Bären auf Futtersuche

Grizzlys entpuppen sich als echte Gourmets

Mein indianischer Begleiter Greg ist auch an der Küste Südostalaskas dabei. Hier profitieren die Bären besonders von dem reichhaltigen Nahrungsangebot. Und sie haben ein längeres Fell, das sie vor der permanenten Nässe gut schützt.

Grizzlys fressen Lachs Quelle: ZDF/Andreas Kieling

Wir haben einen Schwarzbären entdeckt, der in Ufernähe irgendetwas frisst. Als er Greg bemerkt, macht sich der überraschte Bär sofort davon und flüchtet auf einen Baum. Das ist typisch für Schwarzbären, denn auf Bäume können ihnen die Grizzlys, ihre einzigen Feinde, nicht folgen.

Bär sucht nach Lachs Quelle: ZDF

Flüsse voller Lachse

Die Flüsse hier in den nördlichen Küstenregenwäldern ergießen ihre gewaltigen Wassermassen über steile Gefälle ins Meer. Diese turbulenten Gewässer sind über die Sommermonate prall gefüllt mit Lachsen. Um diese Zeit kämpfen sich die Fische stromaufwärts exakt an den Ort ihrer Geburt zurück, um dort zu laichen.

Die Bären wissen genau, wann die Lachse kommen. Aus der ganzen Region versammeln sie sich an ihren Fangplätzen. Die besonders dominanten Schwarzbärinnen mit ihren Jungen beanspruchen die besten Stellen, um für sich und ihre Jungen reichlich Beute zu machen. Für mich sehen alle Lachse gleich lecker aus, aber die Bären sind da viel wählerischer. Ein Männchen trägt erst den dritten Fisch zu seinem Futterplatz. Doch aus dem genüsslichen Mahl wird nichts, er kommt einer Bärin mit ihren Jungen zu nah - und sofort gibt es Ärger. Obwohl er ihr körperlich überlegen ist, vergisst er seinen Fisch und sucht das Weite. Wer legt sich schon gerne mit einer zu allem entschlossenen Mutter an. Vorsichtshalber haben sich die Jungen schon mal in die obere Etage geflüchtet.

Kleiner Schwarzbär klettert auf einen Baum Quelle: ZDF

Wählerische Grizzlys

Der Warnlaut einer Schwarzbärin lässt uns aufmerksam werden. Plötzlich tauchen mehrere junge Grizzlys am Fluss auf. Wo junge Grizzlys sind, da stehen die Chancen gut, auch erwachsene Tiere vor die Kamera zu kriegen. Greg und ich beschließen, weiter flussaufwärts zu ziehen, wo das Gelände offener und übersichtlicher ist. Wir finden die Reste einer Grizzly-Mahlzeit. Während Schwarzbären meistens den ganzen Fisch fressen, sind Grizzlys echte Gourmets. In Zeiten des Überflusses fressen sie nur noch das fettreiche Gehirn, den Rogen und die Haut.

Bei so viel Lachs bekommen auch wir Appetit und versuchen unser Anglerglück. Ein Profifischer beobachtet uns argwöhnisch. Kaum ist der Köder im Wasser, beißt schon ein dicker Fisch - aber es ist kein Lachs. Greg hat sagenhaftes Glück, er hat eine riesige Regenbogenforelle am Haken. Es ist die größte Forelle, die er je in seinem Leben gefangen hat. Nach der Eintönigkeit von Nudeln und Müsli wird der gebackene Fisch zu einem kulinarischen Hochgenuss. Greg ist begeistert, denn Lachse und Forellen waren früher für seinen Stamm ein Teil der Lebensgrundlage. Für den Winter wurden die Fische getrocknet und geräuchert. Er lässt sich sogar dazu hinreißen, eine feurige Bärenbeschwörung abzuhalten.

