Chatbericht Piramesse

Fragen an den Archäologen Dr. Edgar B. Pusch

Im Anschluss an die Sendung beantwortete Edgar B. Pusch die zahlreichen Fragen der User zum Thema Piramesse. Der Archäologe ist Grabungsleiter Qantir-Piramesse und arbeitet für das Pelizaeus-Museum, Hildesheim. Besonders freut uns, dass er im Nachhinein noch Stellung zu Fragen bezog, die im knapp 90-minütigen Chat leider nicht berücksichtigt werden konnten.

Edgar Pusch Quelle: ZDF

Ausgrabungen


Frage: Wo genau liegt der Fundort?

Dr. Edgar B. Pusch: Qantir liegt im östlichen Nildelta, in der ägyptischen Provinz Sharkija, im Kreis Faqus. Von dort sind es auf dem Weg nach Tanis längs der Hauptstraße zwischen Faqus und Hussanija circa neun Kilometer. Wenn Sie es sich im Internet anschauen wollen: Geben Sie in Google Earth den Ort "Faqus" ein. Sie werden zu einem Ort geleitet, der nicht Faqus, sondern Abu Kebir ist. Bewegen Sie das Bild horizontal längs einer Straße nach links, bis Sie den Ort "Ad Didamun" finden (die größere Stadt südlich davon ist Faqus), verschieben Sie das Bild nach oben, bis sie auch die beiden Ort "Al Ghazali" und "As Sama'inah" im Bild haben. Auf halber Strecke zwischen diesen beiden sehen sie Qantir (Zentrum ca. 30°49'27'' N / 31°15'78'' O).

An der zweiten Brücke können Sie als kleinen grünen Fleck unser Grabungshaus, im Süden der Ortschaft den langgestreckt braunen Grabungsplatz Q VII inmitten grüner Felder entdecken, dem unsere Keilschrifttafel entstammt. Viel Spaß beim Suchen. Übrigens: Auch der Punkt für "Auaris" liegt an der falschen Stelle.


Frage: Wie groß ist das Grabungsteam, wie lange dauert eine Kampagne, und welcher Art sind ihre Spezialisten?

Pusch: Die Größe des Teams hängt von der Aufgabenstellung und natürlich dem zur Verfügung stehenden Geld ab. Es umfasst in der Regel zwischen zehn und circa 25 Spezialisten, zu denen Zeichner, Photographen, Restauratoren, Grabungstechniker und Archäologen mit unterschiedlichen Spezialgebieten gehören. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit kann ich Geophysiker, Palaeobotaniker, Palaeoanatome, Anthropologen, Bauforscher, Metallurgen und Spezialisten verschiedener Kulturen nennen. Dazu zählen auch Studenten, die ein Praktikum absolvieren können. Eine Kampagne dauert circa drei bis vier Monate. Außerdem wirken bis zu 250 ägyptische Spezialisten und Hilfskräfte mit, die die Hauptlast der eigentlichen Grabungstätigkeit leisten.


Frage: Was geschieht mit den Fundstücken aus Tanis? Werden sie zusammengefügt oder an ihren (wenn bekannten) Ursprungs-Ort gebracht?

Pusch: Die Objekte bleiben dort, wo sie sind. Der französische Kollege Philippe Brissaud rekonstruiert alles so gut wie möglich. Eine Rückführung an den ursprünglichen Ort der Aufstellung ist ausgeschlossen - hat doch auch Ramses II. zahlreiche Statuen usurpiert, verschleppt und in Piramesse aufgestellt.


Frage: Werden die kleineren ausgegrabenen Stücke zu besichtigen sein?

Pusch: Nein, sie sind zur Zeit im Magazin unter Verschluss der Altertümerverwaltung. Allerdings befindet sich eine Site-Museum gemeinsam mit den österreichischen Kollegen in der Planung, doch das kann noch dauern.


Frage: Man hat manchmal gehört, dass die Arbeiten von angesehenen Archäologen durch die ägyptische Altertümerverwaltung erschwert werden. Stimmt das?

