Anpassungsfähige Verlierer

Wie bedroht sind die Eisbären durch den Klimawandel?

Spitzbergen, von Eis und Gletschern dominiert, ist die Heimat der Eisbären. Die Überlebenskünstler sind hier wieder auf dem Vormarsch, seit die Jagd auf sie verboten ist. Doch mit den drohenden Veränderungen der Zukunft sehen Forscher den König der Arktis in Gefahr: Wird er den Klimawandel und die fortschreitende Erwärmung der Polarregion überstehen? Unvermutet hoffen lässt das, was Forscher jüngst in den Genen des Eisbären entdeckten.

Wissenschaftler haben Verhalten und Lebensweise der Eisbären in den letzten Jahrzehnten umfassend erforscht: Man weiß, dass die Bären ihr Hauptjagdrevier auf der geschlossenen Eisdecke des Polarmeeres haben, aber auch erstaunlich gute Schwimmer sind. Man hat herausgefunden, dass die Raubtiere auf der Suche nach Beute Hunderte Kilometer nonstop im Eismeer zurücklegen können und wie sie es schaffen, den Polarwinter ohne Ruheschlaf zu überleben. Dennoch ist die so gut erforschte Tierart immer noch für Überraschungen gut.

Vom Aussterben bedroht

Der Eisbär ist eines der mächtigsten Raubtiere des Planeten. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte er keine Feinde. Dann rückte er in den Fokus des Menschen. Ihr außergewöhnlicher, wärmender Pelz wurde den Bären fast zum Verhängnis. Wal- und Robbenfänger begannen mit der Jagd auf die Tiere, bald wurde daraus ein lukratives Geschäft. Während den erwachsenen Bären das Fell abgezogen wurde, fing man die Bärenjungen lebendig, um sie teuer an zoologische Gärten zu verkaufen. Bis alle Pelzjäger mit Trophäen und alle Zoos mit Eisbärbabys versorgt waren, war die Tierart fast ausgerottet.

Ein Eisbär läuft an Häusern einer Siedlung vorbei.
Immer wieder dringen Bären auf Nahrungssuche in Siedlungen vor.

In den 1970er-Jahren, bevor man die vom Aussterben bedrohten Tiere schließlich unter Schutz stellte, lebten auf Spitzbergen nur noch rund tausend Eisbären. Dank strenger Schutzmaßnahmen sind es hier wieder 3000 – mehr, als Spitzbergen Einwohner hat. Gefährliche Begegnungen sind also programmiert. Wer sich ins Bärenterritorium wagt, muss bewaffnet sein und vorher lernen, sich im Notfall selbst zu verteidigen. Die Verhaltensregeln sind streng. Erst in akuter Notwehr darf zum Gewehr gegriffen werden. Aber auch in diesem Fall wird jeder, der einen Eisbären erschießt, vor Gericht gestellt und muss nachweisen, dass er sich tatsächlich in Lebensgefahr befand.

Symbol des Klimawandels

Von Jägern haben Spitzbergens Eisbären somit nichts mehr zu befürchten. Ihr viel mächtigerer Feind ist heute die Erwärmung der Arktis. Nirgendwo steigen die Jahresdurchschnittstemperaturen so schnell wie im Nordpolargebiet. Erst im Sommer 2012 meldeten Forscher wieder einen neuen Rekord: Das Meereis war so weit zurückgegangen wie noch nie. Damit schrumpft auch der Lebensraum der Eisbären. Sie gelten als Verlierer des Klimawandels.

Verwandtschaft des Eisbären zu anderen Bären (Animation)
Wann trennten sich die Entwicklungslinien von Eisbär und Braunbär?

Forscher wollen untersuchen, wie es um den größten Jäger der Arktis steht. Dabei stießen sie kürzlich auf eine kleine Sensation. Für eine groß angelegte Verwandtschaftsstudie untersuchten sie das Erbmaterial aus Blutproben von 45 Bären. Die Ergebnisse veranlassten sie zu einer überraschenden Schlussfolgerung: Der Eisbär blickt auf eine andere Vergangenheit zurück als bisher angenommen. Von einem gemeinsamen Vorfahren aus haben sich Braunbär und Eisbär getrennt entwickelt – vor 140.000 Jahren, dachte man bisher. Die neue Studie hingegen beweist: Das passierte bereits vor mindestens 600.000 Jahren.

Erfolgreich seit 600.000 Jahren

Die Geschichte der Eisbären ist also viel länger als gedacht. Daraus ergeben sich neue, spannende Fragen für die Forschung. Denn innerhalb dieser 600.000 Jahre hat es – vor der heutigen Warmzeit – mindestens vier weitere Warmzeiten gegeben, in denen der arktische Eisschild ganz oder teilweise abgetaut war. Dass es den vermeintlichen Eisspezialisten gelang, diese Warmzeiten zu überstehen, zeugt von ihrer Lern- und Anpassungsfähigkeit, wenn es darum geht, neue Nahrungsquellen zu erschließen.

Eisbär schwimmt im Polarmeer
Eisbären sind hervorragende Schwimmer und finden auch im Wasser Nahrung.

Allerdings hatten es die Eisbären in den vergangenen Wärmeperioden leichter: Sie konnten ihr Territorium auf die angrenzenden Küsten ausdehnen. Heute stehen sie in Konkurrenz zu den Menschen. Und immer häufiger dringen Bären auf Nahrungssuche in die Siedlungen vor. Es wird immer aufwendiger, die Tiere vor den Menschen zu schützen – und umgekehrt. Die neuen Forschungsergebnisse belegen, dass Eisbären in ihrer langen Geschichte Klimaerwärmungen mehrmals überstanden haben. Jetzt ist es an uns, ihnen genug Lebensraum zu lassen, damit ihre Geschichte eine Erfolgsgeschichte bleibt.

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