Aus dem Nebel des Mythos

Ein Mann glaubt an den wahren Kern einer alten Legende

Als schaurig-illustrer Bestandteil des nordfriesischen Sagenschatzes hat sie die Jahrhunderte überlebt: die Untergangsstory einer einst stolzen Stadt namens Rungholt. Lange wollten Archäologen nichts von ihr wissen, bis der aufgeweckte Sohn eines Müllers von der Insel Nordstrand für bare Münze nimmt, was die alten Geschichten und Gedichte erzählen. Sein Leben lang spürt er Rungholt nach und erfüllt dabei eine sagenhafte Prophezeiung.

Rungholt (Animation)
Rungholt (Animation)

Der Wohlstand habe sie dereinst verdorben - die Bürger der blühenden Hafenstadt am Heverstrom. Sie sollen im Luxus geschwelgt und den Herrgott vergessen haben - so die Überlieferungen, die von ungeheurem Sakrileg und vernichtender Strafe berichten. Doch keine der verschiedenen Chroniken und Schriften, die das Schicksal Rungholts erwähnen, wurde von Augenzeugen oder Zeitgenossen jener Bürger verfasst, die den göttlichen Zorn auf sich gezogen haben sollen - für Historiker ein schweres Manko. Kein ernsthafter Wissenschaftler glaubt zunächst an einen wahren Kern der fantastischen Geschichten.

Die Legende

Die alten Schilderungen unterscheiden sich in einigen Details, doch hinsichtlich des Grundes für Rungholts Untergang stimmen sie im Wesentlichen überein. Danach haben sich einige Kneipenbesucher nach ausgiebigem Alkoholgenuss einen derben Spaß mit dem örtlichen Pfarrer erlaubt. Sie machten die Sau des Wirtes mit Bier betrunken, packten das schwankende Tier in ein Bett und riefen nach dem Geistlichen, er solle einem mit dem Tode Ringenden das Sterbesakrament spenden. Als der Priester den Frevel entdeckt und sich weigert, verprügeln ihn die Saufkumpane und schänden die Hostien. Mit knapper Not entkommt der fromme Mann.

Rungholts Pfarrer am Altar (Spielszene)
Rungholts Pfarrer am Altar (Spielszene)

Geschockt flieht der Pfarrer in die Kirche und erfleht am Altar die Bestrafung der Gotteslästerer. Dem Wunsch wird von allerhöchster Seite umgehend und umfassend entsprochen. Eine gewaltige Flut verschlingt Rungholt und mehrere benachbarte Ortschaften mit Mann und Maus. Darüber, ob der Pfarrer und mindestens zwei Jungfrauen überlebt haben, geben die Quellen unterschiedlich Auskunft. Die angeblichen Ereignisse haben mehrere anonyme und namentlich bekannte Chronisten schriftlich festgehalten, darunter auch Pastor Anton Heimreich. Dessen Schwester soll 1634 einen Nachfahren einer der Rungholter Jungfrauen geheiratet haben. Von diesem Paar leiten sich die heutigen Nordstrander Familien Boysen, Hansen und Reinhold her.

Die Prophezeiung

Die bekanntesten Berichte über das Schicksal Rungholts stammen aus dem 17. Jahrhundert, wurden also etwa 300 Jahre nach der tatsächlichen Flut vom Januar 1362 verfasst. Sie enthalten je nach Quelle unterschiedliche Angaben zu einigen Details, etwa zur angeblichen Lage von Rungholt oder zur Zahl der Überlebenden. Auch die Wortwahl differiert. Wird von einem Prediger gesprochen, der die Oblaten in einem Kelch verwahrt hat, deutet dies nach Ansicht einiger Historiker auf einen nach-reformatorischen Ursprung hin. Vor der Reformation wurden die Hostien in Oblatenbüchsen transportiert, und zwar von einem Priester oder Pfarrer.

Rungholt im Wasser (Animation)
Rungholt im Wasser (Animation)

Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Geschichten immer wieder variiert. Rungholt stehe unversehrt auf dem Meeresgrund und gelegentlich seien seine Türme und Mühlen zu sehen sowie der Glockenklang zu hören. Es gebe eine alte Prophezeiung, die Stadt werde dereinst wieder aus den Fluten auferstehen. Dass Rungholt tatsächlich, wenn schon nicht aus den Nordseewellen, so doch aus dem Nebel des Mythos wieder auftauchen konnte, ist das Verdienst eines Mannes, in dem sich der Traum seine Kindheit zu dem Verdacht erhärtet, an den ganzen Geschichten müsse etwas Wahres sein.

Der Forscher

Andreas Busch im Nordseewatt
Andreas Busch im Nordseewatt

Andreas Busch heißt der Junge, der am 16. Juni 1883 auf der Insel Nordstrand geboren das Licht der Welt erblickt. Sein Vater, aus bekanntem Dithmarscher Müllergeschlecht stammend, besitzt die Engelander Mühle. Seine Mutter gehört zu einer alteingesessenen Nordstrander Bauernfamilie. Schon der kleine Andreas zeigt einen Hang zu Mathematik und vor allem zu Landkarten und Technik - eine Vorliebe, die er sich sein Leben lang bewahrt. Mit der Zeit entwickelt er aber auch ein starkes Interesse für die heimatliche Landschaft und Geschichte. Zunächst jedoch schlummert Rungholt noch in seinem persönlichen Sagenschatz.

Nach der Schule Andreas Busch wird Landwirt. Er heiratet 1909 und kauft einen Bauernhof. Nebenher stellt er diverse Untersuchungen an zu landwirtschaftlichen Maschinen, Schweinehaltung und Düngung an - ein systematischer Tausendsassa, der ab 1921 auch Rungholt ernsthaft ins Visier nimmt. Als er im Watt südlich der Hallig Südfall Siedlungsreste findet, ist er vom "Rungholtfieber" gepackt. Der sagenhafte Ort wird sein Lebensthema. Er ist überzeugt, den geographischen Kern der alten Sagen gefunden zu haben - beweisen kann er es nicht. Er stirbt am 7. Juli 1972 im Alter von 89 Jahren. Erst Jahrzehnte später befasst sich die Wissenschaft wieder ernsthaft mit dem "Atlantis der Nordsee".

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