Begegnung mit den Fang

Kingsley trifft auf den berühmt-berüchtigten Kannibalen-Stamm

Auf ihrem Weg in das Gebiet des berüchtigten Kannibalen-Stamms Fang genießt Mary Kingsley den Fußmarsch mit ihren afrikanischen Begleitern durch den Regenwald. Sie kennt keine grundlose Angst. Im Dickicht erspäht sie eine Gruppe Krieger. Ihre Aufmachung deutet auf eine der berüchtigten Geheimgesellschaften hin, die jeden Beobachter ihrer magischen Rituale mit dem Tod bestrafen.

Häuptling der Fang begrüßt Mary Kingsley Quelle: ZDF

Die Kingsley-Expedition wird von den unheimlichen Fang-Kriegern entdeckt und misstrauisch beäugt. Alles scheint auf eine unheilvolle Auseinandersetzung hinauszulaufen. Doch Kiva, der Anführer der Fang-Gruppe, erweist sich als Bekannter von Marys Begleiter Pagan. Die Aufmachung hat nichts mit schwarzer Magie zu tun. Die Fang sind auf Affenjagd. Und eine blasse, seltsam gekleidete Frau kommt ihnen gerade recht.

Mary Kingsley als Köder für die Affenjagd Quelle: ZDF

Traurige Berühmtheit

Die Fang wollen Mary als Lockvogel für Affen einsetzen. Sie nutzt die Gunst der Stunde - und engagiert die beiden Fang - Kiva und Duke - als Führer auf dem gefährlichen Weg zum Rembwe. Keiner der Fang hat je vom Rembwe gehört, aber das hält niemanden davon ab, den Weg dorthin finden zu wollen. Der enge Kontakt zu den Fang macht Mary Kingsley und ihre Bücher zur Legende. Sie ist die einzige Person, die mit Führern vom Stamm der Fang reist - denn die Fang hatten ein traurige Berühmtheit: als Kannibalen.

Über 70 Meilen legt Mary Kingsley mit den Fang zu Fuß zurück und schreibt dazu später: "Jede Chance auf einen sicheren Tod muss man hier draußen auf das Niveau einer sportlichen Herausforderung reduzieren. Darüber hinaus treibt einem das tagelange Stolpern durch ungewohnte Umgebung alle Eitelkeiten ziemlich gründlich aus. Zwischen mir und den Fang entstand bald eine besondere Freundschaft. Wir erkannten, dass wir zu den seltenen Exemplaren der menschlichen Gattung gehören, mit denen man besser trinkt als streitet."

Berüchtigtes Efoua

Mary Kingsley und die Fang erweisen sich sogar bald den Respekt, voneinander zu lernen. Immer öfter wagt Mary es, allein voraus zu gehen, um sich einen Vorsprung vor den schnellen Fang zu verschaffen. Marys Führer drängen jedenfalls zur Eile, um das berüchtigte Fang-Dorf Efoua vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Nicht einmal ihre beiden Fang, so Mary in ihrem Reisebericht, seien sicher gewesen, ob nicht die ganze Reisegruppe noch am selben Abend im Kochtopf schmoren würde. Ins Dorf Efoua war noch nie ein Weißer vorgedrungen.

Wiederum gelingt es Kingsley, das Vertrauen der Dorfbewohner mit Offenheit und Einfühlungsvermögen zu erlangen. Doch in Efoua kommt es an diesem Abend zu einer grauenvollen Entdeckung. In ihrer Schlafhütte findet sie in einem Säckchen ein Sammlung menschlicher Körperteile - in verschiedenen Stadien der Verwesung. Mary Kingsley ist bemüht, keine Schwäche zu zeigen. Doch in dieser tropischen Julinacht ist sie überzeugt, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Erst in ihrem Reisebericht findet sie zu gewohntem Understatement zurück. Obwohl die Fang ihre Nachbarn verzehren, schreibt sie, würden sie immer ein paar Kleinigkeiten zur Erinnerung aufbewahren. Ein rührender Zug, aber unangenehm, wenn die Überreste ausgerechnet dort hängen, wo man die Nacht verbringt.

Ein Führer von Mary Kingsley wird bedroht Quelle: ZDF

Handel als stärkste Waffe

Der Schreck nimmt auch im Morgengrauen kein Ende. Ganz Efoua scheint wild entschlossen, Kiva zum Frühstück zu verspeisen. Duke, einer von Marys Begleitern, erklärt ihr, dass Kiva eine alte Schuld nicht beglichen habe. Das Dorf drohe deshalb mit Zwangsvollstreckung - durch Verzehr. Doch wieder einmal wird Handel zu ihrer stärksten Waffe. Mit ihren Blusen kauft Mary den Schuldner frei. Es sei hochinteressant, notiert sie später, den Keim eigener Anschauungen in fremden Kulturen zu entdecken. Der Fußmarsch mit den Fang lehrt Mary Kingsley, die Wildnis und ihre Bewohner zu lesen. Sie warnt, nicht jeder sei für diesen wilden Kontinent geeignet. Doch wer seinem Zauber verfalle, für den verblassen alle anderen Lebensformen.

Trotz ihrer skandalösen politischen Ideen wurden die beiden Bücher "Travels in West Africa (1897)" und "West African Studies" (1899), die Mary Kingsley über Westafrika verfasste, Bestseller ihrer Zeit. Ihr Witz faszinierte die Leser ebenso wie die Fotos leibhaftiger Kannibalen - geschossen von einem viktorianischen Fräulein. Die Reise durch das Land der Fang hat den europäischen Blick auf Afrika verändert. Ohne Begleitschutz hatte eine Frau unter Kannibalen überlebt. Ihre einzigen Waffen: Handel, Selbstvertrauen und Respekt.

Foto einer Gruppe der Fang Quelle: ZDF

Mit militärischen Ehren

Als Mary Kingsley den Rembwe erreicht, wird sie für ihr erfolgreich überstandenes Abenteuer gefeiert. Nach ihrer Rückkehr nach London soll Mary Kingsley ihr Appartment stets auf tropische Hitzegrade geheizt haben. Und bisweilen sei sie mit einem Affen auf der Schulter gesehen worden. Ihre dritte Reise nach Afrika sollte ihre letzte werden. Als Krankenschwester im Burenkrieg infiziert sie sich mit Typhus und stirbt am 3. Juni 1900 - mit nur 37 Jahren. Sie wird bei Kapstadt mit militärischen Ehren bestattet - als erste Frau, der eine solche Auszeichnung zuteil wird.

Mary Kingsleys Ruhm hat sich bis nach München herumgesprochen. In der Bayerischen Staatsbibliothek hat die Münchner Schriftstellerin Ulrike Budde "Reisen in Westafrika" bei den Recherchen zu einem Buch über reisende Frauen entdeckt - und 1989 ins Deutsche übersetzt. Es gehörte zur Sammlung von Prinzessin Therese von Bayern - nur ein Jahr später geboren als Mary Kingsley.

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