Chat-Protokoll

Fragen und Antworten zu Homo Sapiens

Zahlreiche User stellten wissbegierig Fragen rund um das Thema und den Film Homo Sapiens. Die Experten Felix Hillgruber und Ruth Omphalius versuchten nach der Erstausstrahlung der Sendung im Chat möglichst viele Fragen zu beantworten.

Gattungen


Frage: Wie ist man auf den Namen Homo sapiens gekommen?

Felix Hillgruber: Die Nomenklatur geht unter anderem auf Naturwissenschaftler wie Carl von Linné mit seiner "Sythema naturae" zurück.


Frage: Gehört der Cro-Magnon Mensch noch zur Gattung der Homo sapiens oder bereits zur Gattung der Homo sapiens sapiens?

Hillgruber: Cro-Magnon Mensch = Homo sapiens. Geht man davon aus, dass der Neandertaler eine eigene Art ist, muss man vom Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neanderthalensi sprechen.



Frage: Worin unterscheidet sich der Cro-Magnon-Mensch von den heute lebenden Europäern und den modernen Menschen in Asien und Australien?

Hillgruber: Von der Morphologie unterschied er sich nicht von uns. Frühe Funde weisen noch eine größere Grazilität auf. Dies sind klimatische Anpassungen/Selektionen.


Frage: Wie viele Menschenarten hat es gleichzeitig zum Homo sapiens gegeben?

Ruth Omphalius: Diese Frage lässt sich nicht abschließend beantworten. Gerade erst ist eine völlig unbekannte Menschenart entdeckt worden, der Floresmensch in Indonesien. Ich nehme an, dass es noch weitere Funde geben könnte.


Frage: Von wem stammt der Ausdruck "anatomisch moderner Mensch"? Ist das gleichbedeutend mit "Homo sapiens"?

Hillgruber: Es ist gleichbedeutend.

Vermischung der Gattungen


Frage: Eine neue Hypothese zum Verschwinden der Neandertaler geht davon aus, dass diese nicht ausgestorben sind, sondern sich mit dem anatomisch modernen Menschen vermischt haben. Welche Faktoren sprechen für, welche gegen diese These?

Hillgruber: Diese Frage ist ungeklärt. Es gibt einen heftigen Streit ob Neandertaler und moderner Mensch Nachkommen haben konnten. Bisher gibt es aber keine Beweise. Genetische Untersuchungen deuten eher nicht darauf hin. Hybride gibt es bisher nur ein fragliches Exemplar in Portugal.


Frage: Gibt es DNA-Daten für die vermutete sapiens-Neandertal Beziehung?

Hillgruber: Für das Lagar-Velho Kind gibt es soweit ich weiß keine DNA-Daten. Wir haben leider aus der Frühzeit der Besiedlung Europas durch den anatomisch modernen Menschen kaum gut erhaltene Fossilien.


Frage: Konnte man bis heute (bei der hohen Zahl der vorhandenen Neandertaler-Fossilien) noch kein DNA-fähiges Material isolieren, um eine eventuelle Vermischung auszuschließen bzw. zu bestätigen

Hillgruber: Es gibt bereits eine Reihe von DNA-Ergebnissen. Auch der Original-Neandertaler von 1856 wurde untersucht. Dabei liegen die Neandertaler außerhalb der Variationsbreite heutiger Menschen.


Frage: Ist es denn wirklich so wahrscheinlich, dass der Homo sapiens dem Neandertaler, der ja immerhin angepasst und erfahren in seiner vertrauten Umgebung war so überlegen war, dass er ihn überlebte? Ist eine Vermischung nicht wahrscheinlicher?

Hillgruber: Wir kennen gar nicht alle Faktoren, die zu einem potenziellen Aussterben geführt haben können. Neue Grabungen in Südwestdeutschland ergeben jedoch eine Siedlungslücke zwischen Neandertaler und anatomisch modernen Menschen. Dort sind sie sich wahrscheinlich gar nicht begegnet. Im Moment wird gerne diskutiert, ob nicht der Erfolg unserer Art damit zusammen hängt, dass sie in ein bereits leeres Europa einwanderten.


Frage: Warum sind die Neandertaler ausgestorben?

Omphalius: Wahrscheinlich hat Homo sapiens den Neandertaler verdrängt, weil er einen geringfügigen Evolutionsvorteil hatte (Resistenz gegen Krankheitserreger, kürzere Schwangerschaft usw.)



Frage: Haben sich Erectus und Sapiens vermischt?

Omphalius: Es kommt ganz darauf an: Erectus ist der Vorgänger von Sapiens. Je nachdem, wen man noch zu den Erecti zählt oder schon zu den Sapiens. Auch später könnten sich Sapiens mit anderen Nachfahren des Erectus gekreuzt haben. Den letzten Beweis haben wir noch nicht.


