Brasilien - Jeder Tropfen zählt

Die verborgenen Wege des Wassers

Überflug über die Iguacu-Fälle in Brasilien

Dokumentation | Terra X - Brasilien - Jeder Tropfen zählt

In den trüben Fluten des Amazonas trifft Dirk Steffens besondere Flussbewohner - die nicht besonders viel Respekt zeigen ... Mehr in der Sendung: "Faszination Erde: Brasilien - Jeder Tropfen zählt"!

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Wasser: Kraftvoll beherrscht das Element die Wildnis Brasiliens, wo sich der mächtigste Fluss der Erde, der Amazonas, durch den Regenwald schlängelt. Im Süden am Iguaçu, einem der beeindruckendsten Wasserfälle der Welt, stürzen gewaltige Wassermassen in die Tiefe. Doch es gibt hier auch Regionen, die von Trockenheit und Dürre heimgesucht werden. Zwischen Überfluss und Armut zeigt sich in Brasilien die unheimliche Macht des Lebenselixiers.

Die Regenwälder im rund sieben Millionen Quadratkilometer großen Amazonasbecken erstrecken sich fast über die gesamte nördliche Hälfte Südamerikas und das Staatsgebiet von neun Ländern. Den weitaus größten Anteil daran hat Brasilien. Wegen seiner gigantischen Ausmaße spielt der Amazonas-Regenwald im globalen Wasserkreislauf eine tragende Rolle: Seine Bäume nehmen Regenwasser über ihre Wurzeln auf und verdunsten es über die Blätter. 70 Prozent aller Niederschläge im Amazonasgebiet sind „baumgemacht“. Von den Wassermengen, die hier niedergehen, profitiert eine unvergleichliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Doch der Segen, den die Tropfen bringen, ist zugleich der Fluch des Waldes.

Artenreichtum gründet sich auf Mangel

Luftwurzeln eines Epiphyten (Nahaufnahme)
Manche Pflanzen gewinnen mit speziellen Wurzeln Feuchtigkeit aus der Luft.

Der stetige Wasserkreislauf laugt die Böden aus. Mineralstoffe werden fortgespült, den Pflanzen droht dadurch ein permanenter Mangel. Dass sie dennoch üppig wachsen, ist einem perfekten Recycling zu verdanken. Alles, was stirbt, wird rasch zersetzt und wieder zu neuer Biomasse aufgebaut. Nichts geht verloren. Eine weitere Konsequenz aus dem Mangel: Gerade weil der Boden so nährstoffarm ist, gedeiht der Wald so artenreich. Denn jede Pflanze musste eine eigene Strategie entwickeln, um trotz des Nährstoffmangels überleben zu können.

Die Spezialisierung hat eine unvergleichliche Vielfalt geschaffen: Über 40.000 Pflanzenarten hat man bis jetzt hier erfasst. Epiphyten oder Aufsitzerpflanzen beispielsweise leben in den oberen Etagen des Regenwalds, wo mehr Sonnenlicht verfügbar ist. Sie heften sich mit ihren Wurzeln an die Äste oder siedeln in den Astgabeln von Bäumen. Um fern vom Boden an Wasser zu gelangen, nutzen sie verschiedene Tricks. Sie sammeln zum Beispiel Regenwasser in trichter- oder kelchförmigen Blättern und Blüten oder bilden Luftwurzeln aus, um Wasser und Nährstoffe aus der Luft aufzunehmen. Viele epiphytisch wachsende Farne haben ein Wurzelgeflecht, in dem sich Humus und Feuchtigkeit sammelt. Manche Pflanzen besitzen wie Kakteen fleischige Blätter, um Wasser zu speichern. Die unterschiedlichen Welten in den unterschiedlichen vertikalen Zonen des Regenwalds sind durch ein engmaschiges Netz miteinander verwoben. An allen Fronten herrscht Konkurrenz um die begrenzten Ressourcen.

Der Dünger kommt aus Afrika

Verbringung des Saharastaub von Nordafrika nach Südamerika (Grafik)
Von Afrika zieht Saharastaub über den Atlantik bis nach Südamerika.

