Auf den Spuren der Königinnen von Kusch

Aus dem Tagebuch einer Terra X-Drehreise im Sudan

Unverschämten Honorarforderungen, Heuschreckenherden im Bad, Sandstürmen in der Nacht oder horrender Hitze am Tag zum Trotz: Nach knapp drei Wochen war alles im Kasten, das Team zufrieden. Filmautorin Renate Beyer über die Dreharbeiten im Sudan.

Kameramann beim Filmen Quelle: ZDF


Khartoum, Montag, 5. März 2007

Wir sitzen am Straßenrand auf verrosteten Klappstühlen und sehen der Getränkeverkäuferin zu, die bei 38 Grad im Schatten Tee oder Kaffe zubereitet, mit oder ohne Zucker, mit oder ohne Kardamom. Das Wasser, das sie auf einem Gaskocher erhitzt, kommt aus einem schwarzgrünen Plastikbehälter, Tee und Kaffepulver entnimmt sie abgegriffenen Blechdosen, den Zucker verwahrt sie in einer Tüte aus Zeitungspapier.

Utensilien zum Kaffee-Kochen Quelle: ZDF

"Gewöhn' dich an die Bedingungen"

Die Verkäuferin rührt mit einem Aluminiumlöffel in einer zerbeulten Kanne, lacht, scherzt mit den Kunden, wendet sich zur Seite, spuckt auf den Boden, rührt weiter, gießt das kostbare, schwarze Gebräu in ein kleines Glas, reicht es dem dicklichen Menschen, der es bestellt hat, kassiert dafür einen halben Dinar, etwa 20 Cent, und jetzt sind wir dran. Nein, den Kaffee bitte ohne Zucker. Kann man das Wasser trinken, ohne sich gleich was zu holen? George vom Acropole Hotel hat mir vorhin mit auf den Weg gegeben: Wenn du in diesem Land arbeiten willst, musst du essen und trinken, also gewöhn' dich besser an die Bedingungen bei uns. Okay, ich bin bereit. Ich nehme doch Zucker in dieses bittere Getränk.

Vor zehn Minuten haben wir endlich die permits erhalten, die offiziellen Drehgenehmigungen für die antiken Stätten in der Wüste. Der dokumentarische Teil des Films wäre somit gerettet. Ob es möglich sein wird, auch die reenactments zu drehen, steht in den Sternen. Bis jetzt fehlt uns dafür noch fast alles.

Schlechte Filmszenen für viel Geld

Schauspielerin Om Yumma Quelle: ZDF

Wir brauchen eine Schauspielerin, die die mächtige Königin von Kusch darstellen kann, wir brauchen Leute für den Hofstaat, nubische Bogenschützen, Händler, Sklaven, wir brauchen einen Schneider, der die Kostüme näht, einen Schuster, der die Sandalen macht, wir brauchen jemanden, der sich um die Requisiten kümmert, wir brauchen jemanden fürs Makeup, und eigentlich brauchen wir auch einen Aufnahmeleiter.



Inzwischen haben wir so gut wie alle Adressen abgeklappert, haben Schauspielerinnen kennengelernt, die es für eine Zumutung hielten, dass sie als Königin von Kusch ihre schwarzen Handschuhe und das schwarze Kopftuch ablegen sollten, haben Fernsehkollegen getroffen, die uns für viel Geld schlechte Filmszenen verkaufen wollten, haben Studenten besucht, die gerne mitgemacht hätten, aber erst Klausuren schreiben mussten, und waren der einzigen Maskenbildnerin in Khartoum begegnet. Deren Tagesgage lag allerdings so hoch, dass uns die Luft weg blieb. Jetzt haben wir noch drei Termine vor uns, einen in Nähe der Universität und die beiden anderen in weiter entfernten Stadtvierteln.


Khartoum, Dienstag, 6. März 2007

Die "National Sudanese Folk Dance Troup" macht mit! Und wir haben eine schwarze Königin gefunden! Die Tänzerin Om Yumma ist exakt die afrikanische Schönheit, die ich mir vorgestellt hatte: Anfang dreißig, einsachtzig groß, üppig, souverän und sexy. Mohamed und Abdul, der Taxifahrer, waren von ihr hingerissen. Om Yumma kennt die Geschichte ihres Landes, hat von den Königinnen von Kusch gehört und findet es super, dass sie die große Herrscherin Amanishakheto spielen soll. Jetzt werden sich der Schneider, der Schuster und die Requisiten auch noch finden! In Shendi soll es Handwebereien geben, viele hervorragende Schneider und einen alten Basar.

Kleine Pause für die römischen Statisten Quelle: ZDF


Meroe, Wüstencamp, Dienstag, 13. März 2007

Das Thermometer klettert täglich höher. Heute waren es 46 Grad. Die Einheimischen können es nicht verstehen, dass wir um 15 Uhr, nach der Mittagspause, wieder weiter arbeiten. Hier draußen in der Wüste beginnt der Arbeitstag um sieben und endet um halb zwölf. Auch die Archäologen halten diesen Rhythmus ein, sagt Mohamed. Nur die TV-Leute nicht.

Wir sind unterwegs in dem Land, das im alten Ägypten "Kusch" oder "Südland" hieß, und in dem vor 2000 Jahren kriegerische Königinnen regierten. Die Ruinenstätten, die sie in der Wüste hinterließen, sind bombastisch. Wir schlafen in den Zelten eines italienischen Hotels, und wenn wir abends vom Dreh zurückkommen, hat der Koch schon das Essen fertig.


