Begegnung mit den Vorfahren

Statements von Autor und Regisseur Michael Gregor

Autor und Regisseur Michael Gregor über die Skelette von Eulau und seinen Weg, sich der Vergangenheit zu nähern.

Die Skelette von Eulau

Michael Gregor
Produzent und Autor Michael Gregor Quelle: imago/Steffen Schellhorn

Als ich die von den Ausgräbern freigelegten Siedlungsspuren der "Spätsteinzeitler" besuchte, hatte ich den Eindruck, auf etwas Vertrautes gestoßen zu sein - ein Empfinden fern esoterischer Zeitreisen. Die Funde - Hauspfosten, Keramik, Jagdutensilien - sahen eigentlich alle so aus, wie ich es schon einmal ganz konkret gesehen hatte: irgendwo in Afrika oder Amazonien.
Anstatt aus diesem Empfinden eine Abwehrreaktion gegen das Fremde zu entwickeln, spürte ich eine Verbundenheit mit den Toten von Eulau, wie eine Art Familientreffen. Ich verstehe nicht, warum es unter Wissenschaftlern verpönt ist, in Angesicht der von Archäologen an Saale und Unstrut ausgegrabenen menschlichen Überreste von "unseren Vorfahren" zu sprechen.

In Kenntnis all der vielen Völkerwanderungen und Migrationen sollte der Begriff "Heimat" vor allem geografisch bestimmt werden. Für mich gehören die ehemaligen "Besitzer" der Skelette in den Gräbern von Eulau also zur "family".

Archaische Völker der Jetztzeit

Ich habe viele Filme in Gegenden der Welt gedreht, in denen Menschen unter archaischen Umständen leben oder noch vor kurzem lebten. Diese so genannten "Steinzeitvölker" von heute wohnen auf manchen Inseln Südostasiens in ähnlichen Langhäusern, wie sie auch den Erschaffern der Himmelsscheibe von Nebra als Wohnstätte gedient haben, wie Archäologen bei Ausgrabungen zutage förderten. Historische Dokumentaraufnahmen aus Neuguinea oder von den Yanomani im Amazonas-Gebiet dienten mir als Vorlage, mit deren Hilfe ich versucht habe, mir ein Bild von den Menschen des 3. vorchristlichen Jahrtausends zu machen.

Bemalt waren die Häuser der Jungsteinzeit mit Farben und Mustern, die von den Bewohnern der Savannendörfer Afrikas auch noch im 21. Jahrhundert als einheimisch empfunden würden. Selbst die Bauweise und das verwendete Material - Lehm als Klimaschutz und Astgeflecht als Stabilisator - ähneln sich. Die mir bekannten Lebensbedingungen im Hochland von Bolivien oder auf dem "Dach der Welt" in Bhutan helfen mir, ein Gefühl für die auf den ersten Blick so fern erscheinende Welt vor fast fünf Jahrtausenden zu bekommen - so bilde ich es mir jedenfalls ein.

Annäherung an die Vergangenheit

Mann fasst Skelett aus Eulau an.
Mann fasst Skelett aus Eulau an. Quelle: ZDF,Juraj Liptak/LDA Sachsen Anhalt

Ich bekenne mich zum naiven Blick auf komplizierte Zusammenhänge, oft schafft allein er den Zugang zur überraschenden Lösung der Rätsel. Darum sah ich mich am "Tatort" um und stellte mir vor, wie die prähistorischen Bewohner der Häuser gelebt haben könnten. So hatte ich in Verbindung mit den von den Wissenschaftlern gegebenen Informationen den Eindruck, den ehemaligen Bewohnern nahe zu kommen: back to the roots!

Eine aus Sicht vieler Wissenschaftler unseriös erscheinende Vorgehungsweise, aber wie soll man denn ohne diese Hilfskrücken eine Vorstellung vom Dasein der Opfer jenseits von sprachlicher oder schriftlicher Kommunikation erhalten? Auch Fantasie bedarf greifbarer Anstöße und ich habe die oftmalige Erfahrung gemacht, dass auch Wissenschaftler ihr trockenes Faktenwissen in gewagte Szenarien uminterpretieren.

Die Idee mit dem Profiler

Die Fundstelle in Eulau
Fundstelle: der Tatort Eulau Quelle: ZDF

Wenn wir an Steinzeitmenschen denken, haben wir automatisch ein stereotypes Bild von Höhlenbewohnern aus einem Zeithorizont vor 30.000 Jahren vor dem inneren Auge. Doch zwischen den Eulauern und den Zeitgenossen der Neandertaler liegen 27.000 Jahre oder mehr - zwischen den Eulauern und uns dagegen nur "läppische" 4500 Jahre. Was liegt also näher, als deren Charaktereigenschaften für ebenso gut oder schlecht zu halten wie die unsrigen.

Neid und Habgier haben wahrscheinlich auch damals eine wichtige Rolle gespielt - wie in vielen modernen Kriminalstorys. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, um die archäologischen Skelettfunde von Eulau mit den Augen eines Sherlock Holmes oder CSI-Agenten von heute zu beäugen: So entstand die Idee, am "Tatort Eulau" mit den Stilmitteln moderner Krimi-Serien die Aufklärung eines anzunehmenden Verbrechens am Ende des Paläolithikums zu betreiben.

Über die Spielszenen

Zwei bewaffnete Reiter
Spielszene: Die Glockenbecher Quelle: ZDF

Ein "vertrautes" Bild des Lebens vor 4500 Jahren zu vermitteln - an dieser mir wichtigen Vorgabe habe ich mich bereits bei Auswahl von Drehorten, Darstellern und Ausstattung orientiert. Die Darsteller habe ich gebeten: "Spielt keine Primitivlinge!" und "Orientiert euch an Leuten, die euch schon einmal begegnet sind oder die euch begegnet sein könnten!"

Schauspieler sind selbstverständlich kreativ. Die für manche ungewohnte Inszenierung von Individuen der Steinzeit mit emotionaler Nähe zu uns wird auch durch den rasanten Fortschritt der aktuellen Forschung unterstützt. Die Testergebnisse der Genlabor erlauben eine immer präzisere Darstellung unserer mitteldeutschen Nachbarn aus dem dritten Jahrtausend vor Christus. So können wir uns auch mit ihrem Schicksal identifizieren und ihre Freude und ihr Leid mitfühlen.

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