Anchesenamun unter Verdacht

Auch Maja auf dem Prüfstand

Hauptverdächtige Nummer eins: Anchesenamun, die schöne Gattin des Herrschers. Sie kennt seine geheimsten Gedanken. In der Öffentlichkeit präsentieren sie sich als Liebespaar. Vielleicht wollte sie nach der höchsten Macht greifen?

Ägyptens Geschichte kennt immerhin einige Frauen auf dem Pharaonenthron - von Hatschepsut bis Kleopatra. Doch nicht Machtgier, sondern Verzweiflung vermuten Cooper und King als Motiv der anmutigen Königin.

Entscheidendes Indiz

Das entscheidende Indiz für ihre Theorie entdeckte bereits Howard Carter im Grab von Tutenchamun. Er stieß auf zwei mumifizierte Föten. Längst steht fest: Anchesenamun ist die Mutter der toten Babys. Zwei Mädchen, wie die Autopsie der Neugeborenen damals ergab. Eines davon kam vier Monate zu früh auf die Welt. Das andere als Totgeburt.

1968 obduzierte Professor Harrison das Frühchen ein zweites Mal. Der Befund: Es litt an Spina bifida und Skoliose - an schweren Deformationen der Wirbelsäule. Der Radiologe Richard Boyer begutachtet daraufhin noch einmal die Röntgenbilder von Tutenchamun - auf der Suche nach ähnlichen Merkmalen. Die Aufnahmen zeigen eine verblüffende Parallele zwischen der Wirbelsäule des untersuchten Fötus und der des Pharao. Die Diagnose des Experten stellt den Tod des Königs in ein völlig neues Licht - und liefert ein Mordmotiv. Tutenchamun litt ebenfalls unter einer angeborenen Anomalie, dem Klippel-Feil-Syndrom. Bei einer gesunden Wirbelsäule lässt sich der Kopf frei bewegen. Beim Klippel-Feil-Syndrom hingegen verschmelzen mehrere Halswirbel miteinander. Das führt zu einer Versteifung der Nackenpartie. Statt den Kopf einfach zu drehen, müssen die Kranken den ganzen Oberkörper mitführen.

Der Kreis schließt sich

Darstellungen von Tutenchamun erhärten die Diagnose des Arztes: Der Pharao stand auf seltsam verdrehten Füßen - gestützt auf einen Gehstock. 130 Exemplare davon verzeichnete Howard Carter damals bei seiner Bestandsaufnahme. Aufgrund des Krankheitsbildes sieht sich Dr. Boyer auch den Brustkorb genauer an. Und macht eine sensationelle Beobachtung: Die Wirbelsäule ist stark verkrümmt. Seine Schlussfolgerung: Skoliose. Die gefürchtete Deformität geht häufig einher mit dem Klippel-Feil-Syndrom. Für die Ermittler schließt sich der Kreis, denn eine der Töchter von Tutenchamun hatte die gleiche Behinderung.


Der tragische Verlust der beiden Babys ist für Anchesenamun eine Katastrophe. Nicht nur als Mutter. Denn bleibt die Ehe kinderlos, wird nur ihr das Versagen angelastet. So die herrschende Sitte. Wusste die Königin womöglich, dass ihr kranker Mann keine lebensfähigen Kinder zeugen konnte? Ermordete sie ihn aus Verzweiflung, um zu verhindern, dass sie geächtet und verstoßen wird? Aus Sicht der Ermittler ein denkbares Motiv. Der Tod des gebrechlichen Pharao wäre für die Witwe eine zweite Chance. Denn als Gemahlin des nächsten Regenten hätte sie den Fortbestand der Dynastie sichern können. Beweise für die Annahme gibt es jedoch nicht. Vielmehr stoßen die erfahrenen Detektive auf zahlreiche Zeugnisse, die eher das Gegenteil vermuten lassen. Anchesenamun liebte ihren Mann - trotz seines körperlichen Gebrechens.

Majas Motiv

Als potenzielle Königsmörder bleiben nur die hohen Beamten am Hofe, die engen Vertrauten von Tutenchamun: Maja, Haremhab und Eje. Wem aber nutzte das Verschwinden des jungen Herrschers von der politischen Bühne Ägyptens? Wer von den dreien hegte berechtigte Hoffnung, den Thron zu erben?
Als Finanzminister verwaltet Maja die Haushaltsmittel. Die Position verschafft ihm Ansehen und Reichtum. Unermüdlich kümmert er sich um das Wohl des Volkes und hält den Staatsschatz zusammen. Es gelingt ihm, das Reich vor dem wirtschaftlichen Ruin zu retten, den Echnatons Kulturrevolution ausgelöst hat. Sieht der kühle Rechner in Tutenchamun einen Verschwender, der sein Lebenswerk zunichte macht?

Vielleicht zeigte der unmündige Pharao Anzeichen, den kostspieligen Ideen seines Vaters zu folgen. Tötet ihn Maja, um das Volk vor einem neuen finanziellen Desaster zu bewahren? Mindestens eine Tatsache spricht gegen den Verdacht. Kurz nach der Bestattung des Königs plündern Räuber das Grab. Maja lässt es sorgfältig wieder herrichten. Als einer von wenigen kennt er die genaue Lage der Gruft. Die Aufzeichnungen über den Standort vernichtet der Schatzmeister, um die ewige Ruhe seines Schützlings zu bewahren. Auch die Quellen bestätigen: Der Beamte hielt dem König über den Tod hinaus die Treue. Einen Staatsstreich plante er zu keiner Zeit.

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