Aufbruch in Nantucket

Weltmetropole des Walölexports

Die Geschichte beginnt 1819 auf Nantucket. Die kleine Insel vor der Nordküste Amerikas hat nur 8000 Einwohner und gilt dennoch als Weltmetropole des Ölexports. Hier ist ein Finanz-Imperium konzentriert, das vom Schlachten der Wale abhängt, dem Lieferanten des wertvollsten Rohstoff der damaligen Zeit - dem Waltran.

Im 18. und 19. Jahrhundert machen Schiffe auf allen Meeren Jagd auf den Koloss. Sein dicker Speckpanzer liefert Schmieröl für das beginnende Industriezeitalter.

Exportschlager Walöl

Das Extrakt der Beute wird in Fässern gelagert und in alle Welt verschifft. Walölkerzen aus Nantucket erleuchten die Straßen von New York und London. Walöl, Tran, ist die Essenz für Seife und Kosmetika, Parfum und Arzneimittel. Und aus den Barten der Glatt-Wale schnitzt man Korsettstangen für Mieder. Im Museum von Nantucket ist das Skelett eines Pott-Wals ausgestellt. Weil der größte aller Wale den reinsten Tran lieferte, galt er als bevorzugte Beute.

In den Logbüchern der Kapitäne ist die Geschichte des Walfangs aufgezeichnet. Die Zahl 65 gibt die Menge der Fässer an, die mit dem Öl eines Wals gefüllt wurden. Der Löwenanteil der Beute gehört den Reedern. Das Öl-Geschäft wird ironischerweise von Quäkern kontrolliert. Die christliche Sekte verbietet die Gewalt gegen Menschen, - das massenhafte Schlachten von Walen aber gilt den Quäkern als gottgefällig. Eine Hand voll Ölbarone besitzt die 70 Fangschiffe Nantuckets.

150.000 Dollar Reingewinn

Die Reeder werben George Pollard als Kapitän der "Essex" an. Es ist das erste Kommando des 28-Jährigen. 150.000 Dollar Reingewinn nach heutigem Wert erhoffen sich die Unternehmer von Pollards Fahrt. Davon erhält der Kapitän ein Sechzehntel. Fast drei lange Jahre werden vergehen, bis die Männer heim kommen und die Angst ist groß. Auf Nantucket sind ein Viertel aller Frauen über 23 Jahre Witwen. Hühner, Schweine und Ziegen werden an Bord geschleppt. Die Mannschaft soll wenigstens am Anfang der Reise frisches Fleisch genießen.

Der neue Kapitän ist ein erfahrener Seemann. Aber Pollard hat eine verhängnisvolle Schwäche. Er ist wankelmütig und willensschwach. Owen Chase dagegen, der 22-jährige Erste Offizier, ist ein ehrgeiziger Mann mit Führungsqualitäten. Chase ist es, der uns einen Bericht über das Schicksal der "Essex" hinterlassen hat. Und noch ein anderer hinterlässt Aufzeichnungen über diese Fahrt: Es ist der 14-jährige Thomas Nickerson, unterwegs auf seiner ersten Reise als Schiffsjunge.

Mangel an weißen Seeleuten

Am 12. August 1819 lichtet die "Essex" die Anker. Als der Dreimaster in den Atlantik segelt, bricht ein grauer Riese von der Bering-See aus nach Süden auf. Es ist seine alljährliche Reise zu den Paarungsgründen mitten im Pazifik. Der Wal ist fast so groß wie das Schiff. Noch weiß keiner der 20 Walfänger, dass sich ihre Wege in einem Jahr kreuzen werden.

Im Bauch des Seglers warten 1200 Fässer, um mit Tran gefüllt zu werden: Tran von 20 Walen. Für die Mannschaft bleibt da wenig Platz. Aus Mangel an weißen Seeleuten wurden auch Schwarze angeheuert, ehemalige Sklaven, die ihren Herren in den Südstaaten Amerikas entflohen sind. Kapitän und Offiziere logieren im geräumigeren Heck der "Essex". Vor dem Mast richtet sich die weiße Mannschaft ein. Die Schwarzen drängen sich weit vorne im engen Bug zusammen. In den Nordstaaten der USA ist Sklaverei zwar verboten, aber Schwarze werden auch hier als minderwertig verachtet.

Nach kurzer Fahrt schon gehen Frischfleisch und Gemüse aus. Jetzt müssen sich die Männer mit Pökelfleisch und steinhartem Schiffszwieback begnügen: Verpflegung, die jahrelang hält, aber schon bald vor Maden wimmelt.

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