Chat-Protokoll

Fragen und Antworten zu "Der Neandertaler" (Teil 2)

Sprache


Frage: Halten Sie es für möglich, dass die komplexe Neandertaler-Lebensweise und Kultur trotz eines Fehlens komplexer Sprache entstanden sein konnte?

Ralf Schmitz: Nein. Ich halte Sprache für unabdingbar.


Frage: Warum glauben einige Forscher immer noch, der Neandertaler hätte, wenn überhaupt, nur über eine rudimentäre Sprache verfügt

Ralf Schmitz: Dies liegt an anatomischen Funden in der Frühzeit der Neandertalerforschung, die heute revidiert sind.


Frage: Hat der Wissenschaftler Pääbo Beweise, dass die Neandertaler sprechen konnten? Zum Beispiel zum FOXP2-Gen?
Ralf Schmitz: Danach werden wir im Rahmen eines neuen Projektes in den nächsten Jahren suchen.

Neandertaler und homo sapiens


Frage: War der Neandertaler schlauer als der homo sapiens?

Ralf Schmitz: Das denke ich nicht, aber er war ihm auch nicht unterlegen.


Frage: Wurden die Neandertaler vom homo sapiens gejagt?

Ralf Schmitz: Dafür gibt es keinen Beleg.


Frage: Die Neandertaler wurden ja anscheinend gut 40 Jahre alt. Wie alt wurden denn in dieser Zeit Angehörige des homo sapiens?

Ralf Schmitz: Genau so alt.


Frage: Wenn der Neandertaler mit Glück 40 Jahre alt wurde, war es dennoch auch für ihn mit besonders guten Anlagen und Glück möglich, auch mal 70 oder 80 zu werden, oder wäre die altersbedingte Gebrechlichkeit ein zu großes Hindernis gewesen?

Ralf Schmitz: Bei allen Menschen dieser Zeit scheint etwa 40 die Obergrenze gewesen zu sein.


Frage: Für den Ursprung des anatomisch modernen Menschen ist mir die "multiregionale Hypothese" und die "Out-of-Africa-Hypothese" bekannt. Könnten Sie dazu kurz Stellung nehmen?

Ralf Schmitz: Die genetischen Untersuchungen unterstützen das "Out-of-Africa-Model".


Frage: Der homo sapiens kam ja wohl aus Afrika, hatte er dann eher eine dunkle Hautfarbe? Und wo kam der Neandertaler her und welch Hautfarbe hatte er?

Ralf Schmitz: Der homo sapiens hatte eine dunkle Hautfarbe, der Neandertaler eine helle, da er in Europe entstand.


Frage: Wieso wird die Theorie, dass sich die unterschiedlichen Menschenarten schließlich zum homo sapiens sapiens vermischten, angezweifelt?

Ralf Schmitz: Dazu müsste man anatomisch moderne Menschen aus der Zeit der Neandertaler untersuchen. Die ersten Resultate zeigen aber auch keine Einmischung von Neandertaler-Genen.


Frage: Was glauben Sie? Konnten der homo sapiens und der Neandertaler fruchtbare Kinder zeugen? Waren sie also die gleiche Biospezies?

Ralf Schmitz: Es gibt bis heute keinen Mischling. Dies ist eine der spannendsten Fragen überhaupt.


Frage: Es gibt den Fund eines angeblichen Mischling-Kindes in Kroatien. Mir ist klar, dass die Frage der gemeinsamen Kinder noch nicht geklärt ist, aber haben Sie eine Tendenz?

Ralf Schmitz: Meinen Sie den Fund aus Portugal? Wahrscheinlich ist es doch kein Mischling.


Frage: Was spricht gegen die Mischlingsthese beim Fund in Portugal?

Ralf Schmitz: Untersuchungen des Schädels zeigen, dass er sich in die ganz normale Entwicklungsreihe moderner Kinderschädel einreiht.


Frage: Waren homo sapiens sapiens und homo neandertaliensis schon überhaupt in der Lage, sich als verschieden zu begreifen? Abseits von sozialer Gruppierung wie etwa ihrer Sippe?

Ralf Schmitz: Sie werden sich mit Sicherheit als jeweils andere Menschen verstanden haben.


