Bestattungsrituale der Warna

Grabbeigaben abhängig vom Wohlstand des Verstorbenen

Das alte Volk von Warna, das wie aus dem Nichts am Rand des aufstrebenden Vorderen Orients auftauchte, gibt Experten bis heute Rätsel auf. Die Gemeinschaft lebte auf dem Balkan, am Westufer des Schwarzen Meeres. Bekannt ist, dass sie den anderen Zivilisationen der frühen Kupferzeit weit überlegen war.

Ihre Häuser errichteten die Küstenbewohner längst aus massivem Stein, als die übrigen Völker Europas noch in Holz und Lehm bauten. Großzügige Wohnanlagen mit palastartigen Räumen verhießen Wohlstand und Luxus, der die Menschen dort um 4.500 vor Christus umgab.

Aufschluss über soziale Strukturen

Die Grabungsstätte von Durankulag im heutigen Bulgarien untersucht Frau Professor Henrietta Todorowa seit über zwei Jahrzehnten. Die meisten Objekte holte sie aus einem Gräberfeld am Ufer eines nahen Sees. Die Beigaben für die Toten geben Aufschluss über die sozialen Strukturen der Siedler.


Vor der Entdeckung des Kupfers war es üblich, die Verstorbenen in gleicher Art und Weise zu bestatten. Das Volk von Warna hingegen überlegte sich sehr wohl, wer welche Kostbarkeit mit ins Jenseits nehmen durfte. Manche erhielten kunstvolle Figuren mit Kupferreif, die eine Muttergöttin darstellen. Andere wiederum mussten sich mit einfachen Ringen aus Knochen und Elfenbein zufrieden geben.

Erstes Klassensystem der Menschheit

Die unterschiedlichen Gegenstände belegen, dass sich die Gesellschaft schon vor mehr als 6.500 Jahren in einzelne Schichten gliederte - abhängig vom Wohlstand des jeweiligen Clans. Die Kupferproduktion führte zum ersten Klassensystem der Menschheit.




Etwa hundert Kilometer südlich von Durankulag gelang den Ausgräbern 1972 ein archäologischer Coup. Bei der Aushebung eines Kabelkanals waren Bauarbeiter auf eine Begräbnisstätte aus grauer Vorzeit gestoßen. Auf einer Fläche von 7.500 Quadratmeter legten die Forscher fast 300 Gräber frei - ausnahmslos datiert auf die Blüte des Kupferzeitalters in jener Region.

Sensation in Grab 43



In Grab 43 erwartete das Team eine Sensation: Das Skelett eines Mannes, den über tausend Gegenstände aus purem Gold umgaben. Aber auch Geschenke aus Kupfer, Feuerstein und Ton verschönerten die dunkle Gruft. Das beilartige Zepter in der Hand des Toten - ein Schlüsselfund. Ebenso wie die üppigen Halsketten aus dem glänzenden Edelmetall. Die Fülle der wertvollen Schmuckstücke weist auf eine einflussreiche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.

Auch wenn die Forscher wohl nie werden rekonstruieren können, wie die Gesellschaft von Warna im Detail aussah, so gibt es für die prunkvolle Ausstattung des Körpers, zu der sogar ein goldener Penisschutz gehörte, nur eine plausible Erklärung: Der Tote muss ein Herrscher gewesen sein.

Ältester und bisher größter Schatz

Die Grabanlagen von Warna hüteten knapp sechs Kilogramm strahlendes Gold - der älteste und bisher größte Schatz, der je geborgen wurde. Rätselhaft aber bleibt bis heute, warum die meisten Gold gefüllten Ruhestätten keinen Leichnam enthielten. Vielleicht war der königliche Eigentümer der Gruft irgendwo in der Fremde gestorben. Erwiesen ihm die Untertanen mit den prächtigen Gaben die letzte Ehre?


Es kursiert aber noch eine andere Theorie: Die Bestattungen waren Scheinbegräbnisse. Ein Ritual, das viele archaische Gemeinschaften pflegten, um die Amtsperiode eines Herrschers zu beenden. Denn in der Regel wählten die Menschen ihr Oberhaupt nur für eine begrenzte Zeit. Nach Ablauf der Frist töteten sie den Regenten symbolisch und beerdigten die Insignien seiner Macht. Danach durfte er wieder antreten - vorausgesetzt, er gewann die Neuwahl.

Ende einer Zivilisation

Die Wissenschaftler gehen sogar noch weiter. In einigen Gräbern ruhten einst lebensgroße Lehmfiguren. Erhalten geblieben sind nur die Gold verzierten Gesichtspartien. Auf die Frage, wen die kuriosen Gestalten darstellen, antworten Archäologen: Die Kupferzeitler aus Warna haben ihre Götter zu Grabe getragen. Markierte der ungewöhnliche Brauch das Ende jener Zivilisation? Tatsächlich ging die Warna-Kultur um 4.200 vor Christus unter - vermutlich infolge einer ökologischen Katastrophe.




So plötzlich wie das visionäre Volk am Schwarzen Meer auftauchte, so abrupt verschwandt es von der Bühne der Geschichte. In einer Epoche, in der im Vorderen Orient die frühen Hochkulturen erst allmählich entstanden. Die Großreiche in Mesopotamien und am Nil existierten noch nicht.

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