Bis ans Ende der Welt

Eindrücke und Extreme der Nordpolarregion

Es ist ein unheimliches Gefühl, auf dem Nordpol zu stehen. Der Boden sieht aus, wie Schnee eben aussieht. Aber darunter ist keine Erde, sondern die etwa zwei Meter dicke Eisdecke des Meeres, und das Nordpolarmeer ist an dieser Stelle über vier Kilometer tief. Das Eis bewegt sich unablässig.

Luftbild: Eis am Nordpol
Luftbild: Eis am Nordpol Quelle: ZDF,FRAMEPOOL

Die Kräfte des Windes und der Meeresströmung können es am Tag bis 40 Kilometer weit in eine Richtung treiben. Deshalb gibt es auf dem Eis auch keine dauerhafte Markierung für den Pol. Das GPS allerdings kann in 90 Grad nördlicher Breite die Stelle annähernd angeben. Wer es genau wissen wollte, müsste auf den Meeresgrund hinabtauchen, wo die Russen 2007 ihre Nationalflagge aus Titan aufgestellt haben. Der Planet dreht sich um die Achse, die Nord- und Südpol miteinander verbindet. Wenn man sich in 90 Grad nördlicher Breite befindet, also auf dem Nordpol, steht man auf einer der beiden Stellen - die andere ist natürlich der Südpol - an denen die Erde praktisch stillsteht.

Das Rätsel der vereisten Pole

Russische Fahne am Nordpol
Wem gehören Öl-Ressourcen am Nordpol VIDEO Quelle: dpa

Am 22. oder 23. September eines jeden Jahres geht am Nordpol die Sonne unter und in den folgenden sechs Monaten nicht mehr auf. Die Temperatur fällt in den Keller. Erst am 20. oder 21. März, dem Tag der Frühlingssonnenwende, geht die Sonne wieder auf und scheint ununterbrochen bis zum 22. oder 23. September, wenn der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Wenn also in diesen sechs Monaten am Nordpol die Mitternachtssonne doppelt so lange scheint wie am Äquator, fragt man sich, warum es dort nicht heißer ist als sonstwo auf der Erde.

Die Sonnenstrahlen treffen jedoch in einem so schrägen Winkel auf die Pole, dass sie so gut wie keine Wärme spenden. Die einzige Stelle auf der Erde, die von der Sonne senkrecht von oben beschienen wird, ist der Äquator. Der schiefe Winkel bedeutet außerdem, dass die Sonnenstrahlen dichtere Luftschichten durchdringen müssen, bevor sie den Pol erreichen, wobei zusätzliche Energie verloren geht. Und weil die Sonne sehr niedrig steht, spürt man ihre Wärme noch nicht einmal am Mittag. Was an Strahlungsenergie auf die Erde trifft, wird von Schnee und Eis größtenteils in den Weltraum reflektiert. Anderswo auf dem Planeten ist die Reflexion von Sonnenenergie erheblich geringer und wird vom Wasserdampf in der Atmosphäre großenteils absorbiert. Zudem ist die Luft an den Polen ungeheuer dünn, was die Temperatur noch weiter absinken lässt.

Eine schwankende Decke aus Eis

Vom Nordpol aus geht man immer nach Süden, egal in welche Richtung man sich bewegt. Ost und West gibt es nicht. Von hier bis zur nächsten Landfläche - der Nordspitze Grönlands - sind es 725 Kilometer über das Packeis. Wenn man den Fuß daraufsetzt, wird einem klar, was das bedeutet. Das Eis ist ständig in Bewegung, bricht auf und schließt sich wieder, wodurch eine dynamische, abwechslungsreiche Landschaft entsteht. Wenn die riesigen Eisschollen zusammenstoßen, treibt der Druck einige Kämme in die Höhe eines dreistöckigen Hauses und noch weiter in die Tiefe, sodass sich über und unter Wasser Eisgebirge bilden.

Karte vom Nordpol
Karte Nordpol

Diese schroffen Formationen erstrecken sich kilometerweit über das Nordpolarmeer und weisen für gewöhnlich auf altes Eis hin. Dieses "mehrjährige" Eis ist während des Sommers nie aufgetaut und in den darauf folgenden Wintern Jahr für Jahr weiter gewachsen, bis es eine Stärke von bis zu acht Metern erreicht hat. Etwa ein Viertel der Packeismenge ist junges Eis, das sich jedes Jahr neu bildet und im Herbst mit einer Geschwindigkeit bis zu 60 Quadratkilometern pro Minute ausdehnt, bis es schließlich fast 14.000.000 Quadratkilometer und damit fast 85 Prozent des Polarmeers bedeckt.

Am kältesten Ort der Erde

Das Nordpolarmeer ist der kleinste der fünf Ozeane unseres Planeten und ringsum von Landmassen umgeben: den nördlichsten Teilen Asiens, Europas und Amerikas, der Nordspitze Grönlands - der größten Insel der Welt - sowie von mehreren Archipelen. Dank der gewaltigen Wassermassen ist das Klima in diesen arktischen Gebieten weniger extrem, und die Wassertemperaturen sinken niemals unter -2 °C. Im Winter sorgt das verhältnismäßig warme Wasser unter dem Polareis dafür, dass sich am Nordpol niemals arktische Kälterekorde einstellen. Den einmaligen Kälterekord hält mit -71,2 °C die sibirische Stadt Oymyakon.

Solch extreme Temperaturen können auftreten, wenn sich "Seen" aus Kaltluft über dem Binnenland der arktischen Landmassen bilden. Derartige Inversionswetterlagen entstehen, wenn die kältere und dichtere Luft zu Boden sinkt und sich nicht mit der wärmeren Luft in höheren Lagen mischt. Dieser Vorgang wird von einigen beklemmenden Phänomenen begleitet. Geräusche pflanzen sich viel schneller fort, weil sie von der wärmeren Luftschicht zurückgeworfen werden, sodass man menschliche Stimmen über extrem weite Entfernungen hören kann. Lichtstrahlen werden abgelenkt, sodass Gegenstände unter dem Horizont plötzlich darüber zu liegen scheinen. Diese Luftspiegelungen zaubern sogar ein leicht verzerrtes Abbild der Sonne oder des Mondes an den Himmel, nachdem die Gestirne bereits untergegangen sind.

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