Frage: Kennt man irgendwelche figürlichen Kunstwerke des Neandertalers oder zumindest Verzierungen auf Gebrauchsgegenständen? Falls nicht: würde das nicht auf einen großen geistigen Unterschied zum homo sapiens sapiens hindeuten?

Ralf Schmitz: Man kennt keine Kunst der Neandertaler, aber ich würde daraus nicht herleiten wollen, dass die Neandertaler primitiver waren.


Frage: Glauben Sie an eine Mischung von Neandertalern und dem homo sapiens?

Ralf Schmitz: Es gibt keinen Beleg für eine Mischung. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Neandertaler und moderne Menschen sich vermischt haben. Hier ist noch viel Forschung zu leisten.


Frage: Lief der Technologietransfer nur einseitig vom Menschen zum Neandertaler oder auch umgekehrt?

Ralf Schmitz: Wir denken, dass das in beide Richtungen ablief.

Persönliches


Frage: Wie kamen Sie auf diese Berufswahl?

Ralf Schmitz: Ich habe mich seit meiner Schulzeit für Archäologie interessiert.


Frage: Was empfinden Sie, wenn Sie 40.000 Jahre alte Knochen in der Hand halten?

Ralf Schmitz: Es ist atemberaubend, ein so altes Stück Menschenknochen in der Hand zu halten.


Frage: Sehen Sie in den ganzen Knochen einen Menschen oder eher wissenschaftliches Material?

Ralf Schmitz: Am Untersuchungstisch wissenschaftliches Material, in einer stillen Stunde denke ich oft darüber nach, was er erlebt und gefühlt hat.

Zu Projekt und Forschung


Frage: Gibt es zur Zeit Ausgrabungen von Neandertalerstätten in Deutschland oder Europa?

Ralf Schmitz: Ja, mein Kollege Jürgen Thissen macht eine spannende neandertalerzeitliche Ausgrabung in einem Braukohle-Tagebau.


Frage: In welchem Museum sind zur Zeit alle verfügbaren Exponate zu betrachten?

Ralf Schmitz: Im Rheinischen Landesmuseum Bonn.


Frage: Wie sehen Ihre aktuellen Untersuchungsobjekte aus? Arbeiten Genetiker und Archäologen Hand in Hand oder gibt es Konkurrenz?

Ralf Schmitz: Wir arbeiten Hand in Hand und haben gerade ein neues Projekt gegründet.


Frage: Stellt es nicht ein Problem dar, dass zwar in Europa die meisten Funde gemacht werden, dies aber nur, weil hier die besten Forschungsmöglichkeiten bestehen. Wie arbeiten Sie mit Forschern in Asien und Afrika zusammen?

Ralf Schmitz: Generell wird auf allen Kontinenten geforscht. Die Neandertaler scheinen auf Europa und den Nahen Osten beschränkt gewesen zu sein.


Frage: Hat man eine Chance, noch mehr Knochen zu finden?

Ralf Schmitz: Es gibt noch viele Stellen, an denen es sich zu graben lohnt.


Frage: Sind alle Grabungsfunde Zufall oder gehen Sie systematisch an möglichen Fundorten vor?

Ralf Schmitz: Manche sind Zufallsentdeckungen, andere beruhen auf systematischer Forschung.


Frage: Für einen heutigen Wissenschaftler ist es kaum vorstellbar, dass die Fundstelle der Knochen in der Folgezeit kaum noch Beachtung erfuhr, zumal die gefundenen Gebeine in einem gut erhaltenen Zustand waren. Ein Zerfall der restlichen 200 Knochen des Skelettes war damit unwahrscheinlich. Wieso wurde also nach den fehlenden Knochen nicht mehr gesucht?

Ralf Schmitz: Es hat um 1900 und 1983-1985 erfolglose Versuche gegeben. Das zeigt, dass es die Menschen immer beschäftigt hat.


Frage: Ist der Schädel in der Sendung der am besten erhaltene Neandertaler Schädel? Wie viele wurden ungefähr gefunden?

Ralf Schmitz: Wir kennen Reste von 300 Neandertalern. Viele sind sehr schlecht erhalten. Unser Neandertaler ist einer der besten Funde.


Frage: Gibt es eine Chance, mehr über die emotionale Welt der Neandertaler zu erfahren? Wie könnte dies geschehen?

