Aufbruch ins Ungewisse

Mit umfangreicher Ausrüstung ins tropische Südamerika

Am 28. März 1800 beginnt in San Fernando am Rio Apure für Alexander von Humboldt und seine Gefährten der abenteuerlichste Abschnitt seiner Reise durch die Tropen Amerikas. An die 30 Kisten mit Instrumenten werden verladen - Humboldt ist für alles gerüstet sein, was sich in Zahlen und Daten erfassen lässt.

Aufbruch mit dem Boot Quelle: ZDF

Humboldts Ziel ist eine - bisher nur vermutete - Verbindung der großen Wassersysteme Südamerikas, des Orinoco und des Amazonas. Humboldt will diese Verbindung erstmals nachweisen. Die kleine Expedition macht sich auf den Weg zu den berüchtigten Wasserfällen des Orinoco, eine Region, in die sich bisher nur wenige Europäer vorgewagt haben. Als die Reisegruppe aufbricht, sind die Quellen des Orinoco noch völlig unbekannt. Der Oberlauf gilt als wild und unzugänglich - nur ungenau verzeichnet auf den Karten seiner Reisegefährten - des Franzosen Aimée Bonpland und des Spaniers Don Nicolas Soto. Deshalb hat Humboldt indianische Führer engagiert.

Humboldt probiert Flusswasser Quelle: ZDF

Kostprobe des Unbekannten


Humboldt reizt der Aufbruch ins Ungewisse. "Die gefährlichste Weltanschauung", schreibt er nach Europa, "ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben." Auf der Expedition genießt Humboldt jede Kostprobe des Unbekannten. Und sei es das Flusswasser des Rio Apure. An diesem Tag lässt sich Humboldt auf ein Abenteuer ein, das ihn nie wieder loslassen wird.

Humboldt und sein Gefährte Bonpland kommen zunächst gut voran - verzaubert von der Landschaft des überfluteten Regenwaldes. Nie zuvor war ein Forschungsreisender auf eigene Kosten und ohne politischen Auftrag in solch ein Abenteuer gestartet. Und die von Blitzschlag und Feuer kahlen Bäume inspirieren Humboldt zu neuen Messungen - und einer ersten Vision: "Ich werde Pflanzen und Tiere sammeln", schreibt er in Briefen, "die Wärme und den elektrischen Gehalt der Atmosphäre untersuchen, geographische Längen und Breiten bestimmen - aber alles dies ist nicht Zweck meiner Reise. Mein eigentlicher, einziger Zweck ist, das Zusammen- und Ineinander-Weben aller Naturkräfte zu untersuchen."

Expeditionshund Turco Quelle: ZDF

Reich der Moskitos und Krokodile

Der Expeditionshund Turco, eine Deutsche Dogge, begleitet das erste "internationale" Forscherteam in ein unbekanntes Reich der Moskitos und der Krokodile. Erst auf heutigen Karten lässt sich das Labyrinth erahnen, das Humboldt durchqueren will. Doch um 1800 waren nicht einmal die Hauptströme Orinoco, Rio Negro und Amazonas komplett kartiert. Vom Apure will Humboldt den Orinoco über tausend Kilometer stromaufwärts fahren und - über einen seiner Zuflüsse oder, wenn es sein muss, zu Fuß - zum Rio Negro gelangen, dem wichtigsten Zufluss des Amazonas. Zurück zum Orinoco geht es von dort nur über den Casiquiare. Wenn es denn gelänge den rätselhaften Urwaldfluss zu finden.

Humboldt säubert seine Instrumente Quelle: ZDF

Jede Verschnaufspause und jedes Nachtlager am Apure-Strand nutzt Humboldt zur Pflege seiner Instrumente, während Bonpland gegen Ameisen, Käfer und feuchte Schwüle anarbeitet, die die Pflanzensammlung zu ruinieren drohen. Humboldts Tagebücher sind bereits mit endlosen Zahlenlisten, provisorischen Karten und Tier-Zeichnungen gefüllt. Unermüdlich versuchen die beiden Europäer, die Tropen in Messreihen und exakten Daten zu bändigen.

Eine Höhle voller Totenköfpe

Kurz vor Sonnenuntergang unternehmen Humboldt und Bonpland einen Fußmarsch. Eingeborene haben ihnen von einer Grabhöhle berichtet, in kurzer Entfernung vom Orinoco. Es soll die Grabstätte eines ausgestorbenen Volksstammes sein. Humboldt schreibt dazu: "In einem Land, wo einem die menschliche Gesellschaft als eine Schöpfung der neuesten Zeit erscheint, hat alles, was an Vergangenheit erinnert, doppelten Reiz." Die Höhle ist voller Totenköpfe, Humboldt und Bonpland sind begeistert. Doch als Humbloldt einen der Schädel inspizieren will, regt sich Widerstand bei den Eingeborenen. Über die Bedenken ihrer indianischen Führer setzen sich die beiden Europäer an diesem Tag hinweg. An die Geister der Toten kann ein Humboldt nicht glauben.

Humboldt greift nach einem Totenschädel Quelle: ZDF

Am 3. April 1800 kostet Humboldt - furchtlos wie immer - das Wasser des Rio Apure. Dabei erschmeckt er wie ein Weinkenner die feinsten Nuancen. Für den Apure notiert er eine Note verwesender Krokodile. Und einige Tage später wird er über das Wasser des Orinoco schreiben: "Eigener, widriger Geschmack, süßlich und wie ausgesonnt, ausgekocht!" Es gibt wenig, was er im Dienste der Wissenschaft nicht geschluckt hätte. Jeden Tag fertigt Humboldt Zeichnungen von Tropenfischen, Bäumen, Steinformationen an. Keine Flussbiegung bleibt unkartiert, jede Temperatur und jede Niederschlagsmenge wird protokolliert.

Jaguar Quelle: ZDF

Begegnung im Uferwald

Während seine Reisegenossen unter dem klimatischen Bedingungen leiden, blüht Humboldt förmlich auf. "Die Tropenwelt", notiert er, "ist mein Element. Ich bin nie so gesund gewesen als in den letzen zwei Jahren. Wo die Wilden an Faulfieber leiden, widerstand meine Gesundheit unbegreiflich gut."


Doch am späten Nachmittag des 3. April hat Humboldt bei einem Spaziergang im Uferwald eine Begegnung, die ihm das Blut gefrieren lässt. Bis auf wenige Meter nähert sich ihm ein Jaguar. Danach schreibt er auf: "Es gibt Zufälle im Leben, gegen die man vergeblich seine Vernunft zu stählen versucht." Das Raubtier, mutmaßt Humboldt später, sei zu seinem Glück wohl satt gewesen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet