Am einsamen Ende der Welt

Neuseelands Tiere lebten lange isoliert

Schon früh in der Erdgeschichte löste sich Neuseeland vom urzeitlichen Superkontinent Gondwana. In dieser Isolation konnte sich eine ganz eigene Tierwelt mit vielen endemischen Arten ausbilden. Entscheidend für die Entwicklung vieler Arten war, dass sie über viele Millionen Jahre keine natürlichen Feinde hatten. Denn erst der Mensch brachte Landsäugetiere auf die Inseln.

Er ist das Nationalsymbol Neuseelands und ein ziemlich komischer Vogel: Der Kiwi hat im Lauf der Evolution seine Flugfähigkeit verloren und besitzt nur noch ganz kleine Stummelflügel. Dafür hat er riesige Füße entwickelt, mit denen er Bruthöhlen in den Waldboden gräbt.

Bedrohtes Nationalsymbol

Kiwis sind nachtaktive Vögel. In der Dunkelheit verlassen sie ihre Höhlenverstecke, um mit ihrem langen, gebogenen Schnabel nach Würmern und Insektenlarven zu stochern. Im Gegensatz zu anderen in der Nacht jagenden Vögeln sehen sie sehr schlecht, ihre Augen sind unterentwickelt. Bei der Jagd nach Insekten vertraut der Kiwi auf seinen Geruchsinn. Ungewöhnlich ist, dass seine Nasenöffnung nicht auf einem Höcker über dem Schnabel, sondern an der Schnabelspitze sitzt.

Merkwürdig ist auch sein Gefieder. Wird der Kiwi angegriffen, produziert sein Körper Stresshormone, die zu einer Art Schockmauser führen können. Dann lässt der Vogel schlagartig Federn, um seinen Feind zu verwirren. Das ist auch schon die einzige Verteidigungsstrategie des Kiwis - Wegfliegen ist schließlich nicht möglich. Weil einige spät eingewanderte Tiere auf ihn Jagd machen, ist der Kiwi inzwischen vom Aussterben bedroht und nur noch in wenigen Rückzugsgebieten auf Neuseeland heimisch.

Moas und Wetas

Einen anderen Vogel traf das Schicksal noch härter: Der Moa, über zwei Meter groß und ebenfalls ein flugunfähiger, pflanzenfressender Laufvogel, wurde von den Menschen ausgerottet. Auch ihm wurden seine mangelhaften Verteidungsmöglichkeiten zum Verhängnis. Zuvor herrschte eine Art Gleichgewicht zwischen dem Moa und seinem einzigen natürlichen Feind, dem Haastadler, der ihn aus der Luft bedrohte. Feinde am Boden musste der Moa nicht fürchten. In der Evolution verkümmerte deshalb seine Fähigkeit, solche Gegner abzuwehren.

Ein Moa wird von zwei Maoris mit Speeren bedroht
Moa von Maori gejagt Quelle: ZDF

Auch unter den Insekten gibt es Beispiele für eine ungewöhnliche Entwicklung. Der Weta ist solch ein Sonderling. Die bis zu zehn Zentimeter lange Riesenheuschrecke lebt in Löchern, ähnlich einer Maus. Aber Mäuse machen ihr hier keine Konkurrenz.

80 Millionen Jahre Einsamkeit

Dass Neuseelands Tierwelt so viele Überraschungen birgt, hat seinen Grund in der Erdgeschichte: Vor über 180 Millionen Jahren waren die südlichen Landmassen noch im Superkontinent Gondwana vereint. Nachdem Gondwana auseinanderbrach, drifteten die Bruchstücke auseinander - bis an ihre heutige Position. Neuseeland ist seit jener Zeit isoliert, es hatte keinen Kontakt zu den anderen Kontinenten. Die Ozeane bilden eine Barriere, die für die meisten Tiere unüberwindlich ist.

Fast alles, was heute auf Neuseeland lebt, muss entweder hergeflogen oder hergeschwommen sein. Denn seit über 80 Millionen Jahren existieren keine Landbrücken mehr. Die einzigen Ausnahmen sind die Tiere und Pflanzen, die sich schon bei der Abspaltung auf der Insel befanden. Manche überdauerten als lebende Fossilien. Ein Beispiel dafür ist der Tuatara, auch Brückenechse genannt, ein Reptil aus der Zeit der Dinosaurier. In rund 200 Millionen Jahren hat sich die Echse nur wenig verändert. Offenbar gab es dafür keinen Grund, denn sie hatte keine Feinde zu fürchten.

Tiere erobern freie Nischen

Auf Neuseeland fehlt eine ganze Tiergruppe: die Säugetiere. Seit vielen Millionen Jahren hat sich das Leben ohne die Nachbarschaft gefährlicher Raubtiere entwickelt. Der flugunfähige Kakapo zum Beispiel hatte nur hier die Chance, den Lebensraum im Unterholz zu erobern - es gab keine Konkurrenz. Ein anderer Vogel, die Lappenkrähe, lebt in den Bäumen. Wie sonst Eichhörnchen bewegt er sich springend im Geäst fort. Keine andere Art machte ihm diese Nische streitig.

Zwei Keas (Bergpapageien) im Gras
Zwei Keas Quelle: ZDF

Auch der Kea, eine Papageienart, erweiterte seinen Lebensraum und entwickelte ein ungewöhnliches Verhalten. Als einziger Papagei auf der Welt geht er auf Raubzug. Die fehlende Konkurrenz durch Raubtiere förderte seinen Jagdtrieb. Der Kiwi braucht den räuberischen Vogel allerdings nicht zu fürchten, denn seine Bruthöhlen liegen gut versteckt. Über Jahrmillionen hat sich der Kiwi bestens in seinem Lebensraum am Boden eingerichtet und seine Sinne für die Aktivitäten in der Nacht geschärft. Dieses Ökosystem wurde in seiner Balance dramatisch gestört, als mit dem Menschen tierische Fremdlinge auf die Insel kamen.

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