Meroe, Wüstencamp, Mittwoch, 14. März 2007

Die Ruhe vor dem Sturm ist vorbei. Als Mohamed und ich gestern Nacht aus Shendi zurückkamen - wir mussten die Stoffe aussuchen und mit dem Schneider verhandeln - war es windig, aber noch sehr heiß. Irgendwie unangenehm. Zum Glück hatte Denise, die italienische Hotelmanagerin, wie versprochen das Licht für uns angelassen. Aber Punkt zwölf Uhr, hatte sie gesagt, wird es ausgemacht. Es blieben also noch genau 15 Minuten. Ich habe schnell meine Drehunterlagen für den nächsten Tag zusammengesucht und die Taschenlampe gegriffen, bevor ich ins Camp-Bad hinter meinem Zelt ging.

Entsetzlich viel Getier

Dort ereignete sich gerade die Invasion der Kerbtiere. Das ganze Bad war voll von Heuschrecken und anderen krabbligen Lebewesen, die aus den Abflussrohren gekrochen kamen. Das Waschbecken wimmelte von dicken Insekten, ebenso die Dusche und der Abfluss neben der Toilette. Ich habe versucht, den Verschlusshebel des Waschbeckens zu ziehen, aber dabei wurde entsetzlich viel Getier eingeklemmt und zappelte schrecklich um sein Leben. Ich habe also den Verschluss wieder geöffnet - dann ging das Licht aus. Im Schein der Taschenlampe verwandelte sich das Bad vollends in einen Ort des Schreckens. Die Nacht fing somit schon gut an.

Aufgewacht bin ich, weil mich irgendetwas im Gesicht berührt hatte. Heuschrecken habe ich zuerst gedacht. Aber es waren meine Papiere, die im Zelt herumflogen. Durch das Fliegengitter fegte der Sand. Ich habe versucht, die Fensterplane zu schließen, aber der Sturm riß sie immer wieder auf. Jan und Thomas schienen noch zu schlafen, in ihren Zelten war kein Taschenlampenschein zu sehen. Da ich Sandsturm aus der ägyptischen Westwüste kenne, habe ich meine Papiere einge-sammelt, meinen Koffer gepackt und der Dinge geharrt, die da kommen sollten. Gegen morgen war der Sturm zurückgegangen, und es sah so aus, als würde er sich bald völlig legen.

Regiebesprechung mit der Autorin Quelle: ZDF

Schon bald ging nichts mehr

Wir wollten noch einige Einstellungen bei den Pyramiden drehen und danach waren die Ruinen der antiken Stadt Meroe geplant. Aber so weit sind wir nicht mehr gekommen. Der Wind wurde langsam wieder stärker. Zuerst schrieb er wunderbare Muster in den Sand, die uns begeisterten und die wir unbedingt einfangen wollten. Jan hat die Kamera geschützt, wir haben uns Tücher um Nase und Mund gebunden und gedreht, was wir kriegen konnten. Aber schon bald ging nichts mehr. Wir durften auf keinen Fall die Kamera gefährden und sind ins Camp zurückgefahren. Die Kollegen haben geputzt, Mohamed hat versucht, meine Fotokamera zu retten, die Sand abgekriegt hatte, und ich habe mich bemüht, Entscheidungshilfen zu finden. Ausharren oder abreisen? Die Einheimischen waren der Meinung, in der kommenden Nacht würde es sich zeigen, wie es mit dem Sturm weiterginge.

Sie hatten recht. In der Nacht ging's richtig los. Als es hell wurde, war alles in meinem Zelt versandet. Koffer und Taschen lagen unter einer etwa fünf Zentimeter dicken Schicht. Die Tür zu meinem Bad war abgerissen, der Sturm hatte ganze Sandberge hineingefegt. Ahmed und die Fahrer, die im halboffenen Nebenhaus geschlafen hatten, waren in die Autos geflüchtet. Thomas konnte seinen Rasierapparat unter dem Sand nicht mehr finden, Mohamed suchte seine Sonnenbrille. Irgendwann trafen wir uns alle in der Küche des Haupthauses. Auch dort stand alles unter Sand. Jetzt aber nichts wie weg, sagten die sudanesischen Fahrer.


Khartoum, Sonntag, 25.März 07

Letzter Drehtag im Theater von Khartoum. Morgen fliegen wir nach Kairo und dann weiter nach Assuan. Es kommt mir wie ein Wunder vor, dass wir bis auf Meroe den Drehplan doch noch fast eingehalten und sogar einen großen Teil der reenactments geschafft haben. Dreimal sind die Schauspieler mit ihren alten Vans in der Wüste steckengeblieben. Das erste Mal sind sie nicht am Drehort angekommen, mussten irgendwo im Sand übernachten und konnten sich erst am nächsten Morgen wieder freischaufeln. Die nächsten beiden Male haben wir sie abgeschleppt und ausgegraben.

Dann ist Jan krank geworden, und wir mussten einen zweiten Kameraassistenten aus Kairo kommen lassen. Die Hitze wurde immer unerträglicher. In Naga vor zwei Tagen hatten wir 49 Grad. Wenn die Schauspieler nicht gerade im Hitzeschlaf verharrten, waren sie wunderbar, allen voran Om Yumma. Alle unsere sudanesischen Mitarbeiter waren großartig. Thomas hat gesagt, dass er künftig an ein anderes Sudan denken wird als vorher. So ähnlich geht es mir auch. Shukran, salam.

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