champollion ans Entziffern der Hieroglyphen. Er war aber nicht der Einzige. Zur gleichen Zeit versuchte auch Thomas Young, Arzt und Physiker in London, anhand des Steins von Rosetta das Geheimnis der altägyptischen Schriften zu entschlüsseln.

Hieroglyphen in Kartusche Quelle: ZDF


Ein unerbittlicher Wettstreit entbrannte: Champollion entzifferte die in Kartuschen geschriebene Namen von Pharaonen. Darunter versteht man elliptische Linien, die die Schreiber um die Eigen- und Thronnamen ihrer Könige zogen. Young schloss anhand des griechischen Textes, an welchen Stellen entsprechende Symbole zu finden sein mussten. So gelang es ihm, vierzig Symbole zu entziffern, etwa die Hieroglyphe für Priester.

Anfang der Ägyptologie

Der Durchbruch kam 1822: Champollion, der weitere Quellen nutzte, beschäftigte sich mit den Inschriften des Tempels von Abu Simbel, die1500 Jahre älter waren als die auf dem Stein von Rosetta. Er rätselte, welcher Pharao den Tempel erbaut haben mochte. Um die Namenskartusche zu übersetzen, zog er Wissen aus anderen Sprachen heran und ordnete den Hieroglyphen Laute zu. Er kannte das Zeichen für die Sonnenscheibe, "ra", und das für den s-Laut. Das "m" erschloss er sich: Ramses war der Bauherr des Tempels von Abu Simbel. Im selben Jahr veröffentlichte der Franzose seine Erkenntnisse. Nun wusste man, welche Laute sich hinter welchen Hieroglyphen verbergen, und eine neue Wissenschaft wurde begründet: die Ägyptologie. Champollion öffnete nach anderthalb Jahrtausenden einen Zugang zu den Geheimnissen der Pharaonen.

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