Ralf Schmitz: Es ist sehr schwierig, sich über ein Distanz von mehr als 40.000 Jahren der geistigen Welt der Neandertaler anzunähern, doch zeigt beispielsweise die Pflege von Verletzten ein sehr humanes Bild.


Frage: Wo sind nach Ihrer Meinung gegenwärtig am ehesten neue Erkenntnisse zu gewinnen. Durch Ausgrabungen oder durch Genanalysen?

Ralf Schmitz: Sowohl als auch.


Frage: Werden Sie eine weitere Grabungskampagne im Neandertal durchführen?

Ralf Schmitz: Nein. Die restlichen Sedimente stehen unter Denkmalschutz und sind zukünftigen Generationen von Archäologen vorgehalten.


Frage: Könnte es nicht sein, dass der Neandertaler einfach eine Sackgasse in der Evolution war und sich deshalb nicht weiter entwickelt hat? Vielleicht war die Gesamtheit der Lebensumstände einfach gegen ihn?

Ralf Schmitz: Könnte sein.


Frage: Kann die These mit dem Zellfraß und Krebs verifiziert werden, oder geht das leider nicht?

Ralf Schmitz: Könnte sein, dass man das mit moderner Biochemie in ein paar Jahren kann.


Frage: Wie wird die Neandertalerforschung finanziert?

Ralf Schmitz: Aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfahlen und aus den Mitteln der jeweiligen Institute.


Frage: Es wurden hier bei Neandertal schon so viele Entdeckungen gemacht, was kann es jetzt noch Neues geben?

Ralf Schmitz: Ich persönlich rechne noch mit vielen Überraschungen, die die Neandertaler für uns bereit halten.

Sonstiges


Frage: Ich studiere Biologie und besuche zur zeit eine Evolutions-Vorlesung, in welcher das Thema aufkam, ob man den Neandertaler taxonomisch als homo neandertalensis oder als homo sapiens neandertalensis bezeichnet, also ob er im zweiten fall nur eine andere art des homo sapiens ist oder nicht. Wie würden sie die Frage beantworten?

Ralf Schmitz: Ist eine der spannendsten Fragen. Zur Zeit nicht zu klären.


Frage: Wo innerhalb der Homininen ist der Neandertaler nun einzuordnen? Am dichtesten zum homo sapiens oder eventuell doch zum homo erectus?

Ralf Schmitz: Weder noch. Die Nachfahren von Homo Erectus spalteten sich in zwei Zweige auf. Die einen sind wir, die anderen die Neandertaler.


Frage: Was halten Sie von Romanen wie "Ayla und der Clan des Bären" - was darf der Laie glauben?

Ralf Schmitz: Ich finde die Romane sehr gut und die Autorin lässt sich immer von Fachleuten beraten.


Frage: Im Neandertaler-Museum gibt es eine Ausstellung drüber, wie das Neandertalerbild sich im Laufe der Zeit wandelte. Mein Eindruck: In die Urmenschen wird das hineinprojiziert, was wir heute von uns (den Menschen) denken. Hat das nicht auch die ZDF-Sendung stark geprägt? Diese netten, sozialen Wesen ... so, wie es die Kinder heute als vorbildlich beigebracht kriegen.

Ralf Schmitz: Zeitgeist spielt immer eine Rolle. Doch zeichnet sich seit zwei Jahrzehnten ab, dass die Neandertaler soziale Wesen waren.


Frage: Verfügt das Rheinische Landesmuseum nur über Exponate aus Deutschland oder ganz Europa und Asien?

Ralf Schmitz: Überwiegend aus Deutschland.


Frage: Dass die Neandertaler ein größeres Gehirn hatten als unsereins, muss doch etwas zu bedeuten haben. Was haben die damit gemacht, was wir evtl. nicht können? Gibt es da Vermutungen?

Ralf Schmitz: Darüber gibt es keine Vermutungen, da die innere Struktur des Neandertalergehirnes uns verschlossen bleibt.


Frage: Vor kurzem sah ich eine Dokumentation über die Menschen von Flores. Wissen Sie, ob es sich dabei um eine Zwergform des homo sapiens handelte oder quasi eine Reliktform etwa des homo erectus?

Ralf Schmitz: Nach meiner Auffassung handelt es sich um eine Zwergform des Homo erectus.

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