Auf der Spur des Prussia-Schatzes

Terra X classics - Aus der Reihe "Schliemanns Erben"

Im Inferno des Zweiten Weltkriegs verschwindet aus dem Königsberger Schloss neben dem Bernsteinzimmer auch die weltberühmte Prussia-Sammlung. Archäologe Timo Ibsen fahndet nach mehr als Gold und Silber: Er forscht nach den Menschen dahinter. Nach dem Volk, dem die Preußen ihren Namen verdanken.

Forschergruppe am Eingang von Fort III Quelle: ZDF

Multiethnischer Knotenpunkt

Zur selben Zeit als Schliemann Troja ausgrub, gab es in Ostpreußen unweit der Kurischen Nehrung eine Grabung Königsberger Archäologen, die erst heute dazu beitragen kann, die Geschichte der einheimischen Urbevölkerung, der Prussen, aufzudecken.


Eine Pirouette der Geschichte: Sie gaben denen ihren Namen, die sie vernichteten. Die Prussen tauchen erst in der überlieferten Historie auf, als sie mit Feuer und Schwert blutig vom Deutschen Orden im 12. und 13. Jahrhundert christianisiert wurden. Das Volk, das den Preußen ihren Namen gab, ging unter - aber nicht spurlos.


Die Prussen hinterließen zwar keine Schriftzeugnisse, aber archäologische Spuren. Das 1865 bei dem kleinen Ort Wiskiauten im Samland entdeckte mittelalterliche Gräberfeld von 500 Hügelgräbern wird heute von russischen Archäologen ausgegraben.


Auf die Suche nach der zugehörigen Siedlung hat sich seit drei Jahren ein interdisziplinäres Forscherteam begeben, unter der Leitung von Professor Claus von Carnap-Bornheim vom Archäologischen Landesmuseum Schleswig. Die Archäologen stoßen auf dem Gebiet der Prussen auf einen bisher unbekannten großen multiethnischen Knotenpunkt des internationalen Ostseehandels vom Atlantik bis Byzanz, vergleichbar der Wikingersiedlung Haithabu bei Schleswig.



Die legendäre Prussia-Sammlung

Die Bedeutung der Erfolge der russisch-deutschen Grabung wird nur verständlich vor dem Hintergrund der abenteuerlichen Geschichte der legendären Prussia-Sammlung. Die Königsberger Prussia-Sammlung mit den archäologischen Funden aus dem ehemaligen Ostpreußen, seit 1844 zusammengetragen, stellte vor dem Zweiten Weltkrieg eine der bedeutendsten und faszinierendsten Altertumssammlungen Europas dar. Bis in die jüngste Vergangenheit wie das Bernsteinzimmer als verschollen geltend, ist sie selbst zum Gegenstand archäologischer Suche und Ausgrabungen geworden.


In den letzten Kriegsmonaten wurde die insgesamt fast eine halbe Million Funde und Archivalien umfassende Sammlung auseinander gerissen. Im Herbst 1944 wurden 125 Kisten mit Archivmaterial und 50.000 Objekten, auch aus der alten deutschen Grabung Wiskiauten, in zwei Eisenbahnwaggons von Königsberg nach Demnin in Vorpommern ausgelagert.



Der Schatz auf dem Dachboden

Da befanden sie sich jahrelang auf dem Dachboden des Gutshofs Brook, bis ein an Archäologie interessierter 16-jähriger Schüler ihren Wert erkannte, der örtliche Kaufmann sie zwischen seinen Vorratskisten versteckte und 1949 in die Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften brachte. Dort war man sich schnell einig: Wenn die Russen davon erfahren, werden die Kisten sofort nach Moskau abtransportiert - wie der Troja-Schatz.


Deshalb verbargen zwei Berliner Wissenschaftler die Prussia-Sammlung im hintersten Keller. Alle Beteiligten schwiegen 40 Jahre lang. Bis zur Wende erfährt niemand von dem als verschollen geltenden Schatz im Keller. Erst mit der Wiedervereinigung der Berliner Museen kam der Bestand, 50.000 Fundstücke und 80.000 Archivalien, an das Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin.



Verloren in den Wirren des Krieges

Die wertvollsten Teile lagen wegen ihrer Symbolkraft für die ostpreußische Bevölkerung bis Ende Januar 1945 als Schausammlung im Königsberger Schloss. Wie das Bernsteinzimmer wurden sie vermutlich in den Wirren der letzten Kriegstage aus den Gewölben des Schlosses abtransportiert.


Ein Krimi: 30.000 verschollene Objekte aus der Königsberger Schausammlung wurden in den letzten Jahren wieder entdeckt. Im Schlamm und Modder des bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts von der russischen Armee besetzten Forts III im Befestigungsgürtel des historischen Königsberg tauchten nach Abzug des Militärs plötzlich Funde mit deutschen Etiketten auf, die auf Schwarzmärkten verkauft wurden. Anhand alter Kataloge war schnell klar, dass es sich um Teile aus der Schausammlung handelte.



Viele Gold- und Silberfunde fehlen

Nach 40 Jahren wiederentdeckt

"Jene Kostbarkeiten der Geschichte unseres Kontinents, die als ewig in den Flammen des Weltkrieges verloren gegolten hatten", wie es Awenir Owsjanow formuliert, der die Abteilung für die Suche nach verschollenen Kulturgütern im Kaliningrader leitet. Er schwärmt von der Hebung "der gesunkenen Titanic der prussischen Archäologie". Doch von der insgesamt halben Million Objekte fehlen noch etliche, beispielsweise Goldfunde aus Heiligenbeil oder der Gold- und Silberschatz aus Frauenburg.


Vielleicht sind sie tatsächlich für immer verloren, vielleicht aber erwarten uns auch hier Überraschungen wie bei den verschollenen und wieder aufgetauchten 30.000 Objekten der Schausammlung, die Königsberg nie verlassen hat. Für eine Evakuierung war es in den letzten Kriegstagen zu spät. Da die Schausammlung mit dem Bernsteinzimmer zusammen bis zum Schloss wohl im Königsberger Schloss lagerte, lässt es nun die Bernsteinzimmerforscher wieder verstärkt in Königsberg selbst suchen.Der nach 40 Jahren in Berlin wiederentdeckte Teil der verloren geglaubten Sammlung weckt neue Hoffnung. Endlich können die Wissenschaftler damit arbeiten und die Materialien für die Suche nach der versunkenen Siedlung von Wiskiauten nutzen. Und das weitere Ziel: Eines Tages soll die auseinander gerissene Prussia-Sammlung wieder vereint werden.


Eins ist sicher: Dass sich deutsche und russische Wissenschaftler im ehemaligen Ostpreußen gemeinsam auf die Spuren der alten Prussen begeben, zusammen Raubgräberspuren verfolgen, in Wiskiauten und Fort III graben und restaurieren, dass die jungen Menschen Freundschaften geschlossen haben, dass sie von ihrem gemeinsamen Erbe sprechen - das ist ein Schatz, der sich mit Gold und Silber nicht aufwiegen lässt.

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