Pusch: Nein. Die SCA unterstützt die Ausgrabungsarbeiten in jeder Beziehung. Nicht nur wir werden von der Altertümerverwaltung hervorragend unterstützt - wenn auch nicht finanziell - jährlich arbeiten rund zweihundert bis dreihundert nicht-ägyptische Missionen im Lande.


Frage: Welcher Art sind die Erkenntnisse, die Sie noch in Piramesse erwarten?

Pusch: Ich erwarte mehr Aussagen zu internationalen Beziehungen, Technologietransfer, Wissenstransfer, Erkenntnisse zu Stadtstrukturen und sicherlich noch manche Details, von denen wir heute noch nicht einmal zu träumen wagen.


Frage: Was meinen Sie mit dem Begriff "Technologie-Transfer"?

Pusch: Wir stellen immer wieder fest, dass Wissen von einer Kultur zu einer anderen wandert. Das Wissen beispielsweise um die Produktion von Glas wanderte von Mesopotamien (mit seinen Rezepten) nach Ägypten. Lange gab es einen Streit, ob die Ägypter in der Lage waren, Glas selbst zu produzieren. Wir haben in Qantir den Nachweis dafür - demnächst mit einem umfassenden Band in den Forschungen in der Ramses-Stadt als Band 6 erscheinend (Gerstenberg-Verlag Hildesheim).


Frage: Wie ist es möglich, dass sich Spuren der Siedlung derart gut erhalten, obwohl dort über Jahrhunderte Ackerbau betrieben wurde?

Pusch: Die oberen Schichten - Mauern, Fußböden, Objekte in ihnen - sind verloren, da die Siedlung schon sehr lange bestand. Außerdem fanden wir bisher nur die Mauern, Scherben und den nicht-organischen Abfall in unserem Projekt. Dass beispielsweise das Grab des Tutanchamun so gut erhalten blieb, liegt an dem trockenen Klima Ägyptens.


Frage: In der Sendung wurde angesprochen, dass die Statuen von Ramses in Tanis überwiegend ohne Basis beziehungsweise Füße entdeckt wurden. Dies sei ein Beleg, dass die Statuen ursprünglich an einem anderen Platz gestanden haben. Das finde ich jedoch nicht unbedingt schlüssig. Warum sollte man Kolossalplastiken ohne Füße beziehungsweise Basis abtransportieren und wie hat man sie dann etwa 30 Kilometer nördlich davon ohne diese wieder aufgestellt?

Pusch: Die Darstellung in der Sendung ist verkürzt. Die Statuen und anderen Architekturteile wurden abtransportiert, aber nicht nur, um sie wieder aufzustellen - beispielsweise die Obelisken - sondern auch, um sie schlichtweg als Baumaterial zu verwenden. Die Residenz diente als willkommener Steinbruch, da alle anderen Steinbrüche viel weiter entfernt waren: zum Beispiel der Mokattam bei Kairo für Kalkstein, die Alabaster-Steinbrüche bei Hatnub in Mittelägypten, die Sandsteinbrüche am Gebel el-Silsile in Oberägypten, die Granit- und Quarzit-Steinbrüche bei Assuan. Insbesondere Stein wurde durch die gesamte ägyptische Geschichte immer wieder erneut verwertet.

Die Namens-Kartuschen der Vorgänger zum Beispiel auf Statuen und Obelisken, aber auch auf bestehenden Tempelwänden wurden durch die eigenen Herrschernamen ersetzt, falls die betreffenden Stücke nicht nur als billiges Baumaterial (so genenannten Spolien), sondern in ihrer ursprünglichen Form weiter verwendet wurden.


Frage: Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie Piramesse gefunden haben und wie lange, bis Sie das große Areal gescannt hatten?

Pusch: Wir sind 1980 angetreten, um die Theorien von Manfred Bietak zu prüfen, zu bestätigen, zu ergänzen oder auch gar zu verwerfen - ein wissenschaftlicher Prozess. Wir fanden jenseits der im Film genannten Stücke Objekte, die die Identifikation zweifelsfrei erweisen. Dazu gehören auch zwei Architekturteile - ein umgearbeiteter Türsturz, der dann als Säulenbasis diente, und ein Türpfosten - die den Namen Piramesse "Haus des Ramses" in ihren Inschriften enthalten. Gemessen haben wir von 1996 bis 2003 - in rund 60 Arbeitstagen etwa zwei Quadratkilometer.