Frage: Kann man davon ausgehen, dass Mischlingskinder von Neandertalern und Cro-Magnon Menschen von den Stämmen angenommen wurden, obwohl sie das Aussehen von beiden Rassen hatten?

Hillgruber: Auch dies ist spekulativ. Aber geht man davon aus, dass z.B. das Hybrid-Kind von "Lagar Velho" wirklich Merkmale von Neandertalern trägt, muss es akzeptiert worden sein. Es wurde mit Beigaben bestattet.


Frage: Ich habe gehört, der Homo sapiens ist genetisch ein ganz anderer Mensch als der Neanderthaler.

Hillgruber: Die genetischen Untersuchungen geben leider keine so eindeutige Aussage her. Gerade Genetiker sind sehr vorsichtig mit ihren Aussagen. Eine Vermischung können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen oder bestätigen.

Ausbreitung


Frage: Gibt es irgendwelche Hinweise, wo etwa der Homo sapiens zum ersten Mal aufgetreten ist und wann?

Omphalius: Die Forscher sind sich hier nicht ganz einig. Der Ort wird etwas weiträumig als Afrika angegeben.


Frage: Wie sind unsere Vorfahren denn nach Amerika gekommen sind. Man kann in den Büchern nämlich nur über Afrika, Europa und Asien nachlesen. Über Amerika steht jedoch nichts geschrieben.

Hillgruber: Während der letzten Eiszeit fiel eine Landbrücke (Behringstraße) trocken. An diesen Küstenverlauf konnte der Mensch und Tiere (z.B. das Pferd) nach Amerika wandern.


Frage: Welche Vormenschenart begab sich über die Landbrücke nach Amerika?

Hillgruber: Der anatomisch moderne Mensch.


Frage: Vor ca. 400.000 Jahren entstand Homo sapiens in Afrika. In Europa taucht er erst vor ca. 50.000 Jahren auf. Hat er also Afrika 350.000 Jahre nicht verlassen?

Hillgruber: Europa ist eine der Sackgassen der Wanderung. So ist z.B. der Nahe Osten früher, und mehrmals sowohl von Neandertalern, als auch von modernen Menschen besiedelt worden.


Frage: Die Aborigines haben Australien ja schon vor mindestens 40.000 Jahren besiedelt. Sind diese Menschen auch Nachkommen vom Erectus oder schon vom Sapiens?

Hillgruber: Auch die Aborigines sind Nachkommen vom anatomisch modernen Menschen. Homo erectus Nachkommen lebten aber noch parallel - wie z.B. der gerade erst entdeckte Mensch von Flores. Anpassung.


Frage: An welche Klimabedingungen war der Neandertaler angepasst? Inwiefern könnte die spezielle Anpassung zu seinem Aussterben beigetragen haben?

Hillgruber: Der Neandertaler lebte sowohl in Warm- als auch Kaltzeiten. Der klassische Neandertaler war aber besonders an das eiszeitliche Klima angepasst. Für das Aussterben des Neandertalers können die späten sehr heftigen Fluktuationen des Klimas ausschlaggebend gewesen sein. Ansonsten hat z.B. sein größeres Schädelvolumen möglicherweise eine höhere Kindersterblichkeit zur Folge gehabt.


Frage: Stimmt es, dass der moderne Mensch auf seiner Wanderung in die Welt seine Fähigkeit zur Anpassung zunehmend verloren hat? Ich kenne Aussagen, nach denen der moderne Mensch nach seiner Einwanderung nach Amerika weniger genetische Möglichkeiten hat auf Umweltveränderungen und Krankheiten zu reagieren.

Omphalius: Sapiens war eigentlich gerade deshalb so erfolgreich, weil er ein Opportunist war und nicht besonders angepasst. Wir haben auf unserer "Wanderung in die Welt" vor allem gelernt, uns kulturell anzupassen. Das heißt wir erfinden eher einen Impfstoff gegen eine neue Krankheit, als darauf zu warten, dass irgendjemand sich biologisch anpasst.


Frage: Ab wann gab es Menschen mit heller bzw. weißer Hautfarbe und wo ist diese genetische Veränderung eingetreten?

Hillgruber: Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht nennen. Die Durchsetzung dieses Merkmals wird aber mit der Besiedlung gemäßigter Klimata u.a. in Europa einher gegangen sein.


Frage: Wie überlebten die Sapiens die Eiszeit?

Hillgruber: Man darf sich die Eiszeit nicht als rein lebensfeindlich vorstellen. Es gab in der Peripherie Europas Refugien. Außerdem war die Biomasse an Herdentieren recht hoch. Manche Sprechen vom "Goldenen Zeitalter" der Eiszeitjäger.

Lebensweise


Frage: Wie alt sind die Menschen vor circa 40.000 Jahren durchschnittlich geworden?

Hillgruber: Die Lebenserwartung war nicht sonderlich hoch. Menschen ab 40 müssen als alte Menschen angesehen werden.


