Am Rande des Abgrunds

Kleine Eiszeit, Pest und 100-jähriger Krieg setzen den Bewohnern zu

Als der Himmel sich im mittelalterlichen Paris plötzlich blutrot färbt, halten die Menschen dies für die Ankündigung vom Ende der Welt. Tatsächlich folgen schlechte Zeiten: Es wird kälter in Europa. Die Menschen werden zu Gefangenen eines neuen Zeitalters in dem Kälte und Finsternis herrschten.

Roter Himmel über mittelalterlichem Paris

In der Großstadt Paris muss man besonders hart ums tägliche Überleben kämpfen: gegen Krankheit, Hunger und Not. Viele leben in ärmlichen Behausungen, essen verfaultes Gemüse und trinken Wasser aus der Seine, der Kloake der Stadt. Unzählige Menschen ohne Arbeit kehren Paris den Rücken, weil sie dort zu verhungern drohen. Diese Information stammt aus dem Tagebuch eines unbekannten Pariser Bürgers, der vier Jahrzehnte lang das Leben in Paris akribisch festgehalten hat. Seine Aufzeichnungen lesen sich wie eine Chronik des Schreckens, das Tagebuch enthält viele solcher Berichte.

Mangelernährung, Hunger, Infektionen

Die Anthropologin Emilie Patat rekonstruiert Schicksale jener Zeit. Zu den Untersuchungsobjekten zählen die Gebeine eines Jungen, der erst acht Jahre alt war, als er starb. Die Wissenschaftlerin entdeckt Störungen im Wachstum der Knochen, Zeichen von Mangelernährung, Hunger, Infektionen. Nur zwei von zehn Kindern erreichen das Erwachsenenalter. Die Hälfte der Neugeborenen erlebt nicht einmal den ersten Geburtstag.

Stundenbuch des Herzogs von Berry

Auch in der Kunst hinterlässt die Kälte Spuren. Im weltberühmten Stundenbuch des Herzogs von Berry findet sich eine der ersten Darstellungen einer von Schnee bedeckten Landschaft in Frankreich. Man ist auf die Kälte nicht eingerichtet, die kleinen Feuer wärmen nur unzureichend.

Unschätzbares Archiv

Was aber war die Ursache für die Klimakatastrophe in Paris? Im ewigen Eis auf Grönland suchen Wissenschaftler nach einer Antwort. Die gewaltigen Eismassen und Gletscher haben sich über viele Jahrtausende gebildet. Für Klimatologen ist das Grönlandeis ein unschätzbares Archiv. Bohrkerne aus bis zu drei Kilometern Tiefe lagern im Alfred Wegener Institut in Bremerhaven. Um an ihr Geheimnis zu gelangen, müssen die Forscher die Bohrkerne zunächst in handliche Scheiben schneiden.


Das Eis hat sich aus Schnee gebildet, der vor mehr als 500 Jahren fiel. Dabei wurden Luft, Staub und andere Verunreinigungen mit eingeschlossen. Neben den Einschlüssen gibt die chemische Zusammensetzung des Eises, vor allem das Verhältnis der Sauerstoff-Isotope, Hinweise auf die Temperaturen, die zu Villons Zeit geherrscht haben. Das erstaunliche Ergebnis: Während im Früh- und Hochmittelalter ein stabiles warmes Klima herrschte, beginnt die Temperaturkurve verrückt zu spielen, und die Jahresdurchschnittstemperatur sinkt ab Mitte des 13. Jahrhunderts deutlich.

Die "Kleine Eiszeit" beginnt

Alles weist darauf hin, dass sich irgendwo auf dem Planeten eine Katastrophe von ungeheurem Ausmaß ereignet hat. Ein Vulkanausbruch schleuderte Tausende Tonnen Asche in die Atmosphäre. Eine ungeheure Eruption, gewaltiger als der Ausbruch des Krakatau im Jahr 1883. Die Asche verfinsterte den Himmel und beeinflusste weltweit das Klima. Mit dramatischen Folgen, auch für das mittelalterliche Europa. Ganz Frankreich litt an Versorgungsengpässen, besonders aber Paris. Die Berichte vom blutrot gefärbten Himmel entstammen also nicht der Phantasie eines einzelnen Erzählers. Die "Kleine Eiszeit" hatte begonnen, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts andauern sollte.

Im Paris des 15. Jahrhunderts leben zu viele Menschen auf engstem Raum zusammen. Längst ist die Versorgung mit Lebensmitteln aus dem Umland zusammengebrochen. Denn die Winter sind kälter geworden und dauern nun auch bis zu zwei Monate länger. Die Ernten fallen schlechter aus. Es fehlt an Getreide, das Brot wird knapp. Die Pariser hungern wegen einer Naturkatastrophe, die sich Generationen zuvor am anderen Ende der Welt ereignet hat. Die Situation spitzt sich weiter zu, als Soldaten und marodierende Banden am Ende des 100-jährigen Krieges Felder verwüsten, und Dörfer und Städte überfallen. Paris steht am Rande des Abgrunds.

Spielszene überfüllte Straße im mittelalterlichen Paris

Tag für Tag Pestopfer

Doch es kommt noch schlimmer: 1439 zieht der Schwarze Tod in Paris ein. Die von langjähriger Unterernährung geschwächten Bürger der Stadt haben der Pest nichts entgegen zu setzen. Die Seuche macht vor niemandem halt: Adelige, Geistliche, Handwerker, Dienstboten - Männer, Frauen und Kinder fallen ihr zum Opfer. Tag für Tag werden die Toten in den Gassen auf Karren geladen und aus der Stadt gebracht. Innerhalb eines einzigen Jahres sterben 45.000 Menschen in Paris.

Seuchen und Hungersnöte fordern viele Opfer, die die Friedhöfe zeitweise nicht mehr aufnehmen können. Man beschließt später, die Gebeine auszugraben und umzusetzen, mehr als sechs Millionen Skelette. Wo konnte man die sterblichen Überreste so vieler Menschen unterbringen? Die Antwort liegt auf der Hand, denn ganz Paris ist unterhöhlt: 300 Kilometer Stollen, Gänge und Höhlen, die zu den ehemaligen Kalksteinbrüchen der Stadt gehören.

Unvollendete Bauprojekte

In der Stadt hat es vor Beginn der Kleinen Eiszeit viele große Bauprojekte gegeben. Doch der Stadtplan von Merian aus dem Jahr 1616 zeigt, dass längst nicht alle vollendet wurden. Die Ansicht des Plans gibt die Metropole an der Seine fast genau so wieder, wie sie auch im frühen 15. Jahrhundert ausgesehen hat: mit Stadtmauer, Gebäuden, Straßen und Plätzen - und Dutzenden von Klöstern und Kirchen.

Mittelalterlicher Stadtplan von Paris

Auf der größten der Seine-Inseln steht das höchste Gebäude, das alle anderen überragt: die gewaltige Kathedrale Notre-Dame de Paris. Zwei Jahrhunderte dauern die Bauarbeiten, bis die Kathedrale ihr heutiges Aussehen erhalten hat. Doch das Gotteshaus bleibt unvollendet. Nochmals 70 Meter höher hätten die Türme die Stadt überragen sollen. Selbst die Kirche, die noch über Einkünfte verfügt, sieht sich außer Stande, den Bau der Kathedrale zu vollenden.

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