Auf der Spur der blauen Steine

Neue Erkenntnisse über Stonehenge

Vor mehr als 5000 Jahren erwählten Menschen einen Ort im Süden Englands zur Kultstätte: Stonehenge. Unzählige Mythen ranken sich um die geheimnisvolle Anlage, die bis heute den Forschern Rätsel aufgibt. Eines scheint gewiss: Was die Erbauer schufen, scheint in geheimnisvoller Verbindung zur Sonne zu stehen.

Stonehenge, die berühmte Steinformation auf der Hochebene von Salisbury, erlaubt viele Interpretationen. Von ihren Erbauern, ihren Ideen, ihrem Glauben und ihrem Wissen trennen uns Jahrtausende. Immer wieder hoffte man, durch Ausgrabungen Aufschlüsse über die wahre Bedeutung des Bauwerks zu erhalten.

Die Kreisbaumeister

Stonehenge (Panoramaansicht)
Der Megalithkreis im englischen Wiltshire birgt noch viele Rätsel. Quelle: dpa

Nach rund vierzigjähriger Unterbrechung haben Archäologen in den letzten Jahren erneut in Stonehenge gegraben. Dabei machten sie spektakuläre Funde, die die Anlage in neuem Licht erscheinen lassen. Stonehenge ist in mehreren konzentrischen Kreisen angelegt. Für viele Monumente der Jungsteinzeit ist die Geometrie des Kreises ein Leitmotiv. Was aber - außer der perfekten Form - veranlasste die Menschen, ein so regelmäßiges Bauwerk zu errichten?

Hinweise auf die Funktion solcher kreisförmiger Anlagen kommen aus Deutschland. Bei Goseck in Sachsen-Anhalt fand man ganz ähnliche Formationen, die älter, schlichter und damit eindeutiger sind. Die Kreisgrabenanlage von Goseck ist 7000 Jahre alt und wurde somit mindestens 2000 Jahre vor Stonehenge errichtet. Der Kreisbau, der sich im Inneren in zwei konzentrischen Palisadenkreisen fortsetzt, ist von drei torähnlichen Öffnungen unterbrochen. Eine zeigt exakt in Richtung Südost, eine in Richtung Südwest.

Bauplan nach dem Sonnenlauf

Funde, die bei den Ausgrabungen gemacht wurden, legen nahe, dass dieser Ort einst eine mythische Bedeutung hatte. Aber es bleibt unbekannt, welche Riten die Menschen vor knapp 7000 Jahren feierten. Einig sind sich die Archäologen darüber, zu welchem Zweck sie den Bau errichteten: Die Anlage ist das älteste Sonnenobservatorium der Welt. Am kürzesten Tag im Jahr, zur Wintersonnwende, geht die Sonne genau in der südöstlichen Öffnung der Anlage auf und in der südwestlichen unter.

Wie ein Kalender gaben die Steine Orientierung über den Lauf der Sonne und damit über die Jahreszeiten. Obwohl Goseck und Stonehenge zwei Jahrtausende trennen, liegt beiden Monumenten ein ähnlicher Bauplan zugrunde. Die markanteste Öffnung von Stonehenge zeigt in Richtung Nordost - dorthin, wo zum Zeitpunkt der Wintersonnwende am 21. Dezember die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen sendet. Dieses Licht erleuchtet dann das Zentrum der Anlage. Sechs Monate später, zur Sommersonnwende am 21. Juni, geht die Sonne zwischen den aufgerichteten Steinen auf - ein Spektakel, das jedes Jahr Tausende Besucher anlockt.

Ein Kalender für den Ackerbau

Zweifellos war auch das Monument von Stonehenge der Sonne gewidmet. Forscher gehen davon aus, dass es ein Kalender im großen Maßstab war, an dem sich der Verlauf der Jahreszeiten grob ablesen ließ. Für die frühen Ackerbauern war das etwas Besonderes, denn ihr Wohl und Wehe hingen vom Jahresrhythmus der Sonne ab. Der richtige Zeitpunkt für die Aussaat war entscheidend. Und der kürzeste Tag im Jahr, die Wintersonnwende, zeigte den Menschen an, dass dieser Termin näher rückte.

