"Archäologie und Kriminologie sind in vielerlei Hinsicht ähnlich"

Interview mit dem Archäologen Harald Meller

13 mysteriöse Skelette aus der Steinzeit und die vermutlich älteste Abbildung der Welt - das Geheimnis beider Funde, der Skelette von Eulau und der Himmelsscheibe von Nebra, können erst Forscher aus verschiedenen Bereichen in Zusammenarbeit knacken. Wie es ist, mit einem BKA-Profiler zusammen zu arbeiten, erzählt Prof. Dr. Harald Meller vom Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt und Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale.

Prof. Dr. Harald Meller
Prof. Dr. Harald Meller Quelle: ZDF

ZDF: Sie sind der oberste Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt. Welche Erinnerung haben Sie an die Situation, als Sie die Gräber in Eulau mit den 13 Skeletten gesehen haben?

Meller: Als ich zum ersten Mal im Kiestagebau Eulau die dort frisch aufgedeckten Familiengräber sah, war ich auf das Tiefste beeindruckt - und obwohl ich in meiner beruflichen Tätigkeit schon viel Gräber gesehen hatte, persönlich berührt. Die liebevolle Umarmung der Familienbestattung, in der Kinder und Eltern Gesicht an Gesicht und Hand in Hand liegen, lässt niemanden kalt. Die Mutter, die ihr Baby im Arm hält, bewegt unsere Fantasie noch heute.

Ausstellung der Skelette von Eulau
Ausstellung der Skelette von Eulau Quelle: imago/Steffen Schellhorn

ZDF: Ein Teil der Skelette von Eulau ist genauso wie die Himmelsscheibe von Nebra im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale ausgestellt, dessen Direktor Sie sind. Welchen Zusammenhang kann man zwischen den 13 Skeletten von Eulau und der Himmelsscheibe von Nebra herstellen?

Meller: Die Gräber von Eulau datieren circa 2500 vor Christus. Ihr Fundort liegt nicht weit vom Fundort der Himmelsscheibe von Nebra entfernt. Diese wurde frühestens um 2000 v. Christus hergestellt und spätestens um 1600 vor Christus vergraben. Die Nachfahren der Menschen von Eulau bildeten vermutlich zusammen mit Neuankömmlingen der so genannten Glockenbecherkultur aus dem Westen diejenigen Bevölkerungsgruppen der Frühbronzezeit, die die Himmelsscheibe von Nebra erdachten und herstellten.

ZDF: Was ist jeweils das Besondere an diesen beiden Funden?

Meller: Bei den Gräbern von Eulau gelang der erste genetisch sichere Hinweis für eine Kernfamilie. Die gute Erhaltung macht Analysen möglich, die uns zahlreiche Indizien in diesem aufregenden Kriminalfall liefern. Das ganz Besondere an Eulau ist aber sicherlich das eindrucksvolle Bild der einander liebevoll zugewandten Skelette. Bei der Himmelsscheibe von Nebra handelt es sich um einen der weltweit bedeutendsten archäologischen Funde, um die älteste Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte. Diese Himmelsdarstellung ist scheinbar einfach, folgt aber einem komplexen Code, dessen Kenntnis die Herstellung eines Lunisolarkalenders (Kalender, der Sonnen- und Mondkalender vereint, Anm. d. Red.) ermöglicht. Damit ist die Himmelsscheibe der erste sichere Nachweis für den forschenden, analytischen, wissenschaftlichen menschlichen Geist lange vor den griechischen Philosophen.

ZDF: Was sind die bisher herausragenden Erkenntnisse bei diesen Funden, die Sie als Archäologen begeistern?

Meller: Bei den Gräbern von Eulau beeindruckt mich die detailreiche anatomische Analyse durch die Kollegen der Anthropologie genauso wie der Nachweis der Familienzugehörigkeit durch Kern-DNA oder der Nachweis der Mobilität der Frauen aus den Gräbern durch die Strontiumisotopie (Methode zur Erfassung von Mobilität in der Ur- und Frühgeschichte, Anm. d. Red.). Bei der Himmelsscheibe begeistert mich - neben dem Nachweis der Herkunft der Metalle, aus denen die Himmelsscheibe gefertigt wurde - vor allem die Entzifferung des astronomischen Codes, die uns wie durch ein Schlüsselloch einen Einblick in die hochstehende und komplexe geistige Welt der frühen Bronzezeit in Mitteleuropa erlaubt.

Observatorium in Goseck (Rekonstruktion)
Observatorium in Goseck (Rekonstruktion) Quelle: ZDF

ZDF: Welche Fragen, die noch nicht beantwortet sind, interessieren Sie bei den Skeletten von Eulau und der Himmelsscheibe von Nebra?

