Blutrünstige Vegetarier

Wie leben und arbeiten die Germanen?

Wie alles über die Germanen, so stammen auch die schriftlichen Informationen über deren Lebensart ausschließlich aus römischen Quellen - und sind entsprechend gefärbt und mit Vorsicht zu genießen. Neue Erkenntnisse von Archäologen und Paläobotanikern beweisen: Das Jahrhunderte lang gepflegte Bild des wilden, jagenden, nomadisierenden und Krieg führenden Barbaren ist so nicht mehr haltbar.

Nachbau eines germanischen Langhauses (Spielszene)
Nachbau eines germanischen Langhauses (Spielszene) Quelle: ZDF

Der Grund für die fehlenden schriftlichen germanischen Quellen ist einfach: Die Stämme rechts des Rheins verfügen über keine Schrift als Kommunikationsmittel. Die wahrscheinlich in der Zeit um Christi Geburt entstandenen Schriftzeichen (Runen) werden ausschließlich für kurze Inschriften oder zur Beschriftung von Holztäfelchen benutzt - zumindest ist kein längerer Text erhalten geblieben. Historiker halten es für denkbar, dass die Runentäfelchen als Schutzamulett dienen oder als Kraftzeichen - doch auch dies ist, wie so vieles, immer noch spekulativ.

Die germanischen Stämme leben in weilerartigen, weitverstreuten Dörfern, urbane Strukturen sind nirgendwo nachweisbar. Selbst bei großen Stämmen wie den Cheruskern fehlen auch die geringsten Anzeichen für eine Art Stammes-Mittelpunkt. Dieses lockere Siedlungswesen begründet sich auch in der Wirtschaftsweise der Germanen. Sie arbeiten als Bauern, die Tag für Tag ihr Feld bestellen müssen. Als Gerätschaft steht ihnen lediglich ein primitiver, hölzerner Hakenpflug zur Verfügung, der - von kleinen Rindern gezogen - kaum die Ackerkrume aufreißt. Auf wechselnden Feldern bauen sie so Hafer, Gerste, Dinkel und Roggen an. Dieser Wanderfeldbau ist allerdings kein Ausdruck eines freien Nomadenlebens, sondern pure Notwendigkeit: Die ungedüngten Böden verlieren schon nach wenigen Jahren ihre Fruchtbarkeit, und das Getreide muss an einer anderen Stelle neu gesät werden.

Leben in der Räucherkammer

Zitatgalerie Lebensart der Germanen
Zitatgalerie Lebensart der Germanen Quelle: ZDF

Auch das römische Bild des mit Vorliebe jagenden Germanen - als Analogie zum gefürchteten Krieger - gehört ins Reich der Phantasie. Die harte und zeitaufwändige Feldarbeit lässt die Jagd kaum zu und wäre angesichts von wilden Tieren wie Auerochsen, Bären und Wölfen auch zu gefährlich. Allerdings besitzen sie Haustiere, wie Rinder Schafe und Ziegen, die jedoch nicht zur alltäglichen Ernährung dienen: Untersuchungen von Moorleichen zeigen, dass die Bevölkerung östlich des Rheins sich vornehmlich vegetarisch ernährt, Fleisch und Fisch kommt nur selten auf den Tisch. Die Hauptspeise besteht aus einer Art Brei aus Hirse, Hafer und einfachen Gemüsesorten. Ein Speiseplan, der nicht so recht ins römische Bild des blutrünstigen, kriegerischen Barbaren passen will.

Germanische Wohnhäuser entstehen in primitiver Einfachbauweise. Eine Holzkonstruktion wird mit Flechtwerk gefüllt und mit Lehm verschmiert. Diese 12 bis 25 Meter langen und vier bis sechs Meter breiten Hütten dienen als Schlaf-, Wohn- und Essraum und beherbergen sowohl Mensch als auch Tier - nicht einmal durch Wände getrennt. Sie verfügen über keine Fenster und Kamine, der von den Koch- und Heizstellen rührende, beißende Rauch kann nur durch ein Windauge abziehen: Die Germanen und ihre Haustiere leben in einer Art Räucherkammer.

Stochern im Nebel

Angesichts dieses, aus römischer Sicht, unwirtlichen Landes und seiner barbarischen, primitiven Bewohner stellt sich die Frage: Was wollen die Römer eigentlich östlich des Rheins? Bodenschätze sind nur wenige zu finden, abgesehen von etwas Eisenerz und dem auch ihn Rom hoch geschätzten Bernstein von der Ostseeküste. Andere Handelsgüter sind höchstens Tierfelle, Sklaven oder sogar "überschüssige" germanische Kinder, die die rechtsrheinischen Bewohner auch gegen Silbermünzen eintauschen - Goldmünzen dagegen nicht so gerne, da sie die nicht kennen. Landwirtschaftliche Produkte scheiden als Tauschobjekte aus, da die Bewohner nach dem Subsistenzprinzip leben: Sie produzieren nur soviel, wie sie und ihre Sippe tatsächlich benötigen, also keinen Überschuss, der als Ware dienen könnte.

Die Subsistenzwirtschaft erschwert natürlich auch die Begleichung von Steuerschulden, denn was bleibt für die Kolonialmacht, wenn seine Tributpflichtigen alles für sich selbst brauchen? Sollten jedoch die Herrscher auf Abgaben bestehen, ist schnell mit Unmut in der Bevölkerung zu rechnen. Liegt darin vielleicht sogar einer der Gründe der Varusschlacht? Andererseits ist zu vermuten (genaue Informationen existieren auch hierzu nicht), dass die einfache germanische Bevölkerung auch ihre Adelsklasse mit Abgaben zu unterstützen hat - ihr es also im Prinzip egal sein kann, wohin ihre Steuern fließen. Dieser Gedanke lässt nun die Schlussfolgerung zu, dass die wahren "Opfer" der römischen Abgabenpolitik die germanischen Fürsten sind, von denen einige daher den Aufstand gegen die Besatzer wagen. Eine Hypothese, durch nichts belegt. Doch das gilt auch für andere Ansätze zur Erklärung der Varusschlacht.

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