Christentum versus Islam

Glaubenskrieg um die Vorherrschaft in der westlichen Welt

Noch immer hat der Kaiser keine Entscheidung gefällt. So begibt sich Kusanus in ein Kloster, um einen Verbündeten aufzusuchen. Klöster gehören zu dem Wenigen, was im 15. Jahrhundert in Konstantinopel noch intakt ist. Hier trifft er einen der größten byzantinischen Gelehrten jener Zeit: den Erzbischof von Nikäa, Basilius Bessarion.

Obwohl Bessarion der griechisch-orthodoxen Kirche angehört, zählt er zu den Befürwortern der Union mit dem Papst. Er teilt mit Kusanus das große Interesse an den Wissenschaften.

Klassiker der Antike

Auch wenn die Kreuzritter die Stadt ihrer materiellen Reichtümer beraubt hatten, das geistige und intellektuelle Leben konnten sie nicht zerstören. Vor allem hinter Klostermauern ist in den Bibliotheken vieles bewahrt geblieben. Die Klassiker der Antike, jahrhundertealte theologische Abhandlungen großer Kirchenväter, naturwissenschaftliche oder medizinische Schriften.

Kusanus nutzt jede Gelegenheit, alles in sich aufzusaugen, dankbar für die Möglichkeit, Schriften zu studieren, die im Westen unbekannt, ja oft sogar verbotenen sind. Arabische Naturwissenschaftler, Mediziner oder Philosophen waren ihren westlichen Kollegen weit voraus. Er erwirbt seltene Handschriften, sammelt an astronomischen Instrumenten, was er bekommen kann.

Enormer Wissensdurst

Die Grenzen zwischen Astronomie und Astrologie sind im Mittelalter fließend. Von Kusanus ist überliefert, dass er sogar den Tag des Jüngsten Gerichts durch Berechnungen vorausbestimmen wollte - wenn auch vergebens. Der Wissensdurst des jungen Gelehrten ist kaum zu stillen. Und in dem Kloster scheint die Welt noch ganz in Ordnung zu sein. Die Klöster schaffen es sogar, in den Zeiten der Belagerung ihr reges religiöses und intellektuelles Wirken aufrecht zu erhalten.

Doch in der belagerten Stadt verschärft sich die Lage von Tag zu Tag. Lebensmittel werden immer knapper. Wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt und schlägt sich draußen durch. Längst schon gibt es keine schlagkräftige Armee mehr, die die Stadt schützen könnte. Nur noch 7000 Soldaten kann der Kaiser aufbieten, davon 2000 Söldner. Die Osmanischen Armeen sind über hunderttausend Mann stark. Von beiden Kriegsparteien wird der Kampf um Konstantinopel zum Glaubenskrieg erhoben. Es ist das Zeitalter, in dem Christentum und Islam um die Vorherrschaft in der westlichen Welt kämpfen.

Auseinandersetzung mit dem Islam

Die Auseinandersetzung mit dem Islam ist für die intellektuelle Elite im Westen - und auch für Kusanus - ein heiß diskutiertes Thema. Kusanus ist vom christlichen Glauben überzeugt. Er will keinen Krieg, er will den Islam theologisch und intellektuell widerlegen. Doch dazu muss er tief in das Wissen des Islam eindringen - vor allem in den Koran. Es gelingt ihm in Konstantinopel, eine der seltenen und überaus kostbaren Koranübersetzungen in seinen Besitz zu bringen. In den Klöstern von Konstantinopel erwirbt Kusanus weitere wertvolle Handschriften. In seiner Bibliothek in Bernkastel/Kues gibt es noch heute Exemplare, die er persönlich aus Konstantinopel mitbrachte.

Nach langem Zögern hat der Kaiser endlich Vertrauen zu Kusanus gefasst. Dazu hat auch beigetragen, dass dem bankrotten Herrscher 70.000 Golddukaten in Aussicht gestellt werden, in einer Bank in Florenz hinterlegt. Da zeichnet sich neues Unheil ab. Der Papst muss in Italien selbst um seine Macht kämpfen - gegen eine Opposition mächtiger Kardinäle. Sie schicken eine eigene Delegation nach Konstantinopel mit dem Auftrag, alles zu versuchen, um die päpstliche Mission, in der auch Kusanus unterwegs ist, zu vereiteln.

Tiefer Riss durch die Gefolgschaft

Kaiser Johannes VIII. gerät immer mehr in die Enge. Er sieht sich nicht nur von den Osmanen bedroht und von den Delegationen aus dem Westen unter Druck gesetzt. Am Hof des Kaisers geht auch ein tiefer Riss durch seine Gefolgschaft. Die meisten Byzantiner sehen seit dem Überfall der Kreuzfahrer im Papst einen mindesten ebenso schlimmen Feind wie im türkischen Sultan. Mit aller Macht versuchen die Papstgegner, den Kaiser von einem Bündnis mit dem Westen abzuhalten. Aber Kusanus kann auf Erzbischof Bessarion zählen, der nach wie vor in der Union der Kirchen die einzige Chance für das Überleben Konstantinopels sieht. Die Stimmung ist aufgeheizt, dem Herrscher droht eine Revolte aus den eigenen Reihen.

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