Frage: Wie entstanden die unterschiedlichen Haarfarben?

Omphalius: Meines Wissens gibt es noch keine Forschung, die eindeutig zeigt, wie die einzelnen Haarfarben entstanden sind.


Frage: Gab es früher schon einen "Barbier" o.Ä., der für die Körperpflege der Clanmitglieder etc. verantwortlich war?

Hillgruber: Wir kennen natürlich nur Hinterlassenschaften die sich überliefern. Dass der Mensch aber auf sein Äußeres achtete, wird spätestens mit dem Aufkommen von Schmuck klar.


Frage: Wie wurden Rituale ausgeführt, z.B. eine Vermählung? Gab es so etwas schon zu dieser Zeit?

Hillgruber: Natürlich müssen wir von einer Vielzahl von Ritualen ausgehen. Alleine die Bilderhöhlen in Frankreich und Spanien oder die Kleinkunst in Südwestdeutschland deuten darauf hin. Allgemein wird gerne mit Naturvölkern verglichen, z.B. Jagdrituale und Mannbarkeitsrituale. Ob die Partnerbindung mit einem "ehe-ähnlichen" Ritual begleitet war, ist nicht zu sagen.


Frage: Wie groß mussten die Gruppen sein, damit ihr Überleben gesichert war?

Hillgruber: Dies hängt mit der Mobilität einer Gruppe zusammen. Es muss ein genetischer Austausch gegeben sein. Man geht für die Hochzeit der letzten Eiszeit von nur wenigen zehntausend Menschen in Europa aus. Dementsprechend klein waren einzelne Gruppen, die aber untereinander Kontakt hatten. Ein gestörtes Kontaktnetzwerk mag u.a. zum Aussterben der Neanderthaler geführt haben.


Frage: Sind die Sapiens immer in Gruppen oder auch alleine zur Jagd losgezogen?

Hillgruber: Zur Großwildjagd bestimmt nur in Gruppen. Neben diesen war aber auch Kleinwild Beute. Diese können alleine erlegt werden.


Frage: In einer Dokumentation wurde die Behauptung aufgestellt, dass der letzte IQ-Sprung des Homo sapiens vor rund 25.000 Jahren liegt. Oder mit anderen Worten: der Homo sapiens vor 25.000 war genauso intelligent wie wir heute. Können Sie dieser These zustimmen?

Omphalius: Ich kenne diese Dokumentation nicht, kann also nur spekulieren. Was unsere Gehirngröße angeht, so hat sich in der Tat in den letzten 25.000 Jahren nichts mehr getan.


Frage: Wann hat der Mensch zum ersten Mal ein Stück Boden eingezäunt und gesagt "Das ist mein"?

Omphalius: Vor ungefähr 20.000 Jahren, mit Beginn der Sesshaftigkeit.


Frage: Ist es möglich, eine ungefähre Zeitangabe für beginnende "Arbeitsteilung" festzulegen?

Hillgruber: Für diese Frage hat jeder Archäologe seine eigene Antwort. Spätestens mit dem Aufkommen komplexerer Handlungen, wie Höhlenkunst wird man von Arbeitsteilung sprechen können. Auch weisen schwer behinderte Mitglieder von Gruppen darauf hin, dass diese noch eine nützliche Aufgabe innerhalb der Gruppe ausführen konnten. Dies ist noch für die Zeit des Neandertalers belegt.


Frage: Waren die Menschen "monogam? War es nicht besser, sein Erbgut möglichst breit zu streuen?

Omphalius: Sehr wahrscheinlich gab es immer so etwas wie Partnerschaften und das, was wir Betrug nennen. Diese Art von Nachwuchssicherung durch möglichst verschiedene Gene bei gleichzeitig stabiler Jungenaufzucht findet sich schon bei Schimpansen und Bonobos, unseren nächsten Verwandten.


Frage: Ab welchem Alter waren die Menschen geschlechtsreif?

Omphalius: Wir können hier nur vermuten, dass die Geschlechtsreife mit etwa dem gleichen Alter einsetzte wie heute bei Naturvölkern, also zwischen 13 und 17 Jahren. Natürlich war auch die Ernährungssituation sicherlich entscheidend.


Frage: Warum hat ein größeres Hirnvolumen Kindersterblichkeit zur Folge?

Omphalius: Um Kinder mit größeren Gehirnen (damit auch größeren Köpfen) gebären zu können, muss auch das Becken der Frau größer werden. Irgendwann ist hier allerdings eine Grenze erreicht, nämlich dann, wenn das Laufen behindert wird. Müssen großköpfige Babys durch relativ kleine Becken, wächst die Gefahr.


Frage: Ich weiß zwar, dass Neandertaler-Frauen eine schwerere Geburt hatten, aber hatten sie wirklich eine längere Schwangerschaft?

Omphalius: Das ist eine noch unbewiesene These, die aber immer wieder diskutiert wird.

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