Chat-Protokoll

Fragen und Antworten zu "Der Neandertaler" (Teil 1)

Privatdozent Dr. Ralf W. Schmitz ist Prähistoriker an der Universität Tübingen und am Rheinischen Landesmuseum Bonn. Der Wissenschaftler ist Deutschlands Neandertaler-Experte Nummer eins und damit die Idealbesetzung für die wissenschaftliche Beratung des Films. Im Anschluss an die Sendung stellte sich der Wissenschaftler den Fragen der User.

Geschichte des Neandertalers


Frage: Warum sind die Neandertaler ausgestorben?

Ralf Schmitz: Das wissen wir noch nicht so genau. Vielleicht haben die modernen Menschen sie verdrängt.


Frage: Wie viele Neandertaler lebten in der Hochzeit dieser Kultur?

Ralf Schmitz: Vielleicht 250.000 in Europa und im Nahen Osten.


Frage: Woraus leiten Sie die Zahl von 250.000 Neandertalern ab?

Ralf Schmitz: Diese beruht auf Vergleichen aus der Völkerkunde, aber es ist eine gewisse Unsicherheit dabei.


Frage: Mir fällt auf, dass Sie die Schreibweise 'Neandertaler' (ohne h) benutzen. Halten Sie es nicht für sinnvoller 'Neanderthaler' (mit th) zu schreiben, um auch begrifflich eher einen antiquierten Eindruck zu betonen?

Ralf Schmitz: Nach der orthographischen Konferenz von 1901 schreibt man Neandertaler ohne h.


Frage: Es gibt viele Theorien zum Aussterben des Neandertalers, welche halten Sie für am wahrscheinlichsten?

Ralf Schmitz: Ich denke, dass es ein Mosaik aus vielen Faktoren war: beispielsweise das Abdrängen in schlechtere Jagdgründe, eingeschleppte Krankheiten und geringere Fruchtbarkeit.


Frage: Die ersten Funde des Neandertalers wurden nicht im Neandertal gemacht. Gab es schon mal Überlegungen, ihn umzubenennen?

Ralf Schmitz: Solche Überlegungen sind nach der zoologischen Nomenklatur unzulässig.


Frage: Bisher galt der Neandertaler als steinzeitliches Raubein - für viele mehr Affe als Mensch. Tatsächlich zeichnet die moderne Forschung ein völlig anderes Bild. Sind Sie auch dieser Ansicht?

Ralf Schmitz: Ich sehe in den Neandertalern intelligente und einfühlsame Wesen.


Frage: Lebten Neandertaler auch in Norddeutschland?

Ralf Schmitz: Mit absoluter Sicherheit ja, nur wurden viele Spuren vom Eis der letzten Eiszeit zerstört.


Frage: Ich hatte während der Sendung ein Bild von der Dame aus der Grotte du Pape vor mir liegen. Ich finde seit jeher, dass sie wie eine Neandertalerin aussieht. Was sagen Sie dazu?

Ralf Schmitz: Es ist unwahrscheinlich, das Neandertaler so lange in Europa überlebt haben.

Anatomie / Genetik


Frage: Was hat die DNA-Analyse der Knochen ergeben?

Ralf Schmitz: Die Neandertaler waren wohl nicht unsere direkten Vorfahren. Wir werden dies aber noch an weiteren Proben überprüfen.


Frage: Ist das gefundene genetische Material des Neandertalers unzerstört oder sind nur Teilketten der DNS vorhanden?

Ralf Schmitz: Es sind nur kleine Fragmente erhalten.


Frage: Wurde denn nun aus den Knochen verwendbare DNA extrahiert?

Ralf Schmitz: Verwendbar im Sinne von Analysen ja, im Sinne von "Jurassic Park" ein klares Nein.


Frage: Mein Sohn (10) möchte wissen, ob Teile des genetischen Materials in uns heutigen Menschen weiterlebt oder ob er völlig ausgestorben ist.

Ralf Schmitz: Diese Frage wird im Rahmen eines neuen Projektes geklärt werden.


Frage: Mich würde der "Fingerabdruck" interessieren, haben Sie untersucht, ob es sich um Abdrücke von Jahresringen eines Baumstammes handeln kann?

Ralf Schmitz: Das ist noch nicht untersucht worden, aber eine interessante Idee.


Frage: Auf Arte kam auch eine Sendung über den Neandertaler. Dort sah er allerdings wesentlich primitiver aus (vor allem die Nasen und die Fellkleidung).

Ralf Schmitz: Ich finde die aktuelle Rekonstruktion besser , weil sie den Neandertaler als Menschen zeigt und nicht als primitiven Wilden.


Frage: Ist die aktuelle Rekonstruktion realistischer als andere?

