Buddhistischer Mythos

Auf der Suche nach dem unentdeckten Paradies

Der Weg nach Shangri La führt mitten hinein ins höchste Gebirge der Welt. Die einzig mögliche Route nach West-Tibet ist der Flug über die Bergriesen des südlichen Himalaja. Von dort geht es über fast 5000 Meter hohe Pässe nur zu Fuß weiter.

Ein Buschflugzeug bringt Bruno Baumann auf den letzten Flugplatz jenseits der Schneegipfel nach Simikot. Ein Ort, bestehend aus einigen Dutzend Häusern und ein paar hundert Metern Graspiste an einem Berghang. Mindestens zwölf Mal ist der deutsche Abenteurer hier schon gelandet. Doch mit seiner jüngsten Expedition hofft er in Sperrgebiete vorzustoßen, die noch kaum ein Mensch betreten konnte.

Herzlicher Empfang

In Simikot warten Sherpas auf Bruno Baumann, erfahrene, erprobte Männer des hier lebenden Bergstammes. Er kennt sie seit vielen Jahren und vertraut ihnen. Auf dieser Reise darf es keine unliebsamen Überraschungen geben. Der Anführer seines Expeditionsteams bringt den Tibetforscher zum Dorfplatz. Die Frauen begrüßen die Mannschaft auf traditionelle Weise mit Yakbutter. Es ist ein herzlicher Empfang. Fast so, als sei der Weltreisende hier zu Hause, und endlich heimgekehrt. Baumann wird mit Tsampa bewirtet, gerösteter Gerste, dem Hauptnahrungsmittel der Tibeter.



Ein letztes Mal geht Bruno Baumann mit seinen Sherpas die Route durch. Tibet ist ungefähr so groß wie Westeuropa. Die Expedition wird von Nepal aus in die westtibetische Hochebene führen, eines der am wenigsten erforschten Gebiete der Welt. Anfangs entlang des Humla Karnali. Dann weiter, über den 4600 Meter hohen Nara La Pass zum heiligen Berg Kailash. Von dort aus will Baumann dem Sutlej nach Westen folgen, in kaum bekanntes Gebiet.

Mehr als eine schöne Legende?

Die Ausrüstung wird auf Maultiere und Yaks verladen. Der erfahrene Globetrotter ist auf alles vorbereitet, selbst wildwassertaugliche Schlauchboote lässt er durch den Himalaja schleppen. Ein gewagtes Unternehmen, aber nur mit einer Expedition kann er herausfinden, ob Shangri La mehr ist als eine schöne Legende. Die Reiseroute folgt den wenigen Angaben, die in der Shangri La Legende überliefert sind.





Shangri La ist der Inbegriff für einen Sehnsuchtsort. Für die Buddhisten ist es Shambala. Einerseits phantastische Vision, andererseits konkreter Ort, geographisch festgehalten von tibetischen Mönchen, die angeblich dort waren. Wurzelt die märchenhafte Geschichte in einem untergegangenen Königreich?
Der buddhistische Mythos ist die Inspiration für "Lost Horizon", einen amerikanischen Roman von James Hilton ("Der verlorene Horizont") und einen Film von Frank Capra ("In den Fesseln von Shangri-La"), beides riesige Erfolge beim Publikum der 30er Jahre.

Friedvolle Gesinnung



Nach einer Notlandung im Himalaja werden vier Amerikaner von seltsamen Mönchen gerettet. Ihre friedvolle, sanfte Gesinnung erfüllte die Sehnsüchte der Amerikaner in den angstgeprägten Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Man führt die Überlebenden in ein Kloster, das nur durch einen geheimen Tunnel erreichbar ist. Das heilige Refugium wird von einem fast 200-jährigen Abt geleitet.
In Shangri La hüten wenige Eingeweihte die geistigen Schätze der Menschheit. Ein Paradies, das nicht entdeckt werden will und darf, bis die Gesellschaft die Reife dafür erlangt hat. Werden die Geretteten das kostbare Geheimnis bewahren?

Bittere Ironie, dass Baumanns Expedition diesen Menschheitstraum im heutigen Tibet sucht. Einem Land, das seit 1949 gewaltsam von Rotchina besetzt wird, dessen buddhistische Kultur systematisch zerstört wird. Himalaja, das klingt nach Schneegipfeln und eisiger Kälte. Aber auf der Südseite sorgt der Monsun für üppiges Grün zwischen den Felsen und angenehme Temperaturen. Auch wenn jede Bewegung schwer fällt, weil die Luft in 4000 Meter Höhe sehr dünn ist. Viele buddhistische Mönche mussten aus Tibet fliehen, fanden im Süden Zuflucht, hinter den schützenden Schneeriesen in Nepal. Dort bauten sie ihre Klöster wieder auf, ritzten heilige Silben in die Steine und errichteten Chörten, die ihr Weltbild symbolisch darstellen.

Tibetisches Wissen

Im Kloster Yalbang hofft Baumann Hinweise auf Shambala zu erhalten. Es sind die Mönche, die das tibetische Wissen bewahren. Sie geben es von Generation zu Generation mündlich weiter. Alles geht auf einen großen Lehrer, einen Missionar zurück, der vor 1250 Jahren auf demselben Weg ins Land kam: Padhmasambava. Er brachte um 750 den Buddhismus von Indien nach Tibet.


Alles Leben ist leidvoll, lehrte Buddha vor 2500 Jahren in Indien. Die Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung. Erlöschen die Ursachen, verschwindet das Leiden. Das richtige Denken, das richtige Tun, die wahre Natur der Wirklichkeit zu erkennen, beendet den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Die friedvolle Lehre Buddhas schrieben seine Schüler in Bücher aus Palmblättern. Als Wandermönche verbreiteten sie sein Wissen in ganz Asien. In Tibet fiel es auf fruchtbaren Boden. Die Blattform der tibetischen Klosterschriften erinnert bis heute an die tropische Herkunft des Buddhismus.

Spirituelle Einsichten



Yalbang ist ein bedeutendes Kloster. Was wissen seine Mönche über Shambala? Der Lama zeigt Baumann eines der wichtigsten Bücher des Buddhismus, "Das Rad der Zeit", eine Einweihung in Kalachakra. Diese uralte Schrift eröffnet höchste spirituelle Einsichten für den Weg zur Erleuchtung. Geschrieben in Shambala, blieb das Buch bis etwa 1000 nach Christus geheim, da die Zeit noch nicht reif war, es unter den Menschen zu verbreiten. Baumann will wissen ob es Shambala in Wirklichkeit gibt, und ob er wisse, wo es liegt. Es liege am Berg Kailash, meint der Oberlama.

Kailash, der heilige Berg, ist das nächste Ziel auf dem Weg nach Shambala, nach Tibet. Das bedeutet fünf Tage zu Fuß durch den Himalaja und Aufstieg auf 4700 Meter. Am Nara La Pass wehen Fahnen, der Wind soll die Worte Buddhas über das Land tragen. Die Natur wird geheiligt. Auf der Passhöhe wirft jeder Wanderer einen Stein. Gemäß der Tradition umrunden Buddhisten solche Hügel immer im Uhrzeigersinn.




Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet