Aufbruch in unbekannte Welten

Erste Tiefseeexpeditionen helfen auch der heutigen Forschung

Bevor uns die Aufklärung die Welt so zeigt, wie sie ist, und damit ein Stück entzaubert, erzeugt das Meer vor allen Dingen eines: Angst. Bis ins späte Mittelalter gilt es als Tor zu einer geheimnisvollen Unterwelt. Im 19. Jahrhundert riskieren Forscher erstmals einen tieferen Blick ins vermeintliche Reich des Bösen und entdecken eine Welt voller Schönheit und Leben.

Forscher der Valdivia-Expedition (Spielszene)
Forscher der Valdivia-Expedition (Spielszene)

Mit der dreieinhalbjährigen Challenger Expedition (Dezember 1872 bis Mai 1876) begründet ein britisches Forscherteam die Wissenschaft der Ozeanographie. Bis 1896 veröffentlicht der Assistent des wissenschaftlichen Leiters Charles Wyville Thompson die Ergebnisse der Expedition in 50 Bänden. Tausende Arten bis dahin unbekannter Meeresorganismen werden darin beschrieben. Unter dem Eindruck der britischen Expedition starten mehrere Staaten und Privatleute eigene Tiefsee-Expeditionen. Auch der deutsche Kaiser will den Briten nicht nachstehen.

Unerforschte Gebiete

Die erste deutsche Tiefsee-Expedition sticht mehr als 20 Jahre später von Hamburg aus in See (Juli 1898 bis Mai 1899). Initiiert und geleitet wird sie von dem Zoologen Carl Chun. Über die Kapverden geht es nach Südafrika und dann immer weiter Richtung Süden - bis in die Antarktis. Insgesamt werden über 32.000 Seemeilen zurückgelegt. Die Forscher vermessen eine große Zahl an Eisbergen. Sie bestimmen die Lage der Bouvetinsel und fahren durch Gebiete, die noch völlig unerforscht sind.

Vor dem Start wird der Dampfer Valdivia komplett umgebaut. Mehr als 300.000 Goldmark lässt sich Kaiser Wilhelm II. die Expedition kosten. Neben der mehr als 40-köpfigen Mannschaft arbeiten 13 Wissenschaftler an Bord. 65 Tonnen Proviant müssen verstaut werden. Auf dem Deck entstehen Mikroskopierräume und Freiluft-Labors. Unzählige Tiefseelotungen führen die Forscher während der Expedition durch. An der tiefsten Stelle messen sie mehr als 5000 Meter.

Ende eines Mythos'

Tiefseefang der Valdivia-Expediton (Spielszene)
Tiefseefang der Valdivia-Expediton (Spielszene)

Nach der Lotung wird das Grundschleppnetz ins Wasser gelassen, die so genannte Dredsche. Ein schweres und gefährliches Unternehmen. Mehrere Tonnen Gewicht ziehen an den Stahlkabeln. Als das Netz eingeholt wird, ist die Ausbeute gewaltig. Eine Sensation, denn noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Wissenschaftler davon überzeugt, dass unterhalb von 500 Metern kein Leben existieren kann. Die Fänge der ersten Tiefseeexpeditionen bereiten diesem Mythos ein Ende.

Die meisten Organismen sind den Forschern völlig unbekannt - Muscheln und Schnecken, Garnelen, skurrile Fische und Tintenfische. Über jeden Fund wird genau Buch geführt. Für Fritz Winter ist es der Anfang einer großen Karriere als wissenschaftlicher Zeichner und Fotograf. Was seine Abbildungen zeigen, hat noch niemand je zuvor gesehen. Und die fantastischen Wesen aus der Tiefssee faszinieren die Menschen. Der Expeditionsbericht von Carl Chun wird ein echter Bestseller. Im Jahr 1900 erscheint mit "Aus den Tiefen des Weltmeeres" die erste von vier Auflagen mit zahlreichen Darstellungen neuer Arten.

Verformte Tiere

Heute liegen die Schätze der Valdivia-Expedition im Berliner Naturkundemuseum. In unzähligen Schränken und Gläsern lagern die Bewohner der Tiefsee. Ob Anglerfisch, oder seltsam leuchtende Tintenfische - lange halten die Forscher die merkwürdigen Körper der Lebewesen für Artefakte. Der Druckunterschied zwischen Tiefsee und Oberfläche habe die Tiere verformt, so glauben sie. Das es sich in Wahrheit um eine Anpassung an den extremen Lebensraum handelt, wird ihnen erst nach und nach klar.

Präparate der Valdivia-Expedition
Präparate der Valdivia-Expedition

Im Berliner Naturkundemuseum warten noch zahlreiche Sensationen auf ihre Entdeckung. Denn viele Proben sind noch gar nicht bearbeitet worden, ganz einfach, weil die Spezialisten fehlen. Die schiere Menge der Präparate überfordert die Forscher bis heute. Noch immer gibt es Gläser, deren Inhalt keinen Namen trägt. Die Sammlung ist auch für die aktuelle Forschung von großem Wert. Denn für das weltweite Mega-Projekt "Census of Marine Life" wollen die Wissenschaftler nicht nur herausfinden, was heute in den Meeren lebt. Sie wollen sich auch ein Bild von der Vergangenheit verschaffen.

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