Brennende Dornbüsche

Vulkanausbrüche als göttliche Erscheinungen

Die Beschreibungen aus dem Exodus-Buch der Bibel, so unbestimmt und so stark sie durch die lange Überlieferung verändert sein mögen, entsprechen in frappierender Weise den Beobachtungen bei Vulkanausbrüchen. Auf der ganzen Welt erscheinen ausbrechende Vulkane tagsüber von Wolken verhüllt, während erst nachts die aus dem Krater herausschießenden, glühenden Eruptionssäulen mit ihrem verzweigten Netz aus zerrissener Lava sichtbar werden, und dem Betrachter durchaus das Bild eines brennenden Dornbusches in den Sinn kommen lassen können.

"Gott aber zog vor ihnen her: Bei Tag als Wolkensäule und bei Nacht als Feuersäule, um sie zu führen." (Exodus 13:21)

"Und es geschah am dritten Tag, als es Morgen wurde, da brachen Donner und Blitze los, und eine schwere Wolke lagerte auf dem Berg, und ein sehr starker Hörnerschall ertönte, sodass das ganze Volk, das im Lager war, bebte. Mose aber führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen, und sie stellten sich am Fuß des Berges auf. Und der ganze Berg rauchte, weil der HERR im Feuer auf ihn herabkam. Und sein Rauch stieg auf wie der Rauch eines Schmelzofens, und der ganze Berg erbebte heftig." (Exodus 19:16-18)

Religiöse Verehrung von Vulkanen weltweit

Hans-Ulrich Schmincke
Vulkanologe Hans-Ulrich Schmincke

Die Druckwellen, die bei großen Vulkanausbrüchen entstehen, können so gewaltig sein, dass sie sich über die ganze Erde ausbreiten, wie nach der berühmten Eruption des Krakatau im August 1883. Auch elektrische Entladungen in den mit rasender Geschwindigkeit aus Kratern herausquellenden Wolken sind häufige Begleiterscheinungen bei explosiven Ausbrüchen, ebenso wie starke Erdbeben. Feurige Lavaströme oder Glutlawinen, welche die Vulkanhänge hinabfließen, könnten mit dem Satz "weil der Herr im Feuer auf ihn herabkam" gemeint sein. Die biblischen Überlieferungen sind aber keineswegs die einzigen Texte, die vulkanische Erscheinungen mit Gott oder dem Göttlichen in Verbindung bringen.

Seit Jahrtausenden spielen Vulkane eine gewaltige spirituelle Rolle auf vielen Kontinenten. Noch heute werden sie religiös verehrt – nicht nur in hinduistischen Kulturen wie auf Bali, sondern auch in hoch technisierten Ländern wie Japan. Vulkane, insbesondere die sehr aktiven und solche, deren vergangene Eruptionen mythisch überliefert sind, galten in Südamerika, Kulturen des pazifischen oder mediterranen Raums seit jeher als Unheilbringer, nach christlicher Auffassung auch als Tor zur Hölle. Im Gegensatz zu Erdbeben waren sie als sichtbare, oft unnahbare und majestätische Vulkanberge sinnlich erfahrbar. In allen Kulturkreisen galten sie als Sitz der Götter und waren Gegenstand höchster Verehrung, die – wie oft im Leben – mit Angst gepaart war.

Historische Vulkanausbrüche auf der Arabischen Halbinsel

Lavafeld in Saudi Arabien
Lavafeld in Saudi Arabien

Dass die biblischen Beschreibungen bislang nicht mit realen Vulkanen in Verbindung gebracht wurden, mag auch daran liegen, dass es auf dem traditionellen Gebiet des biblischen Geschehens – Ägypten, Sinai, Palästina – keine aktiven Vulkane gibt. Wenn man Vulkane in den Regionen sucht, muss man den Blick weiter nach Süden richten. Auch Saudi-Arabien assoziiert man gemeinhin nicht mit aktiven Vulkanen. Aber eben dort, im Westen der Arabischen Halbinsel, finden sich riesige Lavafelder, einige über 300 Kilometer in Länge – die sogenannten Harrats. Sie sind entlang von kilometerlangen Spalten entstanden, die sich parallel zur Küste des Roten Meeres auftaten. Das Rote Meer-Becken selbst bildete sich, nachdem die arabische Halbinsel vor zirka 40 Millionen Jahren begonnen hatte, sich vom afrikanischen Kontinent zu trennen. Der Prozess ist keineswegs zu Ende. Auch heute bewegen sich Afrika und Asien mit einer Ausbreitgeschwindigkeit von etwa ein bis zwei Zentimeter pro Jahr voneinander weg.

Der bekannteste, 52 Tage dauernde, historische Vulkanausbruch auf der Arabischen Halbinsel ereignete sich am Nordrand des größten Lavafeldes Harrat Rahat im Jahre 1256 nach Christus. Über einer etwa zwei Kilometer langen Spalte bauten sich sechs Schlackenkegel auf. Ein 23 Kilometer langer Lavastrom ergoss sich bis wenige Kilometer vor Medina, der heiligen Stadt des Islam, in der der Prophet Mohammed gestorben war.

Drohende Eruption

Erst vor wenigen Jahren, vom April bis Juni 2009, erschütterten bis zu 30.000 Erdstöße das Harrat Lunayyir, dem jüngsten Lavafeld zirka 400 Kilometer nördlich von Medina. 30.000 Menschen wurden evakuiert, weil man eine drohende Vulkaneruption befürchtete. Ein acht Kilometer langer, klaffender Riss hatte sich an der Erdoberfläche aufgetan, vermutlich weil frisches, aufsteigendes Magma die Erdkruste auseinanderdrückte. Zum Glück blieb das Magma in der Tiefe stecken, aber ein neuer Vulkanausbruch in diesem Gebiet wäre nicht ungewöhnlich.

In der Tat gehört die Schlackenkegel- und Lavastromlandschaft des Harrat Lunayyir zu den eindrucksvollsten auf der Erde. Der Begriff Mondlandschaft wäre nicht nur wegen der fehlenden Vegetation passend. Denn die Oberflächenformen und die extreme Frische der Laven und Aschen lassen keinen Zweifel daran, dass die Vulkane ganz jung sind, das heißt wenige hundert bis wenige tausend Jahre alt, auch wenn sich Formen und Farben in diesem Wüstengebiet lange halten. Vor allem eine weit verbreitete Schicht aus schwarzen Aschen ist ein klarer Hinweis dafür, dass einige ganz junge Vulkanausbrüche hochexplosiv waren, und mit ihren glühenden Eruptionssäulen von vielen Kilometern Höhe auf weite Entfernungen sichtbar gewesen sein müssen.

Wahrscheinlicher Ausbruch um 1300 v. Chr.

Es gibt keine verlässlichen historischen Zeugnisse, die eine Datierung jüngster Vulkanausbrüche in der Region ermöglichen könnten. Und eine physikalische Datierung ist bei ganz jungen basaltischen Vulkanen naturgemäß schwer. Die biblischen Verweise auf Vulkanausbrüche müssten daher mit naturwissenschaftlichen Methoden überprüft werden. Dass ein ganz junger Vulkanausbruch um 1300 Jahren vor unserer Zeitrechnung stattfand und sich in der biblischen Überlieferung niederschlug, erscheint aber zumindest wahrscheinlich. Dass man im Harrat Lunayyir auch heute noch – und in Zukunft – mit Vulkanausbrüchen rechnen muss, beweisen der extreme Erdbebenschwarm und die kilometerlange Spalte aus dem Jahre 2009.

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