Brunftzeit in der Tundra

Moschusochsen und Karibus im Paarungsfieber

Im Herbst, wenn die Tage wieder kürzer werden, verändert sich in der Strauchtundra die Farbe der Zwergweiden und -birken, der Blaubeer- und anderer Sträucher. Es ist ein Naturschauspiel von ergreifender Schönheit, wie es sich nur noch in den weiter im Süden gelegenen Laubwäldern vollzieht. Für die in der Tundra beheimateten Moschusochsen und Karibus beginnt im Herbst die Paarungszeit.

Moschusochsen
Moschusochsen Quelle: ZDF

Die Pflanzenzellen produzieren kein Chlorophyll mehr, sondern rote und gelbe Pigmente. Riesige Flächen der Tundra verwandeln sich in die farbenprächtige Kulisse eines eindrucksvollen Vorgangs: Die Brunftzeit des Moschusochsen fällt in den Frühherbst. Sobald die Weibchen fruchtbar werden, strebt jeder Bulle nach einer Herde von bis zu 20 weiblichen Tieren. Er beginnt an den Sträuchern seines Reviers Duftmarken zu setzen und verwendet dazu das Sekret aus Drüsen am Kopf, die den Duftstoff Muskon absondern, von dem der Name Moschusochse (Ovibos moschatus) herrührt.

Wuchtige Kollisionen

Zwei Moschusochsen streiten um Weibchen
Zwei Moschusochsen streiten um Weibchen Quelle: ZDF

Ein tiefes rumpelndes Röhren verkündet die Annäherung eines Nebenbuhlers. Der Herdenführer röhrt zurück und beginnt mit den mächtigen Hörnern den Boden aufzureißen. Dann stolzieren die beiden Kontrahenten auf und ab, um die Kraft des Gegners abzuschätzen. Langsam weichen beide Tiere mit wiegenden Köpfen zurück, um in vollem Galopp aufeinander zu zu preschen, wobei Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometer erreicht werden.

Die massiven Schädel prallen mit einem lauten Krachen gegeneinander, und unter der Einwirkung der Schockwellen bewegen sich die Haare des Fells wie bei einer Sturmbö. Dass die Tiere eine so wuchtige Kollision überleben, liegt an den massiven Hörnern und dem besonders starken Stirnbein. Für gewöhnlich genügen einige wenige dieser brutalen Rammstöße, bis einer der beiden das Weite sucht.

Mächtiges Geweih

Zwei Karibus streiten um Weibchen
Zwei Karibus streiten um Weibchen Quelle: ZDF

Mitte September ist auch beim Karibu, dem kanadischen Rentier, Brunftzeit. Fünf Monate hatten die Hirsche Zeit, ein Geweih auszubilden - das größte in der Tierwelt. Das des Elchs ist zwar schwerer, aber im Verhältnis zum Körpergewicht ist das des Karibus imposanter. Ein charakteristisches Merkmal des Karibugeweihs sind die sogenannten Schaufeln, die wie Hände mit gespreizten Fingern dicht über der Stirn nach vorn ragen. Sie werden zur Verteidigung eingesetzt und sollen die Augen vor den Geweihspitzen des Gegners schützen. Wie kräftig und gesund ein Karibu ist, lässt sich an der Größe seines Geweihs ablesen. Es wird jedes Jahr abgeworfen und wächst größer wieder nach. Nach fünf bis sechs Jahren hat es seine Endgröße erreicht.

Mit Ankunft des Herbstes verändern sich Aussehen und Verhalten der Hirsche. Der Hals beginnt anzuschwellen, und sie werden aggressiv. Ein kurzer Schlagabtausch von 30 Sekunden genügt, um Maß zu nehmen. Erst verschränken die rivalisierenden Tiere vorsichtig die Geweihstangen, dann beginnt mit Schieben und Stoßen das eigentliche Kräftemessen. Der Entscheidungskampf steht allerdings noch bevor und wird erst zur Paarungszeit zwischen Oktober und Anfang November ausgetragen.

Massenwanderung im Nordpolargebiet

Bei der Verteidigung seines Harems gegen Nebenbuhler kennt der Karibu-Platzhirsch keine Rücksicht, und nur Tiere, die ihm an Kraft und Statur ebenbürtig sind, wagen es, ihn herauszufordern. Das Risiko, schwer verwundet oder sogar getötet zu werden, ist groß, und auch die Paarung kostet Kräfte. Manch einer übersteht den Winter nicht. Sobald die Paarungszeit vorüber ist, wirft der Karibuhirsch das Geweih ab. Das weibliche Tier - das Rentier ist die einzige Hirschart mit geweihtragendem Weibchen - behält das seine bis nach der Geburt der Jungen im Frühjahr.

In jedem Herbst setzen sich die etwa zwei Millionen Karibus in der kanadischen Arktis wieder nach Süden ab, um nicht von einem Wintereinbruch überrascht zu werden. Damit beginnt die größte Massenwanderung im Nordpolargebiet, wenn auch gemächlicher als in Richtung Norden im Frühling, wenn wegen der bevorstehenden Niederkunft der Weibchen Eile geboten ist. Die meisten Herden bewegen sich mit einer Marschgeschwindigkeit von maximal 65 Kilometer pro Tag. Bis zur Baumgrenze, wo sie Winterquartier nehmen, sind es 800 Kilometer. Dort finden sie Schutz vor den eisigen Winden und ernähren sich notdürftig von Flechten unter dem Schnee und Weidenzweigen.

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