Aufbruch in die Neue Welt

Hochmodernes Schiff mit 135 Auswanderern an Bord

Am 4. Dezember 1875 treten Fahrgäste aus Böhmen, Russland, Ungarn, Österreich und sogar Amerika die Reise mit der "Deutschland" nach Übersee an. Eine Mannschaft aus 99 Matrosen und Offizieren betreut die 135 Passagiere, das Kommando führt Kapitän Brickenstein.

Deutschland im Hafen von Bremerhaven Quelle: ZDF

Verlockung Amerika

Aus den Akten der Untersuchungskommission geht hervor: Der 45-jährige Eduard Brickenstein besaß seit 16 Jahren das Kapitänspatent. Für die Reederei "Norddeutscher Lloyd" fuhr der Angeklagte seit acht Jahren, auf der "Deutschland" jedoch zum ersten Mal. Brickenstein hatte noch nie ein Schiff verloren.


Die Menschen, die dem erfahrenen Seemann ihr Leben anvertrauten, waren eine bunt gemischte Gesellschaft. Die einen hofften auf bessere Lebensbedingungen, andere suchten in der Neuen Welt das Abenteuer. Auch Kaufleute waren darunter, die jenseits des Atlantik gute Geschäfte machen wollten. Denn der Wirtschaftsboom nach der Reichsgründung 1871 hielt nicht lange an. Schon bald trieb eine schwere Finanzkrise viele Deutsche aus der Heimat. Doch auch die Sehnsucht nach Meinungs- und Religionsfreiheit lockte manchen ins ferne Amerika.

Gemischte Gesellschaft Quelle: ZDF

Fünf Millionen Deutsche wanderten zwischen 1820 und 1914 aus. Ein lukratives Geschäft für viele Zuliefererunternehmen und die großen Reedereien, wie die Norddeutsche Lloyd und die Hapag. Die geschickte Auslastung der Pendlerschiffe zwischen den Kontinenten garantierte den Eignern satte Gewinne. Eine Passage in der zweiten Klasse kostete auf der "Deutschland" immerhin 300 Reichsmark, umgerechnet etwa 2.800 Euro.

Schlafräume der zweiten Klasse Quelle: ZDF

Berüchtigtes Zwischendeck

Die Unterbringung auf der "Deutschland" erfolgte streng getrennt nach Stand und Klasse der Gäste. Die meisten reisten im berüchtigten Zwischendeck: ein dunkler Raum mit langen Tischen und doppelstöckigen Betten an den Seiten. Die Großkabine war Speise- und Schlafsaal zugleich. Das korrekte Verhalten an Bord regelten Anweisungen, doch für die Schiffe existierte weder eine Verkehrswacht noch ein verbindliches Seerecht. Heute zeichnen nationale Seeämter für die Sicherheit in ihren Gewässern verantwortlich. In Deutschland fällt die Zuständigkeit auf das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, kurz BSH genannt.


Am 4. Dezember um 15.30 Uhr lief der Dampfsegler in Bremerhaven aus. Bei klarer Sicht ging es zunächst weserabwärts. Als plötzlich dichter Nebel aufzog, wusste Eduard Brickenstein sofort, was er tun musste: Er ließ die Maschinen stoppen. Der Schiffsführer traf eine Sicherheitsmaßnahme. Er ließ Anker werfen, um den nächsten Morgen abzuwarten.

Passagiere im Zwischendeck Quelle: ZDF

Gemischtes Publikum

Im Zwischendeck hatten sich die Amerikafahrer so gut wie möglich eingerichtet. Die Überfahrt bedeutete zwei Wochen ohne Komfort, auf engstem Raum mit fremden Menschen. Das Quartier im Schiffsrumpf war bei Gefahr eine tödliche Falle. In der ersten Klasse residierte der Kaufmann Johann Behring - mit seiner Puppenkollektion war er unterwegs nach Philadelphia zur Weltausstellung. Auf Geheiß ihres Ordens reisten fünf jungen Franziskanerinnen in die Fremde. In den Vereinigten Staaten erwartete die ausgebildeten Lehrerinnen eine neue Aufgabe. Für die Nonnen war es die Herausforderung ihres Lebens.


Doch die verheißungsvolle Mission der Ordensfrauen fern der Heimat steht unter keinem guten Stern. Auch wenn am Morgen des 5. Dezember für die Weiterfahrt ideales Wetter herrscht.

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