"Angel of Black Death"

Sammlerin Amalie Dietrich verschiffte Überreste der Aborigines nach Deutschland

Im 19. Jahrhundert sammelte Amalie Dietrich in Australien zehn Jahre lang Probestücke für das Museum Godeffroy in Hamburg. Doch nicht nur Pflanzen und Tierpräparate fanden durch sie den Weg nach Europa. Auch Schädel und andere Überreste von Aborigines, den Eingeborenen Australiens, verschiffte sie von Übersee nach Hamburg. In Australien wird sie deshalb bis heute "Angel of Black Death" genannt.

Amalie Dietrich
Amalie Dietrich Quelle: ZDF

Amalie Dietrich war eine bemerkenswerte Frau: Im 19. Jahrhundert durchwanderte sie halb Europa und später auch Nordaustralien auf der Suche nach Pflanzen, Tieren und ethnografischen Gegenständen. Eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die einen Apotheker heiratete, der ihr beibrachte, die richtigen Kräuter und Pflanzen für Medikamente zu sammeln. Bald schon übertraf sie ihren Ehemann beim Aufspüren von neuen Arten. So machte sie sich mit der Zeit einen Namen als Sammlerin.

Sammeln für die Wissenschaft

Frau zieht einen Karren.
Spielszene: Amalie Dietrich mit Karren Quelle: ZDF

Als sie von einer ihrer Touren nach Hause zurückkehrte, erwischte sie ihren Mann mit der Haushälterin. Mit Ende der Ehe war sie samt ihrer kleinen Tochter fast mittellos, so dass sie versuchte, beim Hamburger Reeder und Kaufmann Johann Cesar Godeffroy, als Sammlerin anzuheuern. Als dieser ihre Zeugnisse sah, schickte er sie 1863 nach Australien. Die damals zehnjährige Tochter blieb bei Freunden in Hamburg. Für Godeffroy zu arbeiten, bedeutete zumindest ein gutes Einkommen, das sie beide ernährte und der Tochter eine gute Schule ermöglichte.
Godeffroy hatte aus dem Sammeln längst ein Geschäft gemacht: Insgesamt elf Männer und eine Frau suchten für ihn an den entlegensten Orten der Welt nach ungewöhnlichen Pflanzen und Tieren, um die damals weltweit wachsende Nachfrage zu stillen. Doch es war eine wissbegierige Zeit, die mit Objekten aus Fauna und Flora allein nicht zufrieden war. Heiklere Objekte mussten bald erstanden werden - wie auch immer. Der Mensch und seine Entwicklung rückte immer stärker in den Mittelpunkt der Forschung. Galten doch Aborigines, aber auch Afrikaner und überhaupt viele nicht-weiße Völker nur als Vorstufe des modernen Menschen.

Ewiger Makel

Handschriftlich geschriebener Brief
Brief Godeffroy an Dietrich Quelle: ZDF

Es war die damals neue Wissenschaft vom Menschen, die Anthropologie, die einem rassistischen Menschenbild zunächst den Steigbügel hielt. Um aber die Entwicklung hin zum weißen Menschen nachzuzeichnen, brauchten deutsche und europäische Wissenschaftler Gebeine: Schädel, Skelette und Knochen, an denen sie Entwicklungen ablesen konnten. Sie brauchten ganze Serien davon, denn nur mit Reihenuntersuchungen konnten wissenschaftlich verwertbare Aussagen erzielt werden. Und weil dieser Markt stetig wuchs, erhielt Amalie Dietrich am 20. Januar 1865 brieflich aus Hamburg von Godeffroy die Anweisung, "möglichst Skelette und Schädel von den Eingeborenen zu senden." Was sie dann auch tat. Auf ihrem Namen liegt dadurch ein Makel, von dem er sich bis heute nicht reinwaschen konnte.

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