Insgesamt ist die Nährstoffbilanz des Waldes negativ, das heißt, die Pflanzen entnehmen dem Boden mehr, als sie ihm zurückgeben können. Das bedeutet aber, dass irgendwoher der Dünger kommen muss, der den Kreislauf des Lebens in Schwung hält. Und genau das ist der Fall. Saharasand aus Nordafrika wird mit den globalen Windsystemen über den Atlantik getragen. Diese Sandkörner haben es in sich: Dort wo heute nichts als Wüste ist, gab es in früheren Erdzeitaltern große Seen und sogar einen Ozean. Darin tummelten sich die Kleinstlebewesen. Abgestorben sank das Plankton auf den Meeresboden. Als die Gewässer austrockneten, blieb der Sand zurück. In ihm war das organische Material des Planktons gebunden. Saharastaub ist also Dünger, und wenn der Wasserdampf in den Wolken an den Staubkörnern kondensiert, bilden sich große Tropfen. Regnen die Wolken dann ab, bringen sie die kostbare Fracht in den Dschungel.

Historische illustrierte Karte des Amazonas
De Orellana befuhr als erster Europäer den Amazonas von West nach Ost.

Der größte Teil aller Mineralstoffe, die der Wald benötigt, gelangt über den Saharastaub hierher. Dennoch bleibt der Regenwald Mangelgebiet. Das mussten auch die Menschen erfahren, die hier seit Tausenden Jahren leben: Der karge Boden eignet sich nicht für ertragreiche Landwirtschaft. Lange Jahre waren viele Forscher überzeugt, dass sich die Amazonasindianer aus diesem Grund niemals zur Hochkultur entwickeln konnten. Dabei gibt es von den ersten europäischen Entdeckern ganz anders lautende Berichte. Anfang des 16. Jahrhunderts befuhr der Spanier Francisco de Orellana als erster Europäer den Amazonas von den Anden bis zur Mündung. Die Berichte über seine Reise erzählen von ausgedehnten Städten, die von vielen Menschen bevölkert sind. Spätere Entdecker, von den Aufzeichnungen  des Spaniers angelockt, konnten jedoch nichts davon wiederfinden. So verschwanden die Erzählungen von Francisco de Orellana im Reich der Mythen.

Schatz der Indianer

Hunderte Jahre später entdeckten Archäologen etwas Sensationelles: fruchtbare Erde mitten im Regenwald. Sie ist von Menschen gemacht – das belegen Tonscherben und andere Fundstücke. Die schwarze Erde, Terra preta auf Portugiesisch, ist wahrscheinlich per Zufall entstanden: Dort wo in menschlichen Siedlungen Speiseabfälle verrotteten, wurden auch verkohlte Holzreste abgeladen. Was daraus entsteht, lässt – wie Dünger – Pflanzen besser gedeihen. Denn Holzkohle hat besondere Eigenschaften. An ihrer porösen Oberfläche können sich Nährstoffe und Mineralien festsetzen, sodass das Wasser sie nicht mehr auswaschen kann.

Mit der Terra preta kamen die Indios in den Besitz eines kostbaren Schatzes. Sie waren nun in der Lage, Landwirtschaft im kargen Regenwald zu betreiben und viele Menschen zu ernähren. Forscher haben bis heute unzählige solcher Zentren gefunden. Nach ihren Schätzungen lebten damals mehr als fünf Millionen Menschen entlang des Amazonas.

Energie aus Wasserkraft – ein zweischneidiges Schwert

Amazonas (Luftaufnahme)
Viele Nebenflüsse des Amazonas sind durch Stauseen und -dämme unterbrochen. Quelle: ZED

Heute werden am Amazonas und an seinen Nebenflüssen riesige Wasserkraftwerke betrieben, um Millionenstädte wie Manaus mit Strom zu versorgen – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Wildnis. Brasilien deckt 80 Prozent seines Energiebedarfs aus Wasserkraft. Für die Energiegewinnung aus Wasserkraft müssen Dämme und Kraftwerke gebaut werden. Ein echtes Dilemma, denn einerseits gilt Energie aus Wasserkraft als sauber und klimafreundlich, weil bei der Stromerzeugung selbst keine Kohlendioxid-Emissionen anfallen.

Andererseits fragen sich viele, ob sich der gewaltige Aufwand überhaupt lohnt: Um die Turbinen anzutreiben, muss ein Gefälle erzeugt werden. Dazu staut man die Nebenflüsse des Amazonas zu großen Seen auf. Riesige Flächen Tropenwald werden dabei geflutet, Millionen Bäume, die Kohlendioxid aus der Luft binden und somit dem Treibhauseffekt entgegenwirken, gehen verloren. Tausende Menschen müssen umgesiedelt werden. Anderen Menschen, beispielsweise Indianervölkern, die die reichen Fischgründe im Einzugsgebiet des Amazonas nutzen, wird die Lebensgrundlage entzogen. Eines ist augenfällig: Die Wege des Wassers zu stören kann ungeahnte Folgen haben.

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