Meller: Im Falle von Eulau würde ich gerne wissen, wo die restliche Bevölkerung des Dorfes während des Angriffes war. Vor allem würde ich gerne den entsprechenden Bestattungsplatz entdecken, um genetisch die Verwandtschaftsverhältnisse, die Größe der Gruppe und damit viele andere Fragen untersuchen zu können. Bei der Himmelsscheibe von Nebra würde ich gerne herausfinden, ob es sich in Bezug auf die astronomischen Kenntnisse um eine eigene Entdeckung eines mitteldeutschen Bronzezeitgenies handelt, das Jahrzehnte lang den einheimischen Himmel betrachtete, oder aber ob die Kenntnisse an einen Reisenden aus Mitteldeutschland im Vorderen Orient weitergegeben wurden.

ZDF: Die ZDF-Dokumentation "Terra X: Tatort Eulau - Das Rätsel der 13 Skelette" zeigt Ihre Zusammenarbeit mit dem BKA-Profiler Dr. Michael Baurmann. Was war für Sie das Reizvolle an dieser Kooperation?

Meller: Die Zusammenarbeit mit BKA-Profiler Herrn Dr. Baurmann gehört zu den interessantesten neuen Erfahrungen für mich als Archäologe. Ich war nicht davon ausgegangen, dass wir nach mehr als 4500 Jahren den Tätern und damit der Lösung des Falles noch einmal auf die Schliche kommen könnten. Die analytische Denkweise des BKA-Profilers ermöglichte uns völlig neue Fragestellungen, die uns zu den möglichen Tätern führten.

Prof. Meller an der Ausgrabungsstätte in Nebra
Archäologische Stätte Nebra Quelle: ZDF

ZDF: Wo sind aus Ihrer Sicht Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Herangehensweise bei einem Archäologen und einem Profiler?

Meller: Archäologie und Kriminologie sind in vielerlei Hinsicht ähnlich. Zuallererst muss der Tatort oder Fundort gesichert und genauestens dokumentiert werden. Anschließend werden mit geistes- und naturwissenschaftlichen Methoden die Indizien gesammelt, erhoben und verglichen. Am Ende kommt es aus der Synthese der Fakten zu einer Interpretation, die einen möglichst hohen Realitätsgehalt anstrebt.

ZDF: Wäre diese Art der Zusammenarbeit auch für andere archäologische Projekte wünschenswert?

Meller: Die Zusammenarbeit mit dem BKA-Profiler Herrn Dr. Baurmann wäre für andere archäologische Projekte äußerst wünschenswert. Wir haben es immer wieder mit einzelnen "Fällen" zu tun, die nach den Erfahrungen in Eulau auch nach Jahrtausenden möglicherweise noch geklärt werden können. Es ist jedenfalls äußerst interessant, all die relevanten Indizien zu sammeln. Ein aktueller Fall liegt an der Fundstelle Salzmünde vor, wo wir neun Skelette von Frauen und Kindern fanden, die teilweise Brandspuren zeigen. Handelt es sich hier um die Zeugen einer Katastrophe oder eines Rituals? Hier könnte Herr Dr. Baurmann uns bestens weiterhelfen.

Salzmünde: Totale einer archäologischen Grabung
Salzmünde: Totale einer archäologischen Grabung Quelle: ZDF

ZDF: Um noch einmal auf die beiden ZDF-Dokumentationen zukommen: Sie waren ja auch schon bei "Terra X: Herr der Himmelsscheibe. Der Jahrtausendfund von Nebra" stark beteiligt. Was halten Sie als Wissenschaftler davon, mit Hilfe von Spielszenen das Leben aus der Steinzeit oder der Bronzezeit nachzuempfinden?

Meller: Ich sehe Spielszenen als Wissenschaftler nicht unkritisch, da die glaubwürdige Rekonstruktion von Siedlungen, Kleidung etc. in der Regel nur schwer zu realisieren ist. Deshalb bevorzuge ich abstraktere Annährungsformen, akzeptiere aber selbstverständlich gerne die Wünsche des Publikums.

ZDF: Und das Publikum Ihres Museums: Wie reagieren die Besucher auf die gezeigten Skelette von Eulau?

Meller: Die Besucher, vor allem aber auch die Kinder, die unser Museum besuchen, reagieren emotional und tief beeindruckt auf die Skelette von Eulau. Bei der Ausstellung der Skelette haben wir uns bemüht, durch entsprechende Beleuchtung den Toten Respekt zu erweisen. Die Besucher sind durch die liebevollen Gesten zwischen den Bestatteten häufig tief bewegt, zeigen sie doch, dass uns in den wesentlichen Grundwerten wie Familie und Liebe zueinander nichts von den jung-steinzeitlichen Menschen trennt. Unser materieller Fortschritt erscheint angesichts dieser Grundkoordinaten als wesentlich weniger trennend als gemeinhin in Archäologiemuseen angenommen.

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