Regenbogenforelle Quelle: ZDF

Gehaltvolle Nahrung

Offenbar hat die Bärenbeschwörung funktioniert. Am nächsten Morgen jedenfalls sehen wir mehrere Grizzlys an den Stromschnellen. Die Ankunft der besonders schmackhaften Rotlachse hat sie hierher gelockt. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen. Mit der Zeitlupenkamera versuche ich die ganze Ästhetik des großen Fressens einzufangen. Obwohl ich ähnliche Szenen schon erlebt habe, fasziniert es mich immer wieder, dass die Lachse den Bären wie von selbst ins Maul fliegen. Jeder Fisch bringt an die 6000 Kilokalorien. Würde die Lachswanderung ausbleiben, würden die Bären langfristig zwergwüchsig werden. Ein Lachs ist so gehaltvoll wie die Tagesration eines Holzfällers.

Das nächste Expeditionsziel ist die legendäre Bäreninsel Kodiak im Golf von Alaska. Vor circa 15.000 Jahren lag der Meeresspiegel viel niedriger. Kodiak war damals mit dem Festland verbunden. Als es wieder wärmer wurde stieg der Meeresspiegel an. Auf der Insel isoliert, entwickelte sich eine ganz besondere Braunbärenart: die Unterart des Kodiak-Braunbären.

Wetterumschung auf der Bäreninsel Kodiak Quelle: ZDF

Stürmische Gewässer

Glücklicherweise ist das Wetter stabil in diesen oft so stürmischen Gewässern. Doch kaum haben wir einen Ankerplatz gefunden und unsere Ausrüstung an Land gebracht, schlägt das Wetter innerhalb von Minuten um. Der Sturm wird immer stärker und wir fürchten um unsere Zelte, die es bald fortzureißen droht. Und auch um die Tardis, unser Boot, mache ich mir große Sorgen. Wind und Wellen haben es ins Flachwasser gespült und durch die Ebbe liegt es nun auf dem Trockenen. In der Nacht nimmt der Sturm noch mal an Stärke zu. Wir finden keinen Schlaf und sind nur mit der Sicherung unseres Camps beschäftigt. So plötzlich wie der Sturm kam legt er sich auch wieder.

Das Wasser ist spiegelglatt, als wir am nächsten Morgen zum Ufer kommen. Ein gewaltiger Küstenbraunbär ist bereits auf Futtersuche. Der Uferbereich ist mit frischem Treibholz und jeder Menge Fressbarem übersät. Der Bär ist der größte, dem wir bisher begegnet sind. Auch Greg hat lange nicht mehr einen so riesigen Bären gesehen. Wir schätzen das starke Männchen auf mindestens zehn Zentner. Gelegentlich ist Gregs Aufgabe, mich in Aktion mit den Bären zu filmen. Das ist Greg gar nicht so unrecht, denn die direkte Nähe zu den Petzen sucht er nicht unbedingt. Er hat schon mehrere Freunde durch Bärenangriffe verloren. Für mich ist es jedes Mal Spannung und Herausforderung pur, den Tieren so nah wie möglich zu kommen. Und Ehrgeiz, weil ich den Zuschauern Bilder präsentieren will, die sie so noch nicht gesehen haben.

Kieling beim Magazin-Wechsel der Kamera Quelle: ZDF

Präzise Aufnahmen in Zeitlupe

Oft spielen sich die besten Szenen direkt vor meiner Kamera ab. Dann vergesse ich alles um mich herum - und will bis zum äußersten Moment alle Bilder einfangen. Filmkameras haben viele Vorteile, besonders in solchen rauen Gegenden. Doch ein großer Nachteil ist, dass bei Zeitlupenaufnahmen schon nach wenigen Minuten das Magazin gewechselt werden muss, manchmal ausgerechnet im falschen Augenblick. Bei solchen Aufnahmen laufen hundertfünfzig Bilder pro Sekunde durch. Viele Details, die das menschliche Auge gar nicht mehr wahrnimmt, kann die Zeitlupenkamera präzise festhalten.

Gregs gemeinsame Zeit mit mir ist zu Ende, denn er muss zurück nach Anchorage. Die Wetterbedingungen sind nicht besonders gut. Daher war es nicht einfach, einen Piloten zu finden, der ihn jetzt mit dem Wasserflugzeug ausfliegt. Von nun an bin ich auf mich selbst gestellt. Nur etappenweise wird mich noch ein Kameramann begleiten.

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