Ralf Schmitz: Ja, das ist sie, weil sie auf neuen Knochenfunden basiert und mit Knochen eines sehr ähnlichen französischen Neandertaler ergänzt wurde.


Frage: Welche biologisch evolutionäre "Funktion" hatten die Überaugenwülste. Setzten hier starke Muskeln an?

Ralf Schmitz: Wahrscheinlich war es ein Kälteschutz des Gehirns.


Frage: Das Gehirn des Neandertalers war größer als das des modernen Menschen. Wenn man aber den Enzephalisationsquotienten berechnet, dann stimmt dies nicht mehr. Wie stehen Sie zu diesen Behauptungen?

Ralf Schmitz: Es kommt ja nicht nur auf die Größe des Gehirns an, sondern auch auf die Struktur. Über letztere wissen wir wenig.


Frage: Als der moderne Mensch nach Europa kam, stand die letzte Eiszeit noch bevor. Warum brauchte er keine Überaugenwülste?

Ralf Schmitz: Die Zeit reichte für eine solche Entwicklung nicht mehr aus.


Frage: Die Nachfahren vom homo erectus spalteten sich in zwei Zweige auf, wie muss man sich das eigentlich vorstellen?

Ralf Schmitz: Ein Zweig verblieb in Afrika, dies sind unsere Vorfahren. Der andere Zweig entstand in Europa und führte zu den Neandertalern.


Frage: Wie sah es mit den Geburten bei Neandertalerinnen aus? Der Schädel macht den Eindruck, dass er den Müttern bei der geburt ziemlich große Schwierigkeiten gemacht haben könnte. Hatten sie entsprechende Beckenknochen? Anderenfalls müssten ihre Kinder wohl besonders früh und unreif zur Welt gekommen sein.

Ralf Schmitz: Nach allen Befunden war der Geburtskanal entsprechend angepasst.


Frage: Stimmt es, dass die Neandertaler alle die Blutgruppe 0 hatten? Ist Blutgruppe 0 die älteste Blutgruppe überhaupt?

Ralf Schmitz: Dazu gibt es noch keine Untersuchungen.


Frage: Vor kurzem habe ich von neueren Erkenntnissen gehört, nach denen der Neandertaler gar nicht so sehr der 'Kälte angepasste Mensch" war, für den er lange Zeit gehalten wurde. Wie sehen Sie das?

Ralf Schmitz: Die Neandertaler der letzten Eiszeit waren sehr wohl dem eiszeitlichen Klima angepasst.

Leben


Frage: In der Dokumentation fand ich besonders interessant, dass es Treffen der Neandertaler gab. Können Sie etwas dazu sagen, wie sie zu Stande kamen? Wie haben sie sich verabredet?

Ralf Schmitz: Es ist davon auszugehen, dass die einzelnen Neandertalergruppen in losen Kontakt miteinander standen.


Frage: Welchen "Nutzen" hatte die Pflege Verwundeter und Versehrter für die Gemeinschaft?

Ralf Schmitz: Wir pflegen Kranke und Verwundete heute auch ohne nach dem Nutzen zu fragen. Das macht den Neandertaler sehr menschlich.


Frage: Im Film hieß es, es fanden sich Farben in den Gräbern. Heißt das es waren "Farbtöpfe", aber keine Zeichnungen?

Ralf Schmitz: Von den Fundplätzen der Neandertaler kennen wir Stücke roter, gelber, schwarzer Mineralfarbe, aber keine Höhlenmalereien.


Frage: Wie ist Ihre Meinung zu dem "Grab" von Shanidar? War es wirklich eine Bestattung?

Ralf Schmitz: Ja, es ist ein Bestattung, aber die Blumenpollen sind wahrscheinlich durch kleine Nagetiere eingeschleppt worden. Die Blumenbestattung von Shanidar entspricht somit nicht der Realität.


Frage: Gab es beim Neandertaler möglichweise Männer- oder Frauenüberschuss - eine Unausgewogenheit der Geschlechter?

Ralf Schmitz: Darüber wissen wir nichts.

Nahrungsaufnahme und Essgewohnheiten


Frage: Was ist dran an der These, dass die Neandertaler Kannibalen gewesen sein könnten?

Ralf Schmitz: Es gibt Schnittspuren auf Neandertalerknochen. Diese sind aber nach meiner Meinung eher mit Toten-Riten in Verbindung zu bringen.


Frage: Hat der Neandertaler im eigentlichen Sinne schon gekocht, oder das meiste roh gegessen??

Ralf Schmitz: Er hat definitiv gekocht.


Frage: Wie viele Krieger waren nötig, um ein ausgewachsenes Mammut zu erlegen?