Frage: Kann man aufgrund der Grundrisse Aussagen machen über die Größe der Landstreitkräfte von damals? Anzahl der Wagen, der Pferde oder Infanterie?

Pusch: Grundsätzlich ja, aber dies ist schwierig zu kalkulieren. Die Stallungen, die wir fanden, beherbergten rund 460 Pferde und waren sicherlich nicht die einzigen ihrer Art - weder in Piramesse, noch auf ganz Ägypten bezogen. Die Quantitäten der Infanterie mit circa 20.000 Mann in vier Divisionen namens Amun, Re, Ptah und Seth in der Qadesch-Schlacht sind wohl kaum Fiktion.

Die magnetische Prospektion zeigt außerdem auf mehr als zwei Kilometer Länge das nördliche Ufer des Pelusischen Nilarmes; ein Teil davon dürfte oder könnte zum Hafen gehört haben, in dem auch Schiffe als Truppentransporter lagen. Von den Truppenkontingenten, die im "Hymnus auf die Ramses-Stadt" genannt sind - "... Hauptquartier Deiner Streitwagentruppen, Musterungsplatz Deiner Fußtruppen, Hafen Deiner Schiffstruppen ..." - hätten wir immerhin zwei "erfasst", allerdings ohne dass wir diesen gesicherte Quantitäten zuweisen könnten.


Frage: Wie ist es zu erklären, dass die Verrückung einer ganzen Stadt nie in schriftlichen Quellen genannt wurde?

Pusch: Dies ist auf eine deutliche Lücke in der schriftlichen Überlieferung zurückzuführen. Außerdem haben sich die späteren Herrscher gerne in die große Tradition der Ramsesstadt gestellt.


Frage: Wie kann man erklären, dass das bronzene Fundstück (die vollständige Trense eines Pferdes) in zehn Zentimetern Tiefe keine Korrosionserscheinungen zeigt?

Pusch: Das Trensenpaar, von dem nur eine gezeigt wurde, war zusammenkorrodiert. Es wurde fachmännisch gereinigt und ist so wieder voll funktionsfähig. Das Metall war in der Substanz hervorragend erhalten.


Frage: Warum ist es nicht möglich, die gesamte Stadt auszugraben?

Pusch: Die Stadt ist viel zu groß: etwa 30 Quadratkilometer insgesamt, das Zentrum allein misst rund 15 Quadratkilometer - alles in allem etwa die Größe von Hildesheim oder einer entsprechenden Großstadt in Deutschland. Dies wäre eine Arbeit für mehrere Jahrhunderte. Außerdem befindet sich nahezu das gesamte Land in privatem Besitz und muß von den Eigentümern gegen eine Ernte-Ausfall-Entschädigung aus dem Grabungsbudget angemietet werden.


Frage: Werden Sie noch weitere Scannungen vornehmen? Ist die Chance, noch zusätzlich etwas Interessantes und Außergewöhnliches zu finden, sehr groß?

Pusch: Ja durchaus, aber zur Zeit haben wir weder die Mittel, noch die Zeit, die magnetischen Prospektionen oder die Grabungen weiterzuführen.


Frage: Kann man Piramesse besichtigen?

Pusch: Ja, aber man sieht leider nichts, wie der Film deutlich zeigt! Meine Empfehlung: Fahren Sie dort vorbei und schauen Sie sich anschließend die oberen Teile von Piramesse in Tanis an.


Frage: In wiefern sind die Arbeiten am Projekt Piramesse schon abgeschlossen? Oder laufen sie noch?

Pusch: Die Arbeiten sind in ihrer Auswertungsphase. Gegraben oder magnetisch gemessen wird zur Zeit nicht mehr.


Frage: Wie werden solche großen Grabungsprojekte finanziert?

Pusch: Es gibt verschiedene Geldtöpfe. Unser Projekt wird voll und ganz von der Deutschen Forschungsgemeinschaft Bonn (DFG) finanziert. Weitere Geldgeber wären allerdings äußerst wünschenswert. Spenden sind immer herzlich willkommen, ob groß oder klein. Ein Spendenkonto kann beim ZDF erfragt werden.


