Angriff auf den Vatikan

Luthers Reformen und der Kaiser schwächen den Papst

In Norditalien zieht Kaiser Karl V. ein gewaltiges Heer zusammen. Es sind Soldaten aus Spanien, Italien und vor allem aus Deutschland. Landsknechte, die längst von den Ideen Luthers infiziert sind - und die ganz persönlich den Kampf gegen das Oberhaupt der Kirche suchen. Protestantische Söldner im Dienste des katholischen Kaisers - vereint in einem gemeinsamen Ziel: Gegen den Papst! Gegen Rom!

Panik in den Straßen Roms Quelle: ZDF


In den frühen Morgenstunden gibt Marschall Bourbon den Angriffsbefehl: Vom Gianicolo-Hügel aus überrennen die kaiserlichen Truppen die schwachen Befestigungsanlagen. Die Deutschen greifen Trastevere an, Spanier und Italiener stürmen den Vatikan-Hügel. Bald ist die ganze rechte Tiber-Seite erobert. Da die Römer versäumen, die Flussbrücken zu zerstören, gehört die Stadt bald ganz dem Feind - und den Flammen. Dem Papst wird nun klar, dass es um Kopf und Kragen geht. Von ihm ist ein Zitat überliefert: "Ich will weder, dass der Adler Karl hier in Italien landet, noch, dass der Hahn Franz hier kräht; entweder werde ich völlig vernichtet, oder aber ich vernichte sie!"

Computeranimation brennendes Rom Quelle: ZDF

Unterbittliches Massaker

Am 6. Mai 1527 scheint Clemens' Vernichtung bevorzustehen. Was der Kaiser als Strafexpedition begonnen hatte, endet nun in einem unerbittlichen Massaker: der "Sacco di Roma". Die Zahl der getöteten Römer geht in die Zehntausende - über Monate wütet der Terror. Zuletzt fällt auch der Vatikan. Aber Papst Clemens ist dort nicht zu finden. Noch heute arbeitet der deutsche Kunsthistoriker Arnold Nesselrath daran, die Schäden dieses Überfalls zu beseitigen. Schäden, die aber auch viel über die Historie erzählen können. Als die Landsknechte bei der Plünderung des Palastes eindringen, sind sie völlig verärgert, dass sie den Papst und den Hofstaat nicht mehr antreffen. Sie fangen an, die Figuren in den Fresken zu erschießen und zu erstechen.

Die Söldner haben ihre Helden in den Fresken verewigt - ihren obersten Befehlshaber, den Kaiser. Auf dem Buchrücken steht: Vivat Karolus Imperator. In den Fußbodenfliesen liest man L-V-T-H-E-R, das ist der Name des Reformators Luther. Es ist eine Ironie der Geschichte: Der Name des Mannes, der die Kirche ohne alles Blutvergießen reformieren wollte, erinnert bis heute an diese grausame Schlacht. Über 20.000 Protestanten und Katholiken - gemeinsam im Kampf gegen den Papst. Die wenigen Soldaten, die Clemens bleiben, sind dafür aber hartgesottene Elitekämpfer.

Eingeritzter Schriftzug "Luther" Quelle: ZDF

Hochgerüstete Privatarmee

Dass der Stellvertreter Christi eine eigene hochgerüstete Privatarmee benötigt, ist das Ergebnis der politischen Wirren der Renaissance. Die Schweizer Soldaten wählte er, weil sie als besonders gut gerüstet, tapfer und unbesiegbar galten. Ein Schweizerhelm gilt im 16. Jahrhundert als Spitzenprodukt der Kriegstechnik. Heute würde so ein Blechhelm keinen ausreichenden Schutz mehr vor modernen Waffen bieten.

Schweizer Garde Quelle: ZDF

Dennoch tragen die Soldaten des Papstes bis heute die gleiche Uniform - bis hin zu den Farben, den Wappenfarben der Medici: Gelb, Blau und Rot. Man stellt in diesem Fall Traditionspflege höher als Funktionalität. Denn die Uniform erinnert an eine der größten Heldentaten: Von 189 Gardisten überleben nur 42 das Gemetzel vor dem Hochaltar der Peterskirche, aber sie retten das Leben von Papst Clemens. Vielleicht war dieser Tag der dunkelste in der 2000-jährigen Geschichte des Papsttums.

Letzte Bastion Engelsburg

Bei Nacht und Nebel flüchtet der Papst über einen Geheimgang in die Engelsburg - die letzte Bastion, die mit ihren meterdicken Mauern dem Ansturm standhält. Ist er noch Herr der Welt - oder nur armseliger Gefangener? An Luxus jedenfalls fehlt es ihm auch hier nicht. Noch heute ist sein prachtvolles Badezimmer so wie damals erhalten. Über ein halbes Jahr muss er in diesem goldenen Käfig leben. Dann erkauft er sich von den kaiserlichen Truppenführern die Freiheit - gegen ein gewaltiges Lösegeld. Es ist die Freiheit eines Flüchtlings - die Demütigung könnte nicht größer sein. Wird er je nach Rom wieder zurückkehren?

Feste Orvieto Quelle: ZDF

Auf der Feste Orvieto, 120 Kilometer vor den Toren Roms, findet er Exil. Dort erwartet ihn ein Bote, der ihm die Bedingungen für die Rückkehr nach Rom diktiert: Unterwerfung unter den kaiserlichen Anspruch. Clemens fügt sich - er hat seine Lektion gelernt: Er muss klein beigeben. Ein historisches Gemälde beschönigt die harte Realität: Papst Clemens und Kaiser Karl - friedlich vereint. In Wirklichkeit aber ist es ein Triumph des Kaisers.

Der Stachel im Fleisch

Gemälde der Aussöhnung zwischen Karl V. und Clemens VII. Quelle: ZDF


Clemens muss einen hohen Preis für seinen Ausflug in die Weltpolitik zahlen - aber er bleibt Papst. Zuletzt setzt man ihm noch ein prachtvolles Grabdenkmal. Aber im Jahr seines Todes findet ein Buch Verbreitung, das die Kirchengeschichte mehr als alle Politik verändern wird: Die deutsche Bibel Martin Luthers. Die Reformation - sie bleibt der Stachel im Fleisch des Papsttums.

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