Ralf Schmitz: Zehn erwachsene Leute würde man dafür schon brauchen.


Frage: Haben Frauen genauso viel gejagt wie Männer?

Ralf Schmitz: Das wissen wir nicht, aber es ist anzunehmen, das Frauen auch jagen konnten, wenn sie nicht gerade schwanger waren oder auf ein kleines Kind aufpassen mussten.


Frage: Gibt es Hinweise über Ackerbau bei Neandertalern?

Ralf Schmitz: Nein. Es würde mich auch wundern, denn die Neandertaler waren Jäger und Sammler.

Unterkunft


Frage: Wohnten die Neandertaler auch schon in Zelten, oder nur in Höhlen?

Ralf Schmitz: Ja, sie hatten auch Zelte. Die Stangen waren aus Holz oder Knochen. Die Zelthaut aus Fellen.


Frage: Waren die Neandertaler schon in der Lage, Häuser aus Stein oder Holz zu bauen? Oder war das Nomadenleben dazu zu unstet?

Ralf Schmitz: Häuser aus Stein und Holz sind nicht belegt, weil die Neandertaler regelmäßig ihre Lager verlegen mussten.

Werkzeuge


Frage: Zeigen Werkzeuge und Grabbeigaben eine ähnliche Qualität wie beim homo sapiens?

Ralf Schmitz: Ja, das tun sie.


Frage: Gibt es direkte Nachweise für die Verwendung von Birkenpech oder könnte es sich bei dem Fund auch um ein zufälliges natürliches Produkt handeln, beispielsweise durch Feuer oder Blitzschlag?

Ralf Schmitz: Nein, ein Fundstück vom Fundplatz Königsaue zeigt auf der einen Seite eine Abdruck eines Steinwerkzeuges und auf der anderen Seite die Holzmaserung des Schaftes.

Kunstgegenstände


Frage: Hat man Neandertaler-Kultgegenstände (Götterfiguren und ähnliches) gefunden?

Ralf Schmitz: Bisher noch nie.


Frage: Warum sind Sie so sicher, dass kulturelle Artefakte samt und sonders nicht vom Neandertaler stammten? Wenn sie immerzu dem Cromagnon-Menschen zugeschrieben werden, ist es ja kein wunder, dass man bisher noch keine Neandertaler-Kunst gefunden hat. Die meisten sehr frühen Funde stammen aber aus den von Neandertalern am dichtesten besiedelten Gegenden.

Ralf Schmitz: Alle derartigen Gegenstände, die eindeutig dem Neandertaler zuzuweisen sind, stammen aus Fundschichten des homo sapiens. Allerdings könnte es Malereien der Neandertaler geben, die bisher nicht als solche erkannt wurden.


Frage: Gibt es denn Fundstücke, die beweisen, dass Neandertaler Spielzeug hatten?

Ralf Schmitz: Es gibt manchmal stark verkleinerte Gebrauchsgegenstände, die so etwas sein könnten.


Frage: Ein wesentliches Merkmal des Menschseins ist ja die Musik. Gibt es irgendwelche Erkenntnisse, dass die Neandertaler eine Art von Musik kannten?

Ralf Schmitz: Darüber wissen wir nichts. Es gibt keine Musikinstrumente.


Frage: Hatten die Neandertaler tatsächlich Keulen?

Ralf Schmitz: Es gibt keine Belege für Holzkeulen, wohl aber für Speere.


Frage: Mich beschäftigt seit langer Zeit, wie sich die Urmenschen die Finger und Fußnägel geschnitten haben, obwohl es noch keine Scheren gab. Gibt es dafür Anhaltspunkte?

Ralf Schmitz: Darüber wissen wir leider gar nichts. Vielleicht mit scharfen Feuersteinklingen.


Frage: Der Neandertaler fertigte komplexe Dinge an, deren Herstellung ein Höchstmaß an Planung erforderte, sowie einen großen Erfahrungsschatz und viel Geduld. Die Neandertaler beobachteten ihre Umwelt genau und nutzten alle verfügbaren Ressourcen. Können Sie das bestätigen?

Ralf Schmitz: Ja, das kann ich bestätigen.

Schifffahrt und Astronomie


Frage: Gibt es eigentlich irgendwelche Hinweise, dass die Neandertaler sich auf dem Wasser fortbewegen konnten?

Ralf Schmitz: Bisher gibt es dafür keine Belege.


Frage: Beschäftigten sich Neandertaler mit Astronomie, wenn ja, richteten sie ihre Begräbnisse beziehungsweise Riten danach aus?

Ralf Schmitz: Wahrscheinlich habe sie sich an Sternen orientiert, aber Gräber sind wohl nicht danach ausgerichtet.

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