Bergen, Kontor der Hanse

Leben und Alltag im Kaufmannsquartier

Vier Kontore befinden sich im Besitz der Hanse: London, Brügge, Bergen und Nowgorod. Um 1360 gegründet beherrscht das Bergener Kontor den Import von Salz und Getreide nach Norwegen und, im Gegenzug, den Export von Stockfisch in den Süden. Norwegen ist durch die Pest heimgesucht und entvölkert. Der König gesteht der Hanse weitgehende Rechte zu, Handelsvorteile und die Freiheit von Pflichten.

Tyskebruggen in Bergen
Tyskebruggen in Bergen

Das Kontor zu Bergen wird von Lübeck aus geleitet. Der Hansetag beschließt die Regeln, die die Mitglieder des Kontors befolgen müssen. Der Rat von Lübeck verwaltet den Betrieb. Neben allgemeinen Regeln besitzt jedes Kontor eigene Gesetze. Das Kontor in Bergen liegt auf Bryggen, an der Ostseite der Hafenbucht. Nur hier durften die Hanseaten anlanden und sich niederlassen.

Anfänglich blieben sie nur über den Sommer, segelten vor Wintersanbruch zurück in die Heimat. Doch bald nutzten so genannte "Wintersitzer" den Vorteil günstiger Einkaufsmöglichkeiten in der kalten Jahreszeit. Sie bleiben und erwerben Grundbesitz. Eine Besonderheit: Neben Kaufleuten lassen sich auch zahlreiche hansische Handwerker auf Bryggen nieder: Schuhmacher, Bäcker, Goldschmiede, Kürschner, Schneider und Barbiere.

Leben in einer Männergesellschaft

Alte Karte von Bergen
Alte Karte von Bergen Quelle: ZDF

Das deutsche Kontor in Bergen ist eine reine Männergesellschaft. Die Mitglieder müssen für Zeit ihres Aufenthalts ledig bleiben. Der Umgang mit den Einwohnern der Stadt, besonders mit ihren Frauen, ist streng verboten. Die Männer des Kontors teilen sich in drei Gruppen: Lehrjungen, im Alter von 14 -15 Jahren, sie müssen sechs Jahre in derselben Stube dienen bevor sie zur Gesellenprüfung zugelassen werden. Anschließend dürfen sie als Gesellen bleiben und steigen in der Rangordnung. Sie gehören zur Gruppe der Vorarbeiter und Kaufmannsgehilfen. Gesellen können zum Verwalter werden. Als Leiter einer Stube gehören sie zur obersten Gruppe. Sie schließen auf Rechnung des Kaufherren, dem die Stube gehört, Geschäfte ab. Manche kaufen später eigene Stuben und kehren in ihre Heimatstadt zurück.

Der Hafen von Bergen heute
Der Hafen von Bergen heute

Leiter des Kontors sind die so genannten "Ältesten". Sie werden vom Rat in Lübeck eingesetzt. Ihnen zur Seite stehen sechs bis 18 Beisitzer und ein Sekretär, der für den Schriftverkehr zuständig ist, in der Regel ein Jurist. Gemeinsam bilden sie den Kaufmannsrat, den "ehrsamen Kopman". Jedes Jahr im Herbst treffen sich sämtliche Kaufleute und Verwalter zur Versammlung der "Großen Gemeinde". Das Kontor besitzt die Gerichtsbarkeit über seine Mitglieder, so lange sie auf Bryggen sind. Sobald sie in den norwegischen Teil der Stadt gehen, gelten auch für sie norwegische Gesetze. Beisitzer amtieren als Leiter der Feuerwehr, des Armenhauses und als Kirchenvorstände der dem Kontor gehörenden Marienkirche. Der Sekretär ist zugleich Diplomat der Hanse und Bindeglied zum Lübecker Rat.

"Die Höfe" am Hafen

Entlang der Hafenmauer auf Bryggen entstehen tief gestaffelte Wohn- und Handelsgebäude: Die Höfe. Innerhalb eines Hofes befinden sich hintereinander bis zu 15 Stuben, jede von ihnen ein selbständiges Handelsunternehmen. Zu den einzelnen Höfen gehören Gemeinschaftsräume wie Holzschuppen, Feuerhaus und ein Versammlungsraum, die "Schötstube".

