"Bei einer Bank könnte ich niemals arbeiten"

Interview mit dem Tierfilmer Andreas Kieling

Schon seit seiner Kindheit ist Andreas Kieling von Bären fasziniert. Jede Höhle, jedes mögliche Bärenversteck musste er erkunden. Sein spektakulärster Fund war ein Höhlenbärenschädel von unglaublichen Ausmaßen. Seitdem hat er nur noch einen Gedanken: einem solchen Giganten einmal mit der Kamera gegenüber zu stehen.

Andreas Kieling unterwegs mit seiner Kamera Quelle: ZDF/Andreas Kieling


ZDFonline: Wie bist Du zu dem Beruf "Tierfilmer" gekommen?


Andreas Kieling: Ich war früher Förster in der Eifel und habe immer schon Wildtiere fotografiert und gefilmt. In meinen Urlauben habe ich immer große Expeditionen in alle Welt unternommen. Als mein Forstrevier aufgelöst wurde, brach für mich zuerst eine Welt zusammen. Ich arbeitete dann ein Jahr in China, Pakistan und Indien. Von meinen Ersparnissen habe ich mir meine erste 16mm-Kamera gekauft und meine erste Drehreise finanziert. Es ging nach Nordkanada und Alaska bis in den hohen Norden ins Eisbären-Gebiet. Das Filmmaterial, welches ich damals mitbrachte, war 1991 bis 1992 sehr spektakulär und ich konnte es damals an einen öffentlich-rechtlichen Sender verkaufen. Das war mein Beginn.

Andreas Kieling filmt einen Bären Quelle: ZDF/Andreas Kieling


ZDFonline: Was war Deine gefährlichste Situation beim Dreh?


Kieling: Ich habe mehrere Scheinangriffe von Braunbären und einen direkten Angriff schadlos überstanden. 1995 bin ich bei einem Dreh in Deutschland von einem Wildschweinkeiler schwer verletzt worden und fast verblutet. Dann hatte mich eine hochgiftige Seeschlange ins Gesicht gebissen. Ich halte das Tierfilmerleben für nicht gefährlicher als jeden Tag in unserem Land mit einem Auto zur Arbeit zu fahren.


ZDFonline: Wie verhälst Du Dich bei einem Grizzlyangriff?


Kieling: Bei Raubtieren geht es immer um das Gleiche: Dominanz und Rangordnung. Das ist wie im wahren Leben. Weglaufen ist ganz schlecht, das löst bei Beutegreifern den Jagdinstinkt aus. Bei einem Angriff kann ich nur hoffen, dass sich das Tier schnell wieder beruhigt: Arme in den Nacken, sich zusammenrollen, dem Angreifer wenig Angriffsfläche bieten. Dem Angreifer signalisieren, dass ich mich unterwerfe. Alle Tiere funktionieren nach sehr klaren Verhaltensmustern. Und das zeigen sie auch im Umgang mit uns Menschen. Dass es zu schweren Verletzungen kommt, ist natürlich nicht ausgeschlossen.


ZDFonline: Hast Du bei Deinen Drehs eigentlich eine Waffe dabei?


Kieling: Nein. Tierangriffe finden meistens auf sehr kurze Entfernungen statt. Egal ob es sich um einen Leoparden, Büffel, Elch oder Bären handelt. Ich habe ein Bärenabwehrspray dabei, das hilft bei allen Tieren. Von der Schlange bis zum Eisbären.


ZDFonline: Aus wie vielen Personen besteht Dein Team?


Kieling: Wir sind meistens zu dritt: ein zweiter Kameramann - dessen Aufgabe es ist, mich zu drehen, wie ich mich den Tieren annähere und sie filme - und ein Ton-Assistent. Am liebsten wäre ich allerdings alleine. Dann fühlen sich die Tiere am wenigsten gestört und zeigen eher ihr natürliches Verhalten. Für Fluchttiere sind wir Menschen Beutegreifer und drei bilden schon Rudel, welches eine Gefahr darstellt.

Junger Bär mit Mutter Quelle: ZDF/Andreas Kieling


ZDFonline: Beneidest Du manchmal Deinen Nachbarn um sein geregeltes Leben?


Kieling: Was in 45 Minuten komprimiert über die Matrix flimmert, ist oft jahrelange harte Arbeit. Oft passiert wochenlang nichts Außergewöhnliches, und dann habe ich drei, vier Tage, die eine ganze Drehreise zum Erfolg führen. Meinen Nachbarn beneide ich oft um seine heiße Badewanne, wenn ich in einem Schneesturm stundenlang auf die Aktion eines Eisbären lauere, der nichts weiter macht, als im Schnee zu dösen. Alles hat seinen Preis: Erfrierungen, Malaria-Anfälle und Borelliose. Das Leben draußen ist eine totale Achterbahn, nur dass ich nicht im Fullsize-Airbag sitze.

Andreas Kieling lauert auf eine gute Aufnahme Quelle: ZDF/Andreas Kieling


ZDFonline: Könntest Du Dir einen anderen Beruf vorstellen?


Kieling: Bei der Bank, Post oder auf sonst irgendeinem Amt könnte ich niemals arbeiten. Obwohl ich dann wahrscheinlich mehr Freizeit hätte. Nein, ich lebe für diesen Beruf!

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