Stonehenge vor blauem Himmel (Panorama)
Was war die Motivation für ein derart aufwendiges Bauwerk? Quelle: ZDF

Floriert die Landwirtschaft, ernährt sie viele Menschen. Erst unter dieser Voraussetzung konnte sich eine Gemeinschaft zusammenfinden, die ein Mammutprojekt wie den Bau von Stonehenge überhaupt bewältigte. Doch es bleibt die Frage: Warum hat man den Kalender aus tonnenschweren Steinen errichtet? Warum solch ein Kraftakt, wenn einfache Kreise aus Holzpalisaden denselben Zweck erfüllen? Haben Forscher einen entscheidenden Hinweis übersehen? Stecken bislang unentdeckte Botschaften in den Steinen?

Der Bogenschütze von Amesbury

Mit den Ausgrabungen der letzten zehn Jahre rückte die Entschlüsselung des Rätsels Stonehenge ein großes Stück näher. 2002 führte ein Knochenfund die Archäologen auf eine neue Spur. In Amesbury, etwa fünf Kilometer von den Steinkreisen entfernt, entdeckte man ein Grab mit dem Skelett eines Mannes. Es enthielt ungewöhnlich zahlreiche und üppige Grabbeigaben, darunter Pfeilspitzen und Armschutzplatten, die dem Toten den Namen "Amesbury Archer" (Bogenschütze von Amesbury) einbrachten. Aus der Fülle der Grabbeigaben schloss man, dass es sich sich um eine hochgestellte Persönlichkeit handeln musste.

Die weitere Untersuchung enthüllte: Der Mann besaß ein steifes Knie, er war also ein gehbehinderter Edelmann. Als Forscher die Zusammensetzung seiner Zähne analysierten, machten sie eine sensationelle Entdeckung: Der Mann kam von weit her, aus Zentraleuropa, womöglich aus der heutigen Schweiz. Und die Altersbestimmung des Skeletts auf etwa 2400 bis 2200 vor Christus brachte die Forscher auf eine weitere überraschende Fährte.

Heilende Steine

Die "Bluestones" von Stonehenge
Die Blausteine von Stonehenge Quelle: ZDF

2008 durften die Briten Geoff Wainwright und Timothy Darwill erstmals seit 40 Jahren Ausgrabungen innerhalb der Stonehenge-Kreise durchführen. In der ersten Phase entdeckten sie dabei organisches Material, das auf die gleiche Zeit wie der "Amesbury Archer" datiert wurde. Das Spannende daran: Der Mann kam genau zu der Zeit in Stonehenge an, als die Menschen riesige, bläulich schimmernde Steine aus Dolerit aufgerichtet hatten, einem Basaltgestein, das aus Pembrokeshire im heutigen Wales stammt. In der zweiten Phase suchten die Wissenschaftler nach Überresten dieser Blausteine - und fanden jede Menge Splitter, die anscheinend von zahlreichen Besuchern der Bronzezeit von den Steinen abgeschlagen worden waren.

Welche Bedeutung haben die bis zu vier Tonnen schweren Monolithen? Warum hat man sie einst so mühsam aus über 300 Kilometern Entfernung herangeschafft? Ein wichtiges Indiz: Jenes Gebiet in Wales ist nicht nur für seine blau schimmernden Steine bekannt, sondern auch für seine Heilquellen. Wahrscheinlich glaubten die Menschen, die Blausteine trügen diese heilenden Kräfte in sich, und pilgerten in der Hoffnung auf Linderung vielfältiger Leiden nach Südengland. Stonehenge war also auch eine Art prähistorisches Lourdes - das legen die neuen Erkenntnisse nahe. Der Mann mit dem steifen Knie führt uns an einen Ort, dem man magische Kräfte nachsagte und der bis heute eine rätselhafte Anziehungskraft ausstrahlt.

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