Höfe der Hanse in Bergen
Höfe der Hanse in Bergen Quelle: ZDF

Das Leben in der Hofgemeinschaft ist durch Hausordnungen streng geregelt. Es existieren ein Hofgericht und ein "Meister Hans" genannter Büttel der die Strafen und Entscheidungen vollstreckt. Ein Bauherr kümmert sich um die Gebäude und führt das Rechnungsbuch. Lehrjungen und Gesellen wählen ihre Vorsitzenden. Für den gemeinsamen Einkauf von Holz existiert ebenso ein Verantwortlicher wie für das Bier und die Aufsicht in Feuerhaus und Schöttstube in denen eigene, strenge Regeln gelten.

Kirchenbau und christliches Gemeindeleben prägen den Alltag der Bürger in allen Hansestädten. Das ist in den Kontoren nicht anders. Das Deutsche Kontor in Bergen besitzt und unterhält zwei Kirchen: Die Marienkirche und die Martinskirche. Ihre Prediger kommen aus Lübeck. Die Martinskirche wird im Jahr 1702 bei einem großen Brand, der Plage jeder eng bebauten Stadt jener Zeit, zerstört und nicht wieder aufgebaut. Die Marienkirche zeugt bis heute mit einer erhaltener Innenausstattung vom Glauben der Hanseaten in Bergen. Das Kontor unterhält ein Armenhaus, das der heiligen Katharina geweiht ist. Und es fördert den Bau des St Olafsklosters, der heutigen Domkirche. Dem Schutzheiligen der Bergenfahrer ist auch in der Lübecker Marienkirche eine eigene Kapelle gewidmet.

Hartes Aufnahmeritual: Die "Spiele"

Das Zusammenleben Vieler auf engem Raum in den Stuben und Gemeinschaftsräumen wird durch Rangordnung und strenge Regeln bestimmt. Neulinge müssen auf Bryggen ein Aufnahmeritual durchlaufen. Derbe Spiele, die sie auch auf die Gefahren des Zusammenlebens vorbereiten sollten: Das Wasserspiel wird im Mai abgehalten. Die Neuen werden zunächst mit reichlich Essen und viel Bier bewirtet. Es folgt eine Bootsfahrt auf die Bucht hinaus. Die Neulinge werden ausgezogen und kielgeholt: Also unter dem Bootsrumpf hindurch durchs Wasser gezogen. Anschließend werden sie mit Ruten geschlagen. Dann gehen Essen und Trinken weiter. Im Unterschied zu den anderen Kontoren stammen die Neuen, jung und alt, nicht nur aus dem Kaufmannsstand. Bei den Spielen werden alle ohne Unterschied gleich behandelt.

Handelsgut der Hanse: Schnaps
Handelsgut der Hanse: Schnaps Quelle: ZDF

Die zweite Runde läuft abends ab. Schauplatz des "Rauchspiels" ist das Feuerhaus. Aus übel riechenden Abfällen wird ein qualmendes Feuer entfacht. Die Neuen werden in den Rauch gehängt und von älteren "Quälgeistern" streng verhört und belehrt. Abschließend müssen die armen Opfer der Zeremonie kalte Duschen über sich ergehen lassen. Das Dritte Ritual führt zurück in den Gemeinschaftsraum, die Schrötstube. Starkes Bier wird in großen Mengen ausgeschenkt. Verkleidete Gesellen empfangen die Betrunkenen in der das "Paradies" genannten Ecke des Raumes und verprügeln sie nach Strich und Faden. Ein letztes Gastmahl und Gelage schließt den Festtag ab. Durch Wasser, Feuer, Rauch und Bier gegangen dürfen sich die Neuen als Mitglieder des Kontors fühlen. Noch bis spät ins 18. Jahrhundert werden "die Spiele" in Bergen abgehalten.

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