Frage: Da ich, aus Österreich stammend, Archäologie, im speziellen Ägyptologie, studieren möchte, wende ich mich an Sie und würde gerne wissen, welche Universität in Deutschland Sie mir für mein Studium empfehlen können. Zudem interessiert mich sehr, ob es eventuell eine Möglichkeit gibt, als Studienanfänger an einer Grabungskampagne in Ägypten teilzunehmen.

Pusch: In Wien gibt es ein hervorragendes Institut unter der Leitung von Prof. Manfred Bietak. In Deutschland gibt es zahlreiche Institute, die jeweils andere Schwerpunkte haben. Unter gewissen Umständen ist es möglich, an Kampagnen teilzunehmen, bei mir oder bei Kollegen. Einschlägige Institute finden Sie im "Informationsblatt der Deutsprachigen Ägyptologie" im Internet.

Technisches


Frage: Ist die Technik der magnetischen Messungen heute verbessert, sind die Auflösungen höher? Was ist in der Zukunft in dieser Hinsicht noch zu erwarten?

Pusch: Ich bin kein Geophysiker, aber nach Aussage der weltweit größten Spezialisten, Dr. Helmut Becker und Dr. Jörg Fassbinder, geht es kaum präziser, als wir gemessen haben.


Frage: Wurden noch andere geophysikalische Meßmethoden angewandt? Beispielsweise Geoelektrik oder ein Georadar?

Pusch: Wir haben mit einem Caesium-Magnetometer SMARTMAG SM4G-Spezial in Doppelsensor-Konfiguration gemessen. 1996 wurden zum Vergleich das Fluxgate-Gradiometer FM36 und das Erdwiderstandsmessgerät Multiplex MPX15 eingesetzt. Ersteres liefert vergleichbare Ergebnisse, ist jedoch wesentlich langsamer; letzteres liefert nur die Steinteile, keine Mauern. Georadar ist wegen der Reflektion durch den dicht unter der Oberfläche liegenden Grundwasserspiegel leider


Frage: Im Film wurde gezeigt, dass die Rekonstruktion der versandeten Flussläufe über die Auswertung von Höhenlinien auf Karten vorgenommen wurde. Ich lerne gerade während des Studiums, dass auch und gerade Bohrungen ein geeignetes Mittel darstellen, um Flussläufe zu rekonstruieren. Spielten solche Bohrungen im Fall Qantir keine Rolle?

Pusch: Das ist selbstverständlich richtig. Bei der Gesamt-Rekonstruktion der Deltaflussläufe spielten sie keine Rolle, jedoch war genau diese Technik das geeignete Mittel, um den Siedlungsgrund von Auaris-Piramesse zu ermitteln. Der Kollege Dr. Josef Dorner vom Österreichischen Archäologischen Institut Kairo (ÖAI) nahm zu diesem Zweck mehr als 600 Bohrungen vor.


Frage: In der Sendung heißt es, dass man die Keramik auf bis zu 50 Jahre genau datieren kann. Passiert dieses über Vergleichskeramik oder wie kann man so nahe an das Entstehungsdatum kommen?

Pusch: So ist es. Vergleichskeramiken aus anderen Projekte, die Verfolgung geringster Formentwicklungen und Vergleiche mit Funden aus anderen Kulturkreisen helfen bei der Datierung ernorm weiter.


Frage: Wenn für die Datierung von Keramiken Vergleichskeramiken benutzt werden, muss es aber dennoch irgendwann einmal eine Datierung einer solchen Keramik gegeben haben, um sie als Vergleichsobjekt einsetzen zu können. Wie wurde diese durchgeführt?

Pusch: Eine hochkomplexe Frage! Keramik steht ja nicht frei in einem Raum, sondern in einer gesamten Kultur. Hier greifen Synchronismen - ein datierter Text mit Namensnennung eines Herrschers in einem Gefäß zum Beispiel. Außerdem wandeln sich Formen, Techniken und Oberflächengestaltung. Wenn wir beispielsweise an die 60er und 70er Jahre zurückdenken: unser Geschirr sah damals auch anders aus. Der relativ langsame, aber deutliche Wandel lässt sich verfolgen.

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