Blick auf die Bliggspitze

Der Risikoberg der Ötztaler Alpen im Fokus der Forschung

Der mit einer Gipfelhöhe von 3454 Metern zweithöchste Berg des Kaunergrates thront über dem malerischen Kaunertal. Mehrere Gletscher umgeben die Bliggspitze, die bis zum Juni 2007 als unauffällig gilt. Doch dann überrascht der Felskoloss die Menschen mit einem gigantischen Wandabbruch.

Bliggspitze
Bliggspitze Quelle: ZDF

Bliggspitze, 29. Juni 2007: Große Teile des Nordhanges stürzen ohne Vorwarnung in die Tiefe. Als die Innsbrucker Geologen Gunther Heißel und Petra Nittel mit dem Helikopter einfliegen, sind sie zunächst fasziniert von der grandiosen Naturgewalt. Niemals hätten sie es für möglich gehalten, eine solche Bergbewegung in den Alpen beobachten zu können. Doch urplötzlich geraten sie beim Überprüfen des Bodens in höchste Lebensgefahr. Die bis zu 30 Meter hohe Geröll-Lawine ändert schlagartig die Richtung und rast auf die Wissenschaftler zu. Wie durch ein Wunder stoppt die Materialwalze aus Hunderttausenden Kubikmetern Fels und Eis in einer Mulde - wenige Meter von den Geologen entfernt.

Damokles lässt grüßen

Karte zeigt Lage der Bliggspitze in Österreich.
Karte: Bliggspitze Quelle: ZDF

Dass Reichtum und Erfolg vergänglich sind und keinen Schutz vor Untergang und Tod bieten, musste der ehrgeizige Höfling Damokles bereits in der Antike durch eine Art Schocktherapie erkennen. Auch für die Bewohner des Kaunertals und für Wissenschaftler wie Politiker ist der Bergsturz an der Bliggspitze ein tief sitzender Schock. Immerhin gelten seit dem Ereignis von 2007 an die vier Millionen Kubikmeter Gestein als instabil. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn diese Massen plötzlich niedergehen. Denn im hinteren Kaunertal liegt der Gepatschspeicher.

Gepatschstausee
Gepatschstausee im hinteren Kaunertal Quelle: ZDF

Wenn eines Tages die instabilen Felsmassen komplett in den Stausee stürzten, käme es vermutlich zu einem alpinen Tsunami mit unabsehbaren Folgen für die malerischen Ferienparadiese in den nachfolgenden Tälern. Doch seit jenem Juni 2007 steht die Bliggspitze unter ständiger Beobachtung. Zwei Webkameras haben die Nordflanke des Bliggferners ständig im Fokus. Außerdem wird das Gebiet immer wieder vom Flugzeug aus kontrolliert. Inzwischen halten die meisten Wissenschaftler den Super-GAU für unwahrscheinlich. Die mehr oder weniger kontinuierlichen Bewegungen des Gesteins sollen demnach nicht für ein "Gesamtversagen der Nordflanke Bliggferner in absehbarer Zeit" sprechen.

George Orwell alpin

Doch Kenner der Problematik bleiben wachsam. Bereits seit vielen Jahren unterliegen die Alpen intensiver Beobachtung durch Wissenschaftler und Bergfreunde. Insider ahnen schon längst, dass in der herrlichen Kulisse zwischen Gipfeln, Gletschern und Gestein eine schwer zu fassende Gefahr lauert. Mit technischen Mitteln kann man ihr kaum begegnen. Daher sieht man aus Vorsicht nach, und zwar sehr genau. Nicht erst seit 2007 wächst zumindest in den als kritisch eingestuften Bereichen im Alpenraum ein Überwachungsnetz heran. Zu dem gehören nicht nur optisches Monitoring mittels Kameras und Kontrollbefliegung, sondern auch verschiedene wissenschaftliche Messungen vor Ort.

Gerölllawine stürzt vom Nordhang der Bliggspitze
Gerölllawine stürzt vom Nordhang der Bliggspitze Quelle: ZDF

Die Bliggspitze ist fest im Fokus der Forschung. Mit modernster Technik erfassen Forscher kleinste Bodenbewegungen, den elektrischen Widerstand des Bodens, seine Beschaffenheit und Temperatur. Was immer der Risikoberg im Schilde führt - die moderne Wissenschaft lässt ihn über- und unterirdisch nicht mehr aus den Augen. Mineralogische und geochemische Untersuchungen von Gesteinsproben sind in Arbeit. Die Geologen hoffen, endlich zu verstehen, was in dem komplexen System aus Gletscher und Permafrostfelsen zu dem Abbruch 2007 am Bliggferner geführt hat.

Helden-Job im Steilhang

So raffiniert die Technik auch ist, so gefährlich ist ihr Einsatz in den wichtigsten Untersuchungsgebieten. Ausgerechnet in den steilsten Flanken der höchsten Berge entstehen die größten Gefahrenherde. Die zu erkunden birgt oft ein tödliches Risiko. Bei zunehmender Auflösung und Destabilisierung des Felsens wird es für die Forscher umso wahrscheinlicher, durch Steinschlag oder Absturz ums Leben zu kommen - ein alpenweites Problem. An leichter zugänglichen Stellen werden bereits seit einigen Jahren Temperaturmessungen in speziellen Bohrlöchern durchgeführt. Mit Radar suchen Geologen Eis und Wasser im Boden - eine Methode, die sich für Geröllhalden, nicht aber für instabile Berggipfel eignet.

Forscher am Steilhang der Bliggspitze
Forscher am Steilhang der Bliggspitze Quelle: ZDF

Doch um die Sicherheit der Bevölkerung möglichst gut zu gewährleisten, sind die Wissenschaftler auf verlässliche Felddaten aus den tatsächlichen Risikogebieten angewiesen. Sie brauchen dringend Ergebnisse langfristiger Messreihen aus den Bergregionen, in denen der Permafrost immer tiefer ins Gestein zurückweicht. Das sind vor allem die stark strukturierten, oft tief eingerissenen und dadurch besonders brüchigen Steilabhänge. Da sind neue Ideen und Mut gefragt - und Forscher, die das Problem anpacken und lösen wollen. Dazu brauchen sie manchmal beinahe James-Bond-Qualitäten.

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