Aufruhr zwischen Wissenschaft und Kirche

Darwin grübelt über seine epochemachende Theorie bis zum Tode

Während Darwin noch immer an den Details seiner fast 20 Jahre alten Theorie feilt, ist auf der anderen Seite der Welt der junge Globetrotter Alfred Russel Wallace auf Forschungsreise. Wie einst Darwin in Südamerika, sammelt er besessen Schmetterlinge, Pflanzen und Vögel im üppigen Dschungel der Inseln Malaysias. Dieser Mann ist dabei, zu Darwins großem Kontrahenten zu werden.

Kontroverse Diskussion um Darwins Theorien Quelle: ZDF

Darwin plagen weiterhin Selbstzweifel, sein körperlicher Zustand ist nicht der Beste. So muss er seine Arbeit oft unterbrechen. Es ist ein Wunder, wenn er überhaupt arbeiten kann. Für den Fall, dass er stirbt, hat er seiner Frau Emma ein Manuskript seiner Theorie zur Veröffentlichung hinterlassen. Doch immer noch fürchtet er um sein Ansehen und das Wohl seiner Familie: Er kann einfach nicht öffentlich bekennen, was er denkt.

Alfred Russel Wallace Quelle: ZDF

Konkurrent ohne Skrupel

Den 35-jährigen Wallace hingegen plagen keine Skrupel: Er hat inzwischen Tausende Exemplare verschiedenster Arten gesammelt - für ihn ist klar, was er in nur wenigen Tagen niederschreibt: Arten wandeln sich. Sie entwickeln durch den "Kampf ums Dasein" verschiedene Variationen, die sich von Insel zu Insel unterscheiden. Wallace schickt seine Idee an Charles Darwin mit dem er schon vorher ein paar Mal korrespondiert hatte, und von dem er hofft, dass er ihn bei der Veröffentlichung seiner Theorie unterstützt.

Im Juni 1858 öffnet Darwin einen Umschlag, abgestempelt auf der Insel Ternate, Malaysia. Im beigefügten Manuskript stehen, fertig ausformuliert, die Grundzüge seiner Evolutionstheorie. All diese Jahre der Zermürbung, des schlechten Gewissens, der inneren Kämpfe, das Tabu zu durchbrechen - und nun dieser Schicksalsschlag. Jetzt wird ihm klar, dass er seine Theorien veröffentlichen muss. Die Welt soll erfahren, wer das Gesetz des Artenwandels zuerst entdeckt hat. In großer Eile extrahiert er aus 20 Jahren Notizen sein Werk über die Evolution. An einen Kollegen schreibt er: die Theorie zu veröffentlichen ist "wie einen Mord zu gestehen, sicher werden sie mich am liebsten lebendig kreuzigen."

Erste Publikation ohne Resonanz

Darwin ist hin und her gerissen, auf der einen Seite möchte er Wallace nicht übergehen, auf der anderen Seite ist er der erste gewesen, der diese Theorie ausgearbeitet hat, und er möchte dieses Recht natürlich nicht verlieren. In dieser Situation kommen ihm Freunde zu Hilfe, die ihm vorschlagen, dass Auszüge aus seinem Manuskript und aus dem Manuskript von Wallace gemeinsam verlesen werden. Aber diese erste Publikation bleibt völlig unbeachtet, niemand merkt die Brisanz der Ausführungen.

Erste ein halbes Jahr nachdem Darwin im November 1859 sein Buch über die Entstehung der Arten veröffentlicht hat, kommt es zu einem Aufruhr zwischen Kirche und Wissenschaft. Zu einer Sitzung der "British Association for the Advancement of Science" kommen mehr als 700 Leute: Die Damen der Gesellschaft, Professoren, Studenten, Landgeistliche - und selbst FitzRoy, der Kapitän der Beagle. Der gläubige Christ ist durch Darwins Buch in eine schwere Krise geraten.

Samuel Wilberforce, Bischof von Oxford Quelle: ZDF

"Im höchsten Maße unglaubwürdig"

Die Gäste verfolgen gespannt, wie der Bischof von Oxford, Samuel Wilberforce, die Evolutionstheorie anfeindet: "Dieses Buch ist im höchsten Maße unglaubwürdig", hetzt er vor der sensationslüsternen Menge. "Wenn sich Arten auseinander entwickeln - haben sich dann etwa Rüben zu Menschen entwickelt?" Thomas Huxley - Freund und Verteidiger Darwins - entgegnet scharf: "Sie haben das Buch ja nicht einmal gelesen!" Der Bischof lässt nicht ab: "Und sie - stammen sie durch ihre Großmutter oder ihren Großvater vom Affen ab?" Huxley antwortet scharf: "Lieber einen miesen Affen zum Großvater, als einen Mann, der eine wissenschaftliche Debatte lächerlich macht!"

FitzRoy mit Bibel Quelle: ZDF

Das Publikum ist begeistert. Da meldet sich FitzRoy mit der Bibel in der Hand zu Wort. "Das ist die Wahrheit! Hier drin steht die Wahrheit!" Die Menge schreit ihn nieder. FitzRoy ist tief getroffen. Hatte nicht er selbst Darwin zu den Orten gebracht, an denen er auf seine teuflischen Ideen kam? Fünf Jahre später bringt er sich um. Die Kontroverse um Darwins Evolutionstheorie ist noch lange nicht zu Ende.





Zurückgezogenes Leben

Die Welt ist wegen seiner Theorien in Aufruhr geraten - doch das Diskutieren überlässt er anderen. Er führt weiter ein zurückgezogenes Leben. Von seiner chronischen Krankheit geplagt, ist er auf den Schutz und die Fürsorge seiner Familie angewiesen. Sein ältester Sohn William ist ein leidenschaftlicher Pionier der jungen Kunst der Fotografie. Ihm verdankt die Nachwelt einige seltene Aufnahmen der Darwins an ihrem Familiensitz in Down House in der Grafschaft Kent. Von zehn Kindern sind ihm sieben geblieben. Die meisten von ihnen werden sich auch als Wissenschaftler einen Namen machen.

Familienfoto der Darwins Quelle: ZDF

Darwin, müde von den Anfeindungen der Gesellschaft, beschließt, alte botanische Arbeiten wieder aufzunehmen und sich nie mehr mit theoretischen Fragen zu beschäftigen. "Je mehr ich Pflanzen beobachte, desto höher wachsen sie in meiner Achtung." Trotz seiner Leiden veröffentlicht der inzwischen weltberühmte Gelehrte noch zehn Bücher. In jedem von ihnen versucht er seine Evolutionstheorie zu überprüfen.

Den Glauben verloren

Darwin mit seiner Lieblingstochter Quelle: ZDF,Manfred Pelz

So viel hat Darwin in der Welt bewegt, so viele Forscher inspiriert, für soviel Aufruhr gesorgt. Er selbst hat seinen Glauben verloren und leidet noch immer unter dem Verlust seiner Lieblingstochter. "Wenn sie mit mir um den Sandweg ging, so sprang sie häufig vor mir her, in der elegantesten Art pirouettierend, ihr liebes Gesicht die ganze Zeit über mit dem süßesten Lächeln bedeckt" - erinnert er sich. Und er erinnert sich an seine Fahrt mit der Beagle: "Die Reise mit der Beagle war bei weitem das wichtigste Ereignis in meinem Leben und hat meine ganze Laufbahn bestimmt."



So wie Kopernikus einst die Erde aus dem Zentrum des Sonnensystems gerückt hatte, rückte Darwin den Menschen aus dem Zentrum der Schöpfung - und zeigte, wie sich aus dem Zusammenprall nur weniger Elemente vor Milliarden von Jahren "eine endlose Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entwickelt hat - und noch immer entwickelt." - und der Mensch ein Teil dieser großartigen Geschichte des Universums. Bis zu seinem Tod im Jahr 1882 grübelt er über die Folgen seiner epochemachenden Theorie: "ich bin niemals ein Atheist in dem Sinne gewesen, dass ich die Existenz eines Gottes geleugnet hätte." Darwins Dilemma beschäftigt viele Menschen bis heute: Wenn es einen Gott gibt, welche Rolle spielt er bei der Evolution?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet