Chat-Protokoll, Teil 2

Fragen und Antworten zu Homo Sapiens

Körperbau


Frage: Ist der Homo sapiens vom Körperbau anders als wir Menschen heute?

Felix Hillgruber: In den Grundzügen natürlich nicht. Trotzdem gibt es zahlreiche Merkmale am Schädel und auch am Körper, die sie unterscheiden. Am prominentesten sind u.a. die Oberaugenwülste, fliehende Stirn, fehlendes Kinn, tonnenförmiger Oberkörper, sehr viel massivere Knochen etc.


Frage: Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Affe?

Ruth Omphalius: Ich bin der Meinung: Es kommt ganz darauf an, wer diese Grenze zieht. Im Ernst: Bei unseren frühen Vorfahren (vor 7 oder 8 Mio. Jahren) waren die Unterschiede vielleicht nicht so besonders groß. Es gibt allerdings ein paar Merkmale, z.B. den aufrechten Gang und ein etwas größeres Gehirn.


Frage: Wie entwickelte sich der unterschiedliche Körperbau?

Hillgruber: Dies sind Anpassungen an verschiedene Klimata, wie wir es auch aus dem Tierreich kennen. So sind z.B. auch der warmzeitliche Neanderthaler, oder die Funde aus dem Nahen Osten sehr viel weniger robust, als die Neanderthaler, die wir im eiszeitlichen Europa (klassische Neanderthaler) kennen.

Sprache


Frage: Ab wann wurde eigentlich die "Sprache" des Homo sapiens so komplex, dass man von wirklicher Sprache sprechen kann? In den Beiträgen zumindest zu Beginn waren das eher "Grunzlaute".

Hillgruber: Sprache ist schon beim Neandertaler wahrscheinlich. Wir haben das Zungenbein von "Kebara". Die Zunge war länger und lag in der Mundhöhle statt im Hals, wie bei den modernen Menschen. Daher war die Bandbreite an Tönen, die die Neandertaler sprechen konnten eingeschränkt.


Frage: Woher weis man, dass Menschen tatsächlich eine Lautsprache hatten?

Omphalius: Diese Frage spaltet die Wissenschaft in zwei Lager. Wir können bei einigen Menschentypen die erforderlichen "Organe" nachweisen und wir wissen, dass gemeinschaftliche, geplante Aktionen durchgeführt wurden, die Kommunikation erfordern.

Rangordnung


Frage: Woher wissen die Wissenschaftler, dass es bei Homo erectus eine Rangordnung gab? Wie lässt sich das aus den spärlichen Funden herauslesen?

Hillgruber: Dies ist Interpretation. Aber auch im Tierreich hat jede Gruppe Alpha-Männchen und Weibchen, so dass wir dies auch für den frühen Menschen annehmen können. Später wird wohl besonders die Paarbildung für die soziale Entwicklung des modernen Menschen von Bedeutung sein


Frage: War der Rudelführer immer männlich?

Hillgruber: Kann man nicht beantworten. Die Bedeutung der Frauen wird jedoch z.B. durch die Frauenfiguren aus dem Magdalenien, oder den (im Vergleich zu wenigen Penisdarstellungen) zahlreichen Vulvendarstellungen sichtbar.

Haare / Kleidung


Frage: Gibt es Forschung darüber, ob der Verlust des Haarkleides mit dem aufrechten Gang in Zusammenhang stehen könnte? Weil sich zum Beispiel Kinder nicht mehr am Fell der Mutter festhalten konnten und getragen werden mussten?

Hillgruber: Der Verlust des Haarkleides wird heute gerne als eine Reaktion auf Parasiten interpretiert.


Frage: Wurden die Kleider von den Sapiens von bestimmten Tierfellen hergestellt?

Omphalius: Man kann dies nur vermuten. Zunächst weiß man anhand der in Höhlen gefundenen Tierknochen, welche Tiere bevorzugt gejagt wurden. z.B. Rentiere und Wildpferde. Wahrscheinlich gab es aber auch Felle von Raubtieren, wie Bären und Wölfen (sind sehr warm und man hat sich ja gern schon immer mit erlegten Feinden geschmückt)

Kunst


Frage: Weiß man woraus die Farben für die ersten Wandmalereien gemacht wurden?

Hillgruber: Man hat unter anderem Holzkohle, Ocker und verschiedene Metalloxide genutzt.


Frage: Die Höhlenmalereien von Chauvet sind 35.000 Jahre alt, also zu "Lebzeiten" des Neandertalers entstanden. Könnte nicht er die Höhlenmalerei erfunden haben?

Hillgruber: Wir haben aus keiner Fundstelle des Neandertalers wirkliche Kunstspuren - mit Ausnahme einiger weniger Knochen mit Ritzungen. Die Höhlenmalereien der Grotte chauvet werden dem aurignacien zugesprochen (moderner Mensch).


Frage: Gibt es ein Kunstwerk (Bein, Stein o.ä.) das nicht eine Frau darstellt?

Hillgruber: Die älteste Kleinkunst stellt eher Tiere dar. Besonders bekannt sind z.B. die Funde von der schwäbischen Alb....also Pferde, Mammut, Bison, Löwe etc. Dazu gibt es noch Zwitterwesen wie den Löwenmenschen. Es gibt u.a. aus der Höhlenkunst eine Schamanen/Zwitterdarstellung mit Penis. Aus der frühen Kleinkunst ist mir keine eindeutige männliche Darstellung bekannt.

Domestikation


Frage: Waren Wölfe wirklich die ersten Tiere, die der Mensch domestizierte?

Hillgruber: Ja, wir haben die frühesten Belege von Wolf/Hundedomestikation aus dem Mesolithikum/Mittelsteinzeit. Die große Welle der Tierdomestikation beginnt dann im Nahen Osten ab dem Neolithikum/Jungsteinzeit mit Nutztieren.


Frage: Inzwischen weisen mehrere genetische Untersuchungen auf eine Zeit von 150.000 Jahren für die Anfänge der Domestikation der Haushunde. In der Grotte Chauvet wurden Fußspuren von Hunden gefunden, die definitiv älter als 25.000 Jahre datiert worden sind. Die konservative These der späten Domestikation von Hunden (im Mesolithikum) lässt sich nicht mehr länger halten.

Hillgruber: Da könnten Sie recht haben. Ich kenne den Befund der Hundespuren aus der Grotte chauvet nicht.

Boote


Frage: Ab wann und wo gibt es als erstes archäologische Nachweise von Booten; in wie weit waren diese hochseetauglich?

Omphalius: Die archäologischen Nachweise von Booten gehen meines Wissens nicht weiter zurück als bis in die Antike. In Bezug auf den frühen sapiens sind wir rein auf Spekulationen und Plausibilitätsüberlegungen angewiesen.

Film


Frage: Im erstenTeil von "Homo Sapiens" hat man eine frühe Sapiens-Gruppe über die Alpen wandern gesehen. Warum konstruiert man so etwas, obwohl es keinen einzigen archäologischen Beleg dafür gibt?

Omphalius: Es gibt auch keinen Beweis dagegen. Für einen Film ist natürlich auch wichtig, die Willenskraft und vielleicht das Visionäre dieser frühen Ahnen in großen Bildern darzustellen.


Frage: Gibt es eigentlich irgendeinen Beleg für die "rätselhafte" Krankheit, die den Neandertalern in "Homo Sapiens" "angedichtet" worden ist?

Omphalius: Nein! Allerdings gibt es in letzter Zeit immer mehr Forscher, die den Einfluss von Krankheiten und Parasiten auf die Menschheitsentwicklung untersuchen. Wir können diese Kleinstlebewesen nicht nachweisen, sondern nur anhand der Bevölkerungsentwicklung bzw. des Schwundes der Bevölkerung von ähnlichen Ereignissen auf die Situation der Neandertaler schließen.


Frage: Warum traut man diesen Homo sapiens im Film denn nicht ein bisschen mehr koordinierte Konversation zu?

Omphalius: Wir sind eigentlich der Meinung dem sapiens schon eine Menge koordinierte Konversation zugetraut zu haben. Die im Film verwendete Sprache wurde von einem Wissenschaftlerteam extra entwickelt und basiert auf einem Grundwortschatz, der in allen Sprachen gleich oder ähnlich klingt (Ama, Mama, Maman, etc. für das Weibliche bzw. die Mutter)


Frage: Im ersten Teil von "Homo Sapiens" wurde behauptet, dass bei Homo sapiens ein Matriarchat herrschte. Nach Untersuchungen an 92 Kulturen (weltweit) von Martin Whyte ist eine Vorstellung, dass Frauen alleiniges Entscheidungsrecht hatten, wohl fraglich, da er kein Matriarchat finden konnte. Wahrscheinlicher ist daher die Aufteilung des Entscheidungsrechts auf bestimmte Bereiche. Offen bleibt, wie der Film seine Annahmen bestätigen würde.

Omphalius: Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die sich vor allem auf die Kunstgegenstände und Objekte stützen. An vielen verschiedenen Orten sind Darstellungen von Muttergottheiten gefunden worden, die auf eine wichtige Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft schließen lassen. Felix Hillgruber: Dies ist auch wieder Ansichtssache der einzelnen Wissenschaftler. Beweisen kann man solche Fragen kaum.


Frage: Im ersten Teil von "Homo Sapiens" wurde behauptet, dass Homo erectus Kleidung erfunden hätte, um sich vor Insekten zu schützen. Könnte er dies nicht auch getan haben, um sich vor Kälte zu schützen? Welche Argumente stützen die Annahmen?

Omphalius: Ja, in der Tat. Es gibt sogar Wissenschaftler, die behaupten der sapiens habe sein ursprüngliches Haarkleid überhaupt nur wegen der Läuse verloren. Ich glaube hier ist noch einiges an Forschung nötig.


Frage: Warum verwendet man Stereotypen von Fell-Lumpen als Bekleidung im subarktischen Klima? Warum orientiert man sich nicht an Bekleidungen, wie es die Gräber von Sungir zum Beispiel bewiesen haben?

Omphalius: Nach wie vor gibt es in der Wissenschaft die Meinung, dass die Kleidung erst eine relativ späte Erfindung war. Ich persönlich halte es auch nicht für möglich, nur mit Fellen bekleidet eine Eiszeit zu überstehen.


Frage: Die Gräber von Sungir datieren immerhin ins Gravettien. Der Schmuckbesatz war aufgenäht, die Kleidung sicher auch funktional vernäht. Fürs nächste Projekt dieser Art wünsche ich mir solide Recherchen, die Sie durch Hinzuziehung von einheimischen Archäologen sicher gern erhalten können.

Omphalius: Wir haben als wissenschaftlichen Leiter der Sendung Yves Coppens, einen der großen alten Männer der Paläoanthropologie gewonnen. Damit denke ich, dass wir unsere Recherchepflicht genüge getan haben. In der Wissenschaft gibt es nun einmal unterschiedliche Auffassungen. Wir als Filmemacher müssen uns für eine entscheiden.


Frage: Hat es den "Wolfsjungen" wirklich gegeben?

Omphalius: Kinder, die von Wölfen aufgezogen wurden, gibt es in vielen Märchen und Legenden. Die berühmteste Geschichte zu diesem Thema ist die Story von Romulus und Remus und der römischen Wölfin. Es liegt also nahe, anzunehmen, dass es "Wolfskinder" gegeben hat. Unser Wolfsjunge ist eine Idee des Regisseurs Jacques Malaterre.

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