Champollion und die Kirche

Die Entzifferung bringt die offizielle Lehre in Gefahr

Jean-François Champollions Erkenntnisse bergen Sprengstoff. Schon seit langem beobachten die Würdenträger der katholischen Kirche seine Arbeit. Sie fürchten, der Franzose könne die Welt älter datieren als die Bibel dies tut.

Bislang galt die Schöpfungsgeschichte mit der Sintflut als Beginn der Menschheit.

Leben vor der Sintflut

Wenn die Ägypter aber schon vor dem Ereignis existierten und die Naturkatastrophe sogar überlebten, wäre die offizielle Lehre der Kirche in Gefahr. Am ersten Buch Mose orientiert sich das Datum, das die heilige Institution für den Beginn der Erde festgelegt hat - nämlich um das Jahr 2349 vor Christus. Die Erschaffung des blauen Planeten durch Gott kann ihrer Meinung nach auf keinen Fall früher geschehen sein.

Am 27. September 1822 stellt Jean-François Champollion in der ehrwürdigen Akademie der Inschriften seine Forschungsarbeit zum ersten Mal vor. Die gesamte Elite der Hieroglyphen-Forscher ist erschienen, auch diejenigen, die an der Richtigkeit von Champollions Theorie zweifeln. Auch die Würdenträger der katholischen Kirche sind zugegen. Sie fürchten sich, sollte sich Champollions Theorie bewahrheiten, vor Enthüllungen aus der Zeit des alten Ägyptens durch die lückenlose Entzifferung der Hieroglyphen. Ihr Plan: Champollion soll in seinen Forschungsaktivitäten aufgehalten werden. Zumindest sollen Ergebnisse vor Veröffentlichung geprüft werden, denn sie drohen, die offizielle Lehre ins Wanken zu bringen.

Existenz steht auf dem Spiel

Als Jean-François Champollion eine Kartusche der Königin Arsinoë datieren soll, ist dies ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Das fachliche Urteil ebnet dem Forscher womöglich den Weg ins Land am Nil - zumindest wenn die Vertreter von König Ludwig XVIII. und der Kirche seine Äußerungen billigen. Ein falsches Wort aber könnte auch das Ende seiner noch jungen Karriere bedeuten. Die Existenz des unbeugsamen Franzosen steht auf dem Spiel. Doch das Fundstück wird zur Erleichterung der Kirche in die Zeit nach der Sintflut datiert.



Champollions Ruhm dringt bis hinter die Mauern des Vatikan in Rom. Papst Leo XII. gewährt ihm eine Privataudienz, um den Mann zu beglückwünschen, der durch seine Expertise die Lehre der Kirche gestützt hat. Beeindruckt berichtet er davon seinem Bruder Jacques-Joseph in einem Brief.

Abgelehnte Offerte

Mit dem Segen des Papstes ist Champollion ein gemachter Mann. In seiner Begeisterung bietet der Heilige Vater dem neuen Günstling sogar einen hohen Posten an. Er soll den Kardinalshut nehmen. Der erstaunte Jean-François lehnt die Offerte mit der Bemerkung ab, er sei schließlich verheiratet und habe ein Kind. Keine günstige Voraussetzung für einen kirchlichen Würdenträger. Und auch gar nicht in Champollions Sinn, denn ihn lockt die Reise nach Ägypten. Doch vorher muss der wahrheitsliebende Champollion zähneknirschend akzeptieren, dass Enthüllungen, die biblische Fakten widerlegen, nicht veröffentlicht werden dürfen.


Das, was Jean-François Champollion im März 1829 in der Grabanlage des Priesters Menepher entziffert, versetzt ihm einen Schock. Die letzte Ruhestätte des Priesters stammt aus der 5. Dynastie. Das heißt aus einer Zeit, die vor der Sintflut im Jahr 2349 vor Christus liegt.

Brisante Erkenntnis

Der Gelehrte hat zwar den Ursprung der Welt noch nicht enträtselt, aber er weiß, dass die Bibel nicht in allen Punkten ein historisches Dokument ist. Eine brisante Erkenntnis, die er Zeit seines Lebens nicht preisgibt.

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