Besuch von der Ur-Ur-Großtante

Fossil Ida bringt Bewegung in den Stammbaum

Ahnenforschung ist mühsam, erst recht, wenn man zig Millionen Jahre zurückblicken will. Nur wenige Zeugnisse unserer Urahnen sind erhalten geblieben. Meist finden die Wissenschaftler nur einzelne Zähne oder Kieferfragmente, mit viel Glück einen Fußknochen oder einen halben Arm. Ein vollständig erhaltenes Skelett, das 47 Millionen Jahre alt ist, ist da eine echte Sensation. Doch was können wir von dem Fossil Ida lernen?

Wer unsere Urverwandtschaft kennen lernen will, muss sich mit einer Ordnung beschäftigen, die es seit circa 70 Millionen Jahren gibt. Einer Tiergruppe, zu der Lemuren, Affen und schließlich auch wir Menschen gehören - den Primaten

Wissenschaftler steht vor Röntgenaufnahmen das Fossils Ida
Wissenschaftler steht vor Röntgenaufnahmen das Fossils Ida Quelle: Atlantic Production Ltd.

Geschickte Hände, gute Augen

Das Kennzeichnende für Primaten ist, dass sie sich im Laufe der Entwicklung an ein Leben in den Bäumen angepasst haben. Dabei haben sie auch Körpermerkmale entwickelt, die später für die Evolution zum Menschen so bedeutsam wurden: Greifhände mit einem abspreizbaren Daumen erleichtern das Klettern in den Ästen - und heute ermöglichen sie uns Menschen den Gebrauch von Stift und Skalpell. Unsere sensiblen Fingerkuppen konnten erst dadurch entstehen, dass Säugetierkrallen zu Fingern mit abgeflachten Nägeln wurden.

Wer sich sicher in der dreidimensionalen Welt der Zweige bewegen will, muss räumlich sehen können. Die ursprünglich seitlich angeordneten Augen verlagerten sich im Laufe der Evolution nach vorne. Erst die beiden sich überlappenden Sichtfelder machen das 3-D-Sehen möglich. Das erforderte aber auch zusätzliche Denkleistung und so hat sich auch das Gehirn weiterentwickelt. Zum Ausgleich musste beim Riechsinn gespart werden. Die ursprünglich langgezogene Schnauze früherer Primaten wurde im Laufe der Entwicklung flacher. Aus der ursprünglichen Lemurenschnauze wurde das steile Affengesicht.

Großaufnahme: Augen eines Pavians
Großaufnahme: Augen eines Pavians Quelle: Atlantic Production Ltd

Auf die Nase kommt es an

Nicht bei allen Primatenarten sind die oben beschriebenen Merkmale in gleicher Weise entwickelt. Noch relativ ursprünglich geblieben sind die Lemuren, die es heute nur noch auf Madagaskar gibt. Sie werden auch zu den Halbaffen oder Feuchtnasenaffen gezählt. Für sie ist der feuchte Nasenspiegel typisch, ein Schleimhautring, der die Nasenlöcher außen umgibt und für den guten Geruchssinn sorgt. Zu den besonderen Kennzeichen der Lemuren gehört aber auch der zu einer Putzkralle ausgebildete Zeigefinger und eine Reihe zusammengewachsener Zähne im Unterkiefer, der Zahnkamm.

Vielfältiger dagegen hat sich ein anderer Zweig des Primatenstammbaums entwickelt: die große Gruppe der Affen oder auch Trockennasen, denen der feuchte Nasenspiegel fehlt. Sie sind im Laufe der Jahrmillionen wendiger und flinker geworden, haben ihren Sehsinn und das Gehirn weiter entwickelt und damit auch eine andere Kopfform. Vermutlich vor rund 50 Millionen Jahren muss diese Entwicklung eingesetzt haben.

Ida - der Affen-Lemur

Fossil Ida: Comuptertomographisch rekonstruierte Zähne
Fossil Ida: Comuptertomographisch rekonstruierte Zähne Quelle: Atlantic Productions Ltd

Doch genaue Aussagen sind schwierig, denn es gibt nur sehr wenige Skelettfunde aus dieser Zeit. Und bei denen sind die klassischen Unterscheidungsmerkmale nicht immer so eindeutig auszumachen. Gerade der feuchte - oder eben trockene - Nasenspiegel lässt sich an Fossilresten nicht mehr nachweisen. Noch viel schwieriger wird es, wenn nur einzelne Knochen, Kieferfragmente oder gar nur Zähne gefunden werden - was meistens der Fall ist. Daher sind die Forscher auf wenige Indizien und viele Hypothesen angewiesen, wenn sie einen Fund einer systematischen Gruppe zuordnen wollen. Das fast vollständig erhaltene Ida ist nun ein Glücksfall für die Wissenschaft, bei ihr sind neben dem Skelett auch der Mageninhalt sowie Körperumrisse und Fellspuren erhalten. Dadurch lassen sich erstmalig eine ganze Reihe von Merkmalen an einem vollständigen Objekt beschreiben, die sonst wie verstreute Puzzleteilchen an unterschiedlichen Fossilien gefunden wurden.

Dr. Jens Franzen und Dr. Jørn Hurum untersuchen Fossil Ida
Dr. Jens Franzen und Dr. Jørn Hurum untersuchen Fossil Ida Quelle: Atlantic Production Ltd, Sam Peach

So konnten die Wissenschaftler um Jörn Hurum und Jens Franzen nachweisen, dass Ida Merkmale der beiden Primatenlinien Lemur und Affe in sich vereint. Auch wenn sie auf den ersten Blick wie ein ursprünglicher Lemur aussieht, hat sie dennoch sechs Merkmale, die typisch für die weiter entwickelten Trockennasen sind.

Endlich ein Gesicht

Damit gehört sie vermutlich zu einer Art Vorläufergruppe, aus der sich später die Affen entwickelt haben. Diese Entdeckung sorgt für Bewegung im Stammbaum der Primaten. Denn bislang wurde die Gruppe der Notharctidae, zu der Ida verwandtschaftlich gehört, bei den Feuchtnasen angesiedelt. Für die Paläoanthropologie eine Sensation, die für viele weitere Diskussionen sorgen wird.

Was also können wir von dem 47 Millionen Jahre alten Fossil lernen? Sie erleichtert den Wissenschaftlern ein Verständnis für die komplexen Vorgänge der Evolution und bietet uns allen zum ersten Mal eine Vorstellung davon, wie unsere Urverwandtschaft ausgesehen haben könnte - auch wenn Ida wohl nicht unsere Ur-Ur-Ur-Großmutter sondern eher eine Ur-Ur-Ur-Großtante ist, wie Jens Franzen sagt.

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