Botschaften auf Tontafeln

Schwierige Übersetzung der Keilschrift-Tontafeln

Über Jahrtausende schien Qatna wie vom Erdboden verschluckt. Auf einem Satellitenbild ist jedoch - hundertfünfzig Kilometer nordöstlich von Damaskus - eine Erhebung zu erkennen: die Überreste der Residenz, umgeben von einem trutzigen Wall. Noch heute ragt er bis zu zwanzig Meter zum Himmel empor.

Vor wenigen Jahren wagte sich ein Team aus Syrern, Italienern und Deutschen mit dem Tübinger Archäologen Professor Peter Pfälzner an die erste umfassende Untersuchung der gesamten Anlage.

Unscheinbare Lehmklumpen

Das natürliche Plateau im Zentrum des Geländes haben die Baumeister im Altertum um ein Vielfaches erhöht. Der Grundriss des bebauten Areals gleicht einem riesigen Stempelabdruck - die letzten Reste eines imposanten Palastes. Doch auch unscheinbare Fundstücke können Geheimnisse preisgeben - wie zum Beispiel ein Lehmklumpen, der zu einer Siegelabrollung aus Ton gehört. Benutzt, um Eigentum zu kennzeichnen oder Verträge zu unterschreiben. Eingedrückt mit einem Siegel aus kostbarem Amesthyst. Es zeigt den ägyptischen Reichsgott Amun mit der Doppelfederkrone sowie andere typische Motive.

Während der Grabungskampagne im Sommer 2002 konzentriert sich das Team auf die Freilegung eines Korridors. Das Bodenniveau liegt mehrere Meter tief. Wohin der lange Gang führt, weiß niemand. Auf die Frage aber, wie die Stadt unterging, liefern die lehmigen Wände eine klare Antwort. Deutliche Ruß-Spuren künden den Forschern von einem verheerenden Brand. Ausgerechnet das Feuer hat Nachrichten über das Leben der Stadtbewohner in die Gegenwart gerettet. Inmitten der Brandschicht entdeckt ein Grabungsarbeiter eine Tontafel. Das von den Flammen konservierte Fundstück ist für die Archäologen wertvoller als Gold. Die Einkerbungen darauf identifizieren sie als Keilschrift. In der damaligen Schriftsprache wurden Kaufverträge, Inventurlisten oder auch königliche Erlasse verfasst.

Ein Glücksfall

Es bleibt nicht bei dem einen Exemplar. Die begehrten Objekte tauchen an verschiedenen Stellen im Korridor auf. Insgesamt 73 Stück holt das Team unbeschädigt ans Tageslicht. Auf einem zerbrochenen Teller liegen sogar gleich mehrere Tafeln. Das kleine Archiv weckt die Hoffnung, mit einem Schlag viele ungelöste Geheimnisse um Syrien zu entschlüsseln.

Im Vorderasiatischen Museum in Berlin lagert eine bedeutende Sammlung alter Tontafeln. Philologe Dr. Thomas Richter, der weltweit führende Spezialist für Sprachen des Alten Orients, knobelt dort seit mehr als zwei Jahren an der schwierigen Übersetzung der Botschaften aus Qatna. Die meisten Texte versteht Richter auf Anhieb. Sie sind in Akkadisch verfasst, seinerzeit eine international übliche und heute gut erforschte Sprache. Sogar einen Namen kann er entziffern. Idanda, König von Qatna. Die Inschriften entpuppen sich als Korrespondenz des Palastes. In einem Fall auch als Befehl des Regenten, seine Armee umgehend aufzurüsten.

Unverständliche Passagen

Die Quellen dokumentieren Bestellungen an die palasteigenen Schmiede-Werkstätten. Schwerter aus Bronze - lautet der Auftrag. Doch das besondere ist die Stückzahl. 18.600 Waffen verlangt der Herrscher. Ein Arsenal, das in jener Zeit nur Großmächte herstellen können. Etwa vierzig Tonnen Kupfer und Zinn benötigen die Männer, um die Order auszuführen. Wenn Idanda über eine derartige Menge an Rohstoffen verfügt, muss Qatna außergewöhnlich reich gewesen sein. Dass er das Material auf einen Schlag zu Waffen verarbeiten lässt, deutet vielleicht auf einen drohenden Krieg. Mehr geben die Quellen zunächst nicht preis. Immer wieder scheitert Philologe Richter an unverständlichen Begriffen oder Textpassagen. Sie sind zwar in der ihm vertrauten Keilschrift geschrieben, gehören aber nicht zur akkadischen Sprache.

Doch Thomas Richter gelingt es, die unbekannten Satzteile als "hurritisch" zu identifizieren. Eine Sprache, von der bisher kaum mehr als der Name bekannt ist. Hurritische Wörter wurden damals in den Sprachgebrauch aufgenommen - so wie heute englische Redewendungen ins Deutsche. Die Inschriften erzählen vom Leben in Qatna, vom märchenhaften Reichtum, von Teppichmanufakturen und Schmiedewerkstätten, in denen Hunderte von Handwerkern für den Herrscher arbeiteten. Ein Dokument listet den Besitz einer Hofdame auf: 200 Messer aus purem Gold und Bestecke aus Lapislazuli nennt sie ihr eigen.

Machenschaften der Könige

Die Tafeln erzählen auch von den politischen Machenschaften der Könige. Als erfolgreicher Diplomat geht Ischi-Addu, der im 18. Jahrhundert vor Christus regiert, in die Geschichte ein. Perfekt beherrscht er das Spiel von Geben und Nehmen mit seinen Kollegen in den benachbarten Stadtstaaten. Sogar als Gerichtsherren entscheiden die Regenten von Qatna über einige Territorien an der Mittelmeerküste. Taktisch klug verheiratet Ischi-Addu seine Tochter Beltum mit dem König von Mari. Die unglückliche Braut jedoch beschwert sich in bitteren Briefen - allerdings nicht über den ungeliebten Ehemann, sondern weil ihr neues Heim nicht standesgemäß ausgestattet ist. Auch schon in jenen Tagen fordert Heiratspolitik ihren Tribut.

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