Besuch bei den Zoé

Know-how um Gifte und Heilstoffe

Die Heimat der Zoé ist ähnlich isoliert und geheimnisvoll wie die der Korubos und deshalb für Genjäger höchst attraktiv. Es gibt hier keine Wege, nicht einmal einen schiffbaren Fluss. Keine Siedlung im Umkreis von 300 Kilometern. Hier leben die Zoé, was in ihrer Sprache schlicht "Mensch" bedeutet.

Vor einigen Jahren kam es hier fast zur Katastrophe. Missionare der berüchtigten "New Tribes Mission" aus den USA hatten die Grippe eingeschleppt. Viele Indianer starben. Sydney wies die Sekte aus. Heute gibt es noch 150 Zoé, die in zwei Dörfern leben.

Besucher vom anderen Stern

Weiße sind für sie noch immer Besucher von einem anderen Stern. Doch Sydney ist ein gern gesehener Gast. Die Zoé wissen, dass sie ihm ihr Leben verdanken. Im Gegensatz zu vielen missionierten Indianern haben die Zoé zu ihrer ursprünglichen Lebensweise zurückgefunden. Sie behielten ihre Würde, ihre Sprache, ihre Götter und ihr geheimes Heilwissen.


Mit acht Jahren werden Jungs und Mädchen während eines mehrtägigen Rituals initiiert. Dabei wird die Unterlippe zuerst mit Pflanzensaft betäubt, anschließend mit einem Affenknochen durchbohrt und mit Baumharz gefüllt. Nach einigen Tagen wird es durch den ersten Holzpflock ersetzt. Damit essen und schlafen sie, wechseln ihn jedoch alle 14 Tage aus.

Lähmendes Gift

Um Fische zu fangen, benutzen sie die Tschimbo-Liane oder - besser gesagt - deren chemische Wirkung. Das Holz wird von den Männern über mehrere Stunden weich geklopft, bis es völlig zerfasert ist und einen eigenartigen Geruch verströmt. Kommen die Fasern mit Wasser in Berührung, entfalten sie ein Gift, das die Fische auf der Stelle betäubt und an die Wasseroberfläche treibt. Frauen und Kinder brauchen sie bloß noch einzusammeln. Das Gift lähmt jedoch nur ihre Atemwege und hat keinerlei Einfluss auf Geschmack und Verträglichkeit.

Der Nachwuchs ist überall dabei und lernt auf diese Weise alles, was man für den Überlebenskampf im Urwald braucht. Die Tschimbo-Liane ist nur ein Beispiel für das umfangreiche Wissen der Indianer um Gifte und Heilstoffe, die ihnen die Natur frei Haus liefert. Dieses Wissen ist es, das die Gutachter der Pharmaindustrie anlockt.

Wirksame Grundstoffe

Große Biotech-Unternehmen verfügen inzwischen über Naturstoff-Bibliotheken, die viele Tausende verschiedene Pflanzenessenzen in Reinkultur beherbergen. Wirksame Grundstoffe für neue Medikamente. Knapp die Hälfte aller zugelassenen Pharmazeutika ist pflanzlichen Ursprungs mit einem geschätzten Jahresumsatz von 200 Milliarden Dollar. Ein großer Teil dieser Medikamente wurde ursprünglich von indigenen Völkern verwendet.

Bei Labortests zeigen Pflanzen, die von Naturvölkern genutzt wurden, eine besonders hohe biologische Aktivität. Die Chance, durch sie weiter neue Grundstoffe für Medikamente zu finden, ist um ein Vielfaches höher als bei zufällig gesammelten Pflanzen. Das Wissen der Ureinwohner ist für die Industrie Gold wert. Pflanzliche DNA-Sequenzen werden im Ausland patentiert - weit weg von den Gesetzen des Ursprungslandes. Die Indianer wissen von all dem nichts. Für sie sind die Heilstoffe aus der Natur kein Handelsgut, sondern fester Bestandteil ihres Lebens, ihrer Religion und Spiritualität.

Die Macht der Geister

Das Geheimnis der Rinde des Coruma-Baums wurde Serabut, dem Urvater der Zoé, durch einen Traum mitgeteilt. Er empfahl, bei Schwindelanfällen und Sehstörungen den Saft dieser Rinde in die Augen zu tropfen. Danach hätte man wieder einen klaren Blick. Als Pipette dient ein Blatt, das von den Frauen präpariert wird. Das Ritual selbst muss von einem jungen Mädchen durchgeführt werden - so verlangt es Serabut. Der Patient bekommt einen Zweig umgelegt, der zu einem Halsreif geschlungen ist, und zeigt damit, dass er sich freiwillig in die Macht der Geister begibt. Die Tropfen wirken sofort. Der Patient beginnt plötzlich, einen Vogel zu imitieren, der gleichzeitig vor seinem inneren Auge erscheint.

Diese Medizin schärft nicht nur die physische Sehkraft, sondern auch - im übertragenen Sinne - das Gespür des Jägers für seine Beute. Jeder Indianer weiß, dass ein scharfes Auge allein nicht genügt, um ein wildes Tier aufzuspüren. So wirkt der Extrakt des Curuma-Baumes wie eine Art Vorbereitung auf die Jagd. Er öffnet alle Sinne des Jägers, so dass er sein Opfer wahrnimmt, lange bevor es in seiner Nähe ist.

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