Sie sind hier:

"Blind sollte man keinem Label vertrauen"

Fischerei-Experte Christoph Stransky im Interview

Kann man noch guten Gewissens Kabeljau, Lachsfilet und Sushi essen? Dr. Christoph Stransky, stellvertretender Leiter des Instituts für Seefischerei in Hamburg, spricht über die Fischratgeber der Umweltverbände, die Zuverlässigkeit von Gütesiegeln und die Frage, wie ernst die Lage der Fischbestände ist.

Fischer stapeln Kisten mit Heringen.
Fischer stapeln Kisten mit Heringen. Quelle: dpa

ZDFonline: Wie bewerten Sie die unterschiedlichen Fischratgeber von Greenpeace und WWF?

Dr. Christoph Stransky: Es wäre unfair, einen Ratgeber den besseren zu nennen, beide haben ihre Kriterien. Was die Ratgeber leisten und leisten müssen, ist eine Differenzierung innerhalb der Arten nach Fanggebiet und der dortigen Bestandsentwicklung. Denn zum Beispiel entwickelt sich der Kabeljau-Bestand in der Nordost-Arktis positiv, während er in der Nordsee unzureichend ist.

ZDFonline: Wie verhalte ich mich bei Fischen, die die WWF-Ampel mit gelb kennzeichnet?

Stransky: Gelb heißt, der Bestand ist nicht in optimalem Zustand. Hier muss ich mir - zum Beispiel auf unserer Website Fischbestände Online - die aktuellen Daten ansehen: Wohin entwickelt sich der Trend? Wächst der Bestand wieder, kann ich den Fisch eher konsumieren. Greenpeace ist radikaler und stuft unter Umständen auch Fischarten als rot ein, die beim WWF gelb sind.

Gut jeder dritte Bestand ist überfischt

ZDFonline: Laut einer kanadischen Studie wird bis Mitte des Jahrhunderts der letzte der genutzten Fischbestände kollabiert sein, sollte weiter gefischt werden wie bisher. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Stransky: Dieses Urteil ist zu undifferenziert, es sollte auch nach 2048 noch Fisch geben. Nach dem aktuellen EU-Bericht zu den Fangmöglichkeiten 2011 sind 36 Prozent der europäischen Bestände überfischt und nur 14 Prozent in Europa wirklich bedroht.

ZDFonline: Was genau heißt überfischt?
Stransky: Der Begriff müsste genauer definiert werden. Überfischt ist nicht gleichzusetzen mit "von der Ausrottung bedroht". Dies kann nur bei wenigen Arten passieren, etwa bei Meeressäugern. Wenn ein Bestand zu klein wird, lohnt sich der Fang für den Fischer auch nicht mehr. Und wenn der das Fanggebiet verlässt, kann der Bestand wieder nachwachsen.

ZDFonline: Greenpeace kritisiert das MSC-Siegel für Wildfisch, das der WWF mitgegründet hat. Wie beurteilen Sie dieses und weitere Siegel, wie Bioland und Naturland?

Stransky: Blind sollte man keinem Label vertrauen. Wichtig sind die Kriterien, nach denen die Siegel vergeben werden. Die MSC-Kriterien sind sehr ausführlich, und das Siegel wird erst nach einem sehr aufwändigen Verfahren vergeben. Greenpeace kritisiert etwa, dass Umwelteffekte durch die Grundfischerei nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Sushi ist nicht automatisch tabu

ZDFonline: Sollte man Sushi-Restaurants meiden? Thunfisch-Sushi zählt zu den Standards, und der Thunfisch gilt als äußerst gefährdet.

Stransky: Es kommt auch hier darauf an, welche Art dort verarbeitet wird. Selbst bei Thunfisch ist manche Bestandsentwicklung positiv. Umweltverbände hatten im Rahmen des Artenschutzübereinkommens CITES ein totales Handelsverbot für Roten Thun gefordert, das die Wissenschaft aber abgelehnt hat. Ich werde auch weiterhin Thunfisch essen.

ZDFonline: Sind nachhaltig gefischte Tiere teurer?

Stransky: In der Regel ja. Bei der MSC-Zertifizierung zum Beispiel entstehen durch das aufwändige Verfahren für die Fischereien hohe Kosten, die sie an den Konsumenten weitergeben. Bei manchem Discounter kostet ein MSC-gelabelter Alaska-Lachs aber nur rund 50 Cent mehr als Lachs ohne Label. Bei anderen Händlern kann der Preisunterschied höher sein. Wenn allerdings die Nachfrage nach Fisch mit Gütesiegel steigt, sinken möglicherweise auch die Preise.

ZDFonline: Essen die Deutschen mit durchschnittlich 16 Kilogramm pro Kopf im Jahr zu viel Fisch?

Stransky: Dafür, wie viel Fisch pro Woche vertretbar ist, kann ich keine Empfehlung abgeben. Wichtiger, als allgemein weniger Fisch zu essen, ist es, die Entwicklung der Bestände zu berücksichtigen. Und im Vergleich zu anderen Nationen wie Frankreich, Spanien oder Portugal hält sich in Deutschland der Fischkonsum in Grenzen.

ZDFonline: Wie schätzen Sie die Forderung von EU-Kommissarin Maria Damanaki ein, strengere Fangquoten und Kontrollen einzuführen? Könnte dieser Vorstoß Erfolg haben, oder wird er an den Interessen der Fischerei scheitern?

Stransky: Das sehe ich optimistisch, Damanakis Pläne unterstützen wir voll. Die Politik ist dabei, die Managementpläne zu überprüfen und zu verstehen, welche Regulierungsmaßnahmen greifen. Das Problem bei den Fangquoten: Fischer dürfen bisher nur solche Fische an Land bringen, für die sie eine Quote haben. So landet wertvoller Beifang wieder im Meer. Es könnte zur Pflicht werden, den Beifang ebenfalls anzulanden und ein totales Rückwurfverbot eingeführt werden.

Dr. Christoph Stransky ist stellvertretender Leiter des Instituts für Seefischerei in Hamburg. Die Einrichtung ist ein Fachbereich des Johann Heinrich von Thünen-Instituts (vTI), dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.