Auf dem Gipfel der Macht

Orgiastische Hochzeitsfeier nach Hinrichtung der Königin

Heinrich scheint auf dem Gipfel seiner Macht. Der Klerus ist entmachtet, er selbst absoluter Herrscher, der die Verwaltung des Landes zentralisiert und seine Feinde zum Schweigen gebracht hat. Doch da erschüttert eine Reihe von Schicksalsschlägen das Leben des Königs.

Heinrich stürzt schwer: Zwei Stunden liegt er im Koma. Man fürchtet um sein Leben. Sechs Tage später erleidet Anne eine Fehlgeburt - das Kind wäre ein Junge gewesen.

Zweites Versagen

Dieses zweite Versagen, einen gesunden Jungen zu gebären, ist eine Katastrophe für Anne. Mit einem Mal begreift sie, wie gefährlich es ist, Gemahlin Heinrichs VIII. zu sein. Am ganzen Hof ahnt man, dass Annes Stern allmählich sinkt. Eine Lauscherin berichtet, der König habe Anne angefahren: "Es liegt in meiner Hand, dich in einem Augenblick tiefer zu erniedrigen, als ich dich erhoben habe." Der spanische Botschafter berichtet nach Hause: "Innerhalb von drei Monaten oder noch länger hat der König weniger als zehn mal mit Anne Boleyn gesprochen."
Stattdessen wird gefeiert. Heinrich - nebenbei auch noch Komponist und begabter Musiker - umwirbt eine neue Favoritin: Jane Seymour, ein sanftes, offenherziges Mädchen, das im Gegensatz zu Anne wenig Feinde hat. Mit ihrem ausgeglichenen Temperament bildet sie einen willkommenen Gegensatz zu Anne, die - wie allen bekannt - ein Zankteufel ist. Außerdem ist Jane Seymour jung. Noch einmal keimt in Heinrich die Hoffnung auf einen Thronfolger auf.

Erneute Scheidung

Es verbreitet sich das Gerücht, dass der König Ungeheuerliches plant: sich erneut scheiden zu lassen. Er sucht nur noch nach einem Vorwand, Anne loszuwerden. Und in der Tat: Am 2. Mai 1536 wird bekannt, dass Anne verhaftet und im Tower eingekerkert ist. Heinrich hatte eine Untersuchung über seine Frau angeordnet. Schon wenige Tage später wird der Lieblingsmusiker der Königin verhaftet - und gesteht unter Folter, mit ihr Ehebruch begangen zu haben.

Am 19. Mai 1536 ist der Tag der Hinrichtung ist gekommen. "Niemals hat jemand besseren Willen gezeigt, zum Tode zu gehen, als sie" berichtet ein Augenzeuge. Heinrich war nicht anwesend, hatte sich aber um die Einzelheiten der Hinrichtung gekümmert. Ein teurer Scharfrichter war extra aus Frankreich bestellt, der Anne mit einem Richtschwert statt mit dem Beil hinrichten sollte. Denn das war eine besondere Ehre - und die wollte Heinrich seiner Königin noch gewähren.

"Gott schütze den König"

Die Rede, die Anne hielt, beeindruckte die eben noch johlende Menge: "Ich will niemanden anklagen oder darüber sprechen, warum ich angeklagt wurde und zum Sterben verurteilt bin. Gott schütze den König! Möge er noch lange über Euch herrschen. Denn einen so sanftmütigen und nachsichtigen König wie ihn gab es noch nie. Mir war er stets ein guter, freundlicher und gnädiger Herr. Jesus, zu Dir befehle ich meine Seele."

Der Legende nach soll Heinrich zur Zeit von Annes Hinrichtung Tennis gespielt haben.

Wie im Rausch

Schon lange ist nicht mehr so viel gefeiert worden, wie vor und nach Annes Tod. In den Küchen im königlichen Palast wird auf Hochtouren gearbeitet. Heinrich will sich amüsieren, mit Jane Seymour, die er nur einen Tag nach Annes Hinrichtung geheiratet hat. Der König scheint wie im Rausch. Mit orgiastischen Festen und kulinarischen Genüssen betäubt er jede Regung von Reue. Niemand soll glauben, dass Annes Sturz eine Niederlage für ihn ist oder einen Wechsel seiner Politik bedeute. Doch das große Drama in Heinrichs Lebens bleibt bestehen: Auch wenn er der bisher mächtigste König Englands ist - wenn es ihm jetzt nicht gelingt, mit seiner dritten Frau einen Thronfolger zu zeugen, waren aus seiner Sicht alle seine politischen Erfolge umsonst.

Bei Hof ist man entsetzt über die Exzesse des Königs und seine Gleichgültigkeit. Der Tod von Anne scheint ihm egal zu sein. Er feiert seine neue Liebe. Und Heinrich ist unersättlich: Er verschlingt Unmengen von Süßspeisen und Zuckerwerk. Sein Alkoholkonsum ist immens: Er trinkt bis zu sechs Liter Bier und Wein pro Tag. Er ist der Inbegriff des zügellosen, sinnenfrohen Herrschers. Doch in der gleichen Zeit unterschreibt Heinrich ein Todesurteil nach dem anderen. Sein Regime wird immer brutaler: Er lässt seine Untertanen überwachen und drangsalieren, tausende Ketzer hinrichten. Nichts erinnert mehr an die glorreiche Zeit, in der das englische Volk seinem jungen König zujubelte und sich nach den Kriegswirren der Vergangenheit Hoffnung auf